Sind Bassisten wirklich komische Leute, Herr Michalke?

Moers..  Der Google-Vergleich: Reiner Michalke bringt 26 900 Treffer, Burkhard Hennen (noch) 3000 mehr. Was uns das sagt? Michalke, seit zehn Jahren der Künstlerische Leiter des Moers Festivals, ist längst aus dem Schatten seines langjährigen wie legendären Vorgängers herausgetreten. Vier Tage vor dem Start des 44. Weltmusikertreffens ein Gespräch mit dem Mann, für den ein Leben ohne Musik „nicht vorstellbar ist“.

LP, CD oder iPod?

Weder, noch. Ich habe zu Hause keine Musikanlage. Musik – nur live, keine Konserven. Ich esse auch am liebsten frisches Gemüse.

EinsLive oder WDR3?

Deutschlandradio Kultur.

Für Laien: Erklären Sie bitte in drei Sätzen das Moers Festival?

Moers ist die „documenta“ des Jazz. Moers ist ein Labor und eine Werkstatt, und gleichzeitig auch ein Vergnügen. Die Gleichzeitigkeit von Ernsthaftigkeit und spielerischer Leichtigkeit kenne ich von keinem anderen Festival der Welt.

Wenige Tage vor dem Festivalbeginn: Wie geht es dem Künstlerischen Leiter?

Je näher das Festival rückt, desto größer wird natürlich die Freude. Die Phase des Programmmachens ist vorbei, ich bin froh, wenn es am Freitag endlich losgeht. Mit Hayden Chisholm und dem Lucerne Jazz Orchestra wird es einen starken Einstieg geben.

Auf welchen Auftritt freuen Sie sich besonders?

Zum Beispiel auf den Auftritt der Jones Family Singers, die zum ersten mal Amerika verlassen werden. Das ist eine große Sache für sie und auch für mich. Vielleicht bleibt ein wenig Zeit und ich kann Ihnen auch etwas von der Region zeigen, mit ihnen Spargel essen und Riesling trinken. Das hat nichts direkt mit dem Festival zu tun, ist mir aber auch wichtig.

Sie sind 1956 geboren. Eine Wissensfrage: Welches war das erfolgreichste Lied in diesem Jahr in Deutschland?

(überlegt) Elvis Presley?

„Rock around the clock” von Bill Haley and The Comets.

Okay. Ganz ehrlich: Die weißen Beiträge zur Popkultur in der damaligen Zeit empfinde ich als Kopie der afroamerikanischen. Aber: Bill Haley hat irgendwie die Lunte für das gelegt, was danach kam, etwa für Jimi Hendrix.

1968 waren Sie gerade zwölf Jahre alt. Damals schon ein Revolutionslied im Ohr gehabt?

Nee, noch nicht. Im Nachhinein habe ich es sehr bedauert, die wichtigsten Jahre der Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts, 1965 bis 67, so knapp verpasst zu haben. Ich habe sogar Jimi Hendrix verpasst, als er 1969 nach seinem Konzert in Köln eine Autogrammstunde gab, obwohl ich theoretisch hätte hingehen können.

Welche Entscheidung tat mehr weh: die vorübergehende Abschaffung des Pfingstmontages als Festivaltag oder das Zusammenstreichen beim Festival-Nebenprogramm?

Der Schmerz des Montags ist vergangenen, weil wir ihn wieder zurückholen konnten. Immer noch weht tut die Aufgabe der Schulprojekte. Ich bin damit auch nicht einverstanden und werde keine Ruhe geben, bis wir auch das wieder rückgängig gemacht haben. Die Schulprojekte sind der unauffälligste Teil des Festivals, aber ein sehr wichtiger. Oberstes Lernziel bei der Vermittlung von Kunst, ist den Kindern und Jugendlichen die Freude am Spiel nahe zu bringen. Ich bin davon überzeugt, dass so etwas irgendwann seine Wirkung entfaltet, wenn man es denn konsequent und kontinuierlich betreibt.

Im vergangenen Jahr kamen 12 000 Zuschauer. Wie viele müssen es diesmal sein, damit die Festival-Gegner ruhig bleiben?

Ach, die würden auch keine Ruhe geben, wenn 100 000 Zuschauer kommen würden. Aber ich möchte mich darüber gar nicht beschweren. Ich sehe das auch als ein Zeichen einer lebendigen Streitkultur an. Solange die Diskussion sachlich ist, finde ich eine solche in Ordnung und völlig legitim in einer demokratischen Gesellschaft.

Wann haben Moerser Politiker das Moers Festival kaputt gespart?

Der städtische Zuschuss hat sich in den letzten zehn Jahren halbiert. Der reale Wertverlust ist noch höher, weil in dieser Zeit natürlich alles teurer geworden ist. Wir haben im vergangenen Jahr den Punkt erreicht, an dem nicht weiter gespart werden kann. Mit dem Umzug in die neue Festivalhalle sparen wir auf lange Sicht viel Geld. Ich denke, dass die Politik dies auch verstanden hat. Deshalb blicke ich mit Optimismus in die Zukunft.

Ihr Lied zum Aufwachen?

Wenn ich jetzt ein Lied nennen muss, dann: „Conference of the birds“ von Dave Holland. In Wahrheit ist es aber tatsächlich: Vogelgezwitscher.

Der beste Lovesong ever?

Die besten Balladen der Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts stammen von Lennon und McCartney: Yesterday, Michelle...

Zehn Jahre Moers Festival unter Ihrer Leitung. Jetzt können Sie es ja verraten: Das hätten Sie damals selbst nicht gedacht.

Stimmt. Ich habe noch nie in so langen Zyklen gedacht. Als ich vor zehn Jahren in Moers anfing, hatte ich großen Respekt vor diesem Festival.

Von Ihnen ist das Zitat überliefert: „Moers, das war schon in frühen Jahren mein Festival.“

Ich war immer ein großer Fan des Festivals in Moers. 1975 war ich zum ersten Mal hier. Ich habe gecampt und bin über den Zaun geklettert, weil mir die Eintrittskarte zu teuer war. 1978 habe ich selbst mein erstes Festival organisiert, damals war Moers mein Vorbild, ansonsten gab es in Deutschland ja auch kaum andere Festivals.

Was würde der junge Michalke dem Michalke von heute zurufen?

Der junge Michalke war, wie der alte es noch ist, immer sehr fordernd, anspruchsvoll und leider auch ungeduldig. Er würde ihn wohl in den Hintern treten und fragen: „Mann, warum hast Du im vergangenen Jahr das Sun Ra Akestra noch einmal aus der Kiste geholt?“ Na ja, das war eine Programmentscheidung, die ich aus nostalgischen Gründen getroffen habe. Marshall Allen ist 90 Jahre alt, er wird wohl nie mehr in Moers spielen.

Sie spielen Bass. Als Jugendlicher: Welcher Bassist wollten Sie sein?

Früher galten Bassisten ja eher als unwichtig. Stark beeinflusst hat mich Jimi Hendrix. Der erste Bassist, der mich umgehauen hat, war Jaco Pastorius. Übrigens: Ich spiele nicht mehr Bass. Um ernsthaft zu spielen, fehlt mir die Zeit.

Bassisten gelten als komische Leute.

Ja, aber nur in der Klassik, da sind die Bassisten die Deppen. Und in der Popmusik sind es die Schlagzeuger.

Dafür gibt es aber viele Bassisten-Witze. Kennen Sie einen?

Nee.

Warum gibt es Bass-Soli?

(überlegt)

Damit man Zeit hat, aufs Klo zu gehen und Bier zu holen.

Ok, ok. (grinst)