Spiel mit der Angst
08.04.2010 | 22:15 Uhr 2010-04-08T22:15:00+0200
Am Niederrhein. Wovor haben junge Menschen Angst? Vor schlechten Schulnoten oder unwägbaren Berufsaussichten, womöglich. Vielleicht auch vor Einsamkeit, dem Ende der Liebe oder radikal islamistischen Terroristen.
Über die Furcht vor letzteren haben jetzt zehn Jugendliche gemeinsam mit dem Schauspieler und Regisseur Ferhat Keskin am Theater an der Ruhr ein Stück entwickelt. Von Islamisten, radikalen Anschauungen und strikten Rollenverteilungen handelt es allerdings nur vordergründig: es geht dem 42-jährigen Regisseur und den jungen Akteuren um Angst und Ängste - um große und kleine, berechtigte und unberechtigte, um Klischees und Wirklichkeit, aber genauso auch um kulturelle Unterschiede und Gemeinsamkeiten.
Aus Duisburg, Dinslaken, Mülheim und Essen kommen die Jugendlichen, die seit Oktober in einem Proberaum im Mülheimer Hafen an dem Stück arbeiten, das heute im Theater an der Ruhr, unweit des Kaiserbergs, Premiere hat. Der Titel: „I kill you“. Die Geschichte: Die Stammgäste eines Cafes, das für sie nicht nur Treffpunkt, sondern auch Heimat ist, beschließen, die Hausbesitzerin, die ständig mit der Räumung droht, einzuschüchtern, in dem sie ihr einen bösen Streich spielen, bei dem ein Video radikaler Islamisten eine wichtige Rolle spielt.... Am Ende wird das gesamte Szenario auf überraschende Weise aufgelöst - wie, sei hier allerdings nicht verraten.
Das Konzept zu der Produktion stammt von Ferhat Keskin, Kurde von Geburt, seit mehr als 20 Jahren in Duisburg zu Hause und lange Zeit Ensemblemitglied des Theaters an der Ruhr, für das er immer noch als Gastschauspieler tätig ist. „I kill you“ ist seine dritte Produktion mit Jugendlichen am Haus. Die Texte sind größtenteils über Improvisationen bei den Proben entstanden.
Früher RAF, heute
radikale Islamisten
Die jungen Darsteller - zwischen 16 und 24 Jahre alt - sind im wirklichen Leben Schüler, Studenten oder Azubis, einige von ihnen haben das, was man heutzutage Migrationshintergrund nennt: sie haben mazedonische, türkische, kurdische oder kroatische Wurzeln. „Wir wollten ein wichtiges gesellschaftliches Thema aufgreifen und sind dabei auf das Thema Angst gestoßen“, sagt Keskin.
Und sie scheuen sich nicht, auch heikle Aspekte wie den radikalen Islamismus aufzugreifen. „Der Islamismus ist heute ein allgegenwärtiges Thema. Früher war es die RAF, heute sind es extreme Islamisten“, sagt der Dinslakener Lukas Baumann. Und es geht auch darum, den Unterschied zwischen dem Islam und islamistischen Extremisten deutlich zu machen.
In einem (Video-)Spiel im Spiel müssen die Mädchen Kopftuch anlegen und in der Küche verschwinden - schließlich geht es auch um Rollenbilder. „Ich bin zwar selbst Moslem, aber ich habe noch nie Kopftuch getragen. Außerdem fand ich es total schwer, als Frau in die Küche geschickt zu werden. Da hat sich mir alles gesträubt“, so Nurana, Schülerin aus Mülheim. An eigene Grenzen zu gehen, gehörte auch zur spannenden Probenarbeit.
„Wir hoffen, mit dem Stück bei Jugendlichen Diskussionen anzuregen über Ängste, aber auch über Integration oder den radikalen Islamismus“, so Lukas, der für die Vorbereitung der Inszenierung mehrmals in der Woche von Dinslaken nach Mülheim gefahren ist. Warum? „Weil das Theater an der Ruhr einmalig ist in Deutschland.“ Seit zwei Jahren ist er schon beim Jungen Theater aktiv. „Das Theater ist wichtig für meine Zukunft“, ist der Niederrheiner überzeugt.
Einen Beitrag zur Integration hat schon die Probenarbeit selbst geleistet: „Am Anfang waren wir alle sehr verschieden, inzwischen sind wir uns immer ähnlicher geworden“, lacht Keskin.
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