Sind Sie eigentlich jeck, Herr Groschek?

Als NRW -Bauminister war Michael Groschek schon öfter in Wesel. 2013 besuchte er das Zitadellenviertel – und verewigte sich mit Hilfe von roter Farbe auf einem Esel-Modell, er hinterließ einen Handabdruck.
Als NRW -Bauminister war Michael Groschek schon öfter in Wesel. 2013 besuchte er das Zitadellenviertel – und verewigte sich mit Hilfe von roter Farbe auf einem Esel-Modell, er hinterließ einen Handabdruck.
Foto: WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
Politik kann auch Spaß machen. In fünf Tagen soll dem NRW-Verkehrsminister der Eselorden der Stadt Wesel verliehen werden – ein launiges Gespräch über Wesel und Dinslaken, Willy Brandt und Che Guevara, RWO und den BVB.

Am Niederrhein..  Mit dem Paternoster geht es in die erste Etage, vorbei an der NRW-, Deutschland- und Europafahne, hinein ins Vorzimmer, wo ein Glas mit Gummibärchen steht. Sicher, mit Landesverkehrsminister Michael Groschek (SPD) gäbe es wichtige Dinge zu besprechen: Betuwe-Linie, A40-Rheinbrücke, Promillegrenze für Radfahrer – aber bei allem Ernst: Auch Spaß muss sein.

In wenigen Tagen wird dem SPD-Politiker der vielleicht berühmteste Orden am Niederrhein verliehen: der Eselorden der Stadt Wesel.

Wir wollen den Mann ein bisschen näher kennen lernen, über den mal in einem Porträt stand, er sei ein Westfale – Quatsch. Er kommt aus Oberhausen, war RWO-Fan und brennt mittlerweile für den BVB.

Die erste Frage muss natürlich lauten: Wie heißt der Bürgermeister von Wesel?

Esel! Natürlich. (lacht)

Jetzt ist ihre Parteikollegin Petra Westkamp bestimmt beleidigt.

Nein, nein. Frau Westkamp verkraftet es, dass unzählige Bürgermeister vor und nach ihr mit diesem Echo leben mussten und müssen.

Was haben Sie mit Hans Rosenthal, Helga Feddersen und Peter Neururer gemeinsam?

(überlegt) Den Geburtstag.

Nee. Die Verleihung des Weseler Eselorden.

In Ordnung. Den Eselorden gab es zum Beispiel aber auch für Schalke 05, also für Carmen Thomas und ihren Versprecher.

Wer darf eigentlich nicht „Mike“ zu Ihnen sagen?

Dürfen tun es alle. Nicht sagen tut es meine Mutter. – Sie sagt „Micha“.

Zufall oder... An einem 9. Dezember wurden auch Jean-Claude Juncker, Hape Kerkeling und Johannes B. Kerner geboren.

Reiner Zufall. Es sei denn, sie haben eine so große BVB- und SPD-Leidenschaft wie ich.

Jemals davon geträumt, bei Wikipedia in der Liste „Berühmte Söhne aus Oberhausen“ aufzutauchen?

Nee. Als ich noch geträumt habe, da gab es Wikipedia noch gar nicht.

Als Oberhausener: Warum kein RWO-Fan?

Wegen RWO wäre ich fast einmal von der Schule geflogen. So viel Fan war ich also. Es war bei einem Schicksalsspiel des damaligen Bundesligisten RWO. Mit einer Fahne oder einem Schal hing ich oben im Drahtzaun des Stadions und wurde dabei fotografiert. Dieses Foto war der Anlass für meinen Lateinlehrer, mir am nächsten Schultag mit Kreide im Gesicht herumzumalen. Ich war heiser vom Spiel und der anschließenden Feier, weil das 2:2 in Braunschweig den Nichtabstieg bedeutete. Der Lateinlehrer aber sagte zu mir: „Groschek, du bist ein Schaf.“ Er wollte mich provozieren, hat es aber nicht geschafft.

Angesichts der aktuellen Bundesligatabelle: Ihr schönstes BVB-Erlebnis?

Ich war 1997 beim Champions-League-Endspiel in München dabei, als Lars Ricken eingewechselt wurde und mit seinem ersten Ballkontakt das spielentscheidende 3:1 machte.

Helau oder Alaaf – was rufen Sie?

In Köln immer wieder: Alaaf! Und Köln ist nun mal das Original.

Was macht mehr Spaß: Ehrensenator der Oberhausener Karnevalsgesellschaft „Dampf drauf“ oder NRW-Minister zu sein?

Jedes zu seiner Zeit. Mal so, mal so.

Was muss man eigentlich machen, um Ehrensenator der Styrumer Löwen zu werden?

Ein echter Styrumer Jung sein! Patent sein und grundanständig wirken. Und vor allen Dingen muss man Humor haben, auch Selbstironie.

Als Ritter des Dinslakener Karnevalsvereins Blau-Weiß: Werden Sie den Eselorden dort auch tragen?

Solche Auszeichnungen wie den Eselorden werde ich immer tragen – wenn vielleicht auch nicht immer sichtbar.

Von 1980 bis 1984 waren Sie Juso-Vorsitzender in Oberhausen. Heute können Sie es ja zugeben: Waren Sie damals wirklich Sozialist?

Zumindest habe ich mich so gefühlt.

Ihr Vorbild war Willy Brandt – warum?

Es gab übrigens noch ein früheres Vorbild: Che Guevara. Das Buch „Sieben Leben“ erzählte von seinem revolutionären Kampf. Er war für mich ein politischer Winnetou, so wie er wollte ich auch für Gerechtigkeit kämpfen. Als ich etwas reifer wurde, habe ich gemerkt, dass in der zivilisierten europäischen Welt Willy Brandt so eine Art repräsentativer Che Guevara war. Er kämpfte mit viel Idealismus auf dem Boden der parlamentarischen Demokratie für seine Ideen – und wurde zu einer Ikone für mich.

Ihr Vorbild war aber auch Herbert Wehner – ein Widerspruch?

Herbert Wehner hat mich beeindruckt, weil er so offen und in den einzeln Schritten nachvollziehbar seinen Weg vom Kommunisten zum Mitte-Rechts-Sozialdemokraten geschildert hat. Und er hat mit seiner natürlichen Autorität Gremien wie die SPD-Bundestagsfraktion geführt. Ohne ihn wäre die SPD längst nicht zur Volkspartei geworden, er war die personifizierte Brücke von der Arbeiterpartei SPD zur Volkspartei SPD. Mindestens eine seiner Aktentaschen gehört ins Preußenmuseum.

Man hört, Sie seien ein großer Wesel-Fan.

Das stimmt. Weil die Stadt noch stolzer als auf ihre Esel- und Gymnasialtradition auf ihre Wohnungsbaugesellschaft und die Qualität ihrer Häuser sein kann.

Ihr Ernst, dass die Fußgängerzone in Wesel die „Champs-Elysees des Niederrheins“ ist?

Ja, zweifelt denn jemand daran?

Jetzt haben Sie es sich gerade wohl mit ihrem ehemaligen Wahlkreis in Dinslaken verscherzt.

Ach, Dinslaken hat kein Problem damit. Weil Dinslaken die Heimatstadt meines Herzens ist.

Welches Vorurteil über Politiker ärgert Sie am meisten?

(grinst) Welches Vorurteil über Politiker ärgert Sie am meisten?Dass alle Politiker korrupte Typen seien. Johannes Rau hat einmal gesagt: „Nicht Politik verdirbt den Charakter. Schlechte Charaktere verderben die Politik.“ Aber natürlich gibt es auch in der Politik schwarze Schafe.

Als NRW-Verkehrsminister: Wann standen Sie zuletzt im Stau?

Ach, im Stau stehe ich regelmäßig, so wie viele andere auch. Ein staufreies NRW ist unvorstellbar, denn ein staufreies NRW wäre ein totes NRW, ohne Mobilität und Logistik. Aber natürlich muss der Stau so gering wie möglich gehalten werden. Ganz konkret stand ich gestern Abend im Stau, nach einer Veranstaltung, weil einfach zu viele Menschen zur gleichen Zeit losfahren wollten.

Als Vorsitzender des Kuratoriums Stiftung Preußen Museum NRW: Was an Ihnen ist preußisch?

Eine gewisse Selbstdisziplin. Eine Orientierung an Tugenden. Und das Fordern von Disziplin, Respekt und Verlässlichkeit.

In der Begründung heißt es, Sie bekommen den Eselorden für die vielen Fördermittel, die Sie Wesel zugeschanzt hätten.

Richtig: Wesel ist eine Stadt, die viel Fördermittel verdient, die also viel Futter für den Eselstall braucht.

Außerdem heißt es, Sie bekommen den Eselorden für die Eselei, die Südumgehung noch nicht gebaut zu haben. Wann wird sie endlich fertig?

Die Südumgehung wird fertig, wenn das Tischlein-deck-dich aus Berlin in Wesel auf dem Tisch steht.

Eulenorden in Oberhausen, Eselorden in Wesel – was kann jetzt noch für Sie kommen?

(überlegt) Mehr geht eigentlich nicht.

Ihr Amtsvorgänger, Harry Kurt Voigtsberger, bekam 2012 den Eselorden – kurz danach war er nicht mehr Minister. Müssen wir uns also Sorgen um Sie machen?

Keine Angst, der Esel Groschek wird als Minister noch viele Jahre in den Stall nach Wesel zurückkehren.

Die Verleihung des Eselorden steht unter dem Motto: Ein-Tritt-frei. Treten Sie sich doch bitte schon mal warm.

(lacht) Der Tritt gilt mir selbst, weil ich mir noch zu oft mein Eselsmaul verbrenne und der Bürger dann staunt, wie freimütig ein ministerieller Esel iahen kann.