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Schöne Postkarten - Grüße aus Homberg

15.08.2011 | 17:35 Uhr
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Schöne Postkarten - Grüße aus Homberg
Eine der historischen Ansichtskarten. Foto: Udo Milbret / WAZ FotoPool

Duisburg-Homberg. Mit rund 1000 Karten aus über 100 Jahren rückt Reinhard Stratenwerths Sammlung Geschichten aus der Heimat ins - historisch angemessene - Bild.

Der Rhein, die Brücke, ein paar Schiffe sind zu sehen. Auf der Rückseite klebt quer nach links eine Briefmarke. „Damals eine Art Geheimsprache“, erklärt Reinhard Stratenwerth. Die Bedeutung hat der Homberger Kartensammler recherchiert: Ewig Dein! Hingabe ist es, die Tilly, die Verfasserin der Ansichtskarte von 1907, dazu bewegt, die Marke so zu kleben. Zusätzlich zu den innigen Zeilen an ihren Johann in den Niederlanden. „Da war die Welt noch in Ordnung“, sagt Stratenwerth und lächelt. „Aber dann haben sie wohl Krach gehabt“, mutmaßt der Sammler. 1908 kleben auf einer weiteren Homberg-Ansicht zwei Briefmarken, eine davon auf dem Kopf: „Du hast mir weh getan“, so die Bedeutung. Und auch der handschriftliche Inhalt wechselt den Ton. In Grafschafter Platt schreibt Tilly: „Liever Johann! Deine lieve Brief en karte erhalten. Du wolltest Donnerstag kommen? Is meiy egal, blief maar daar. Ek schreef nied meer. Ek kann meeg allein betser bekeeken. Nem deg in aag, Johann!“

Der 72-Jährige kennt so einige Geschichten. Die einen werden von den handschriftlichen Zeilen der Verfasser auf der Rückseite erzählt. Die andere kann der Homberger anhand der Bilder auf der Vorderseite ablesen. Rund 1000 Ansichtskarten von Homberg, Essenberg und Hochheide ab dem Jahr 1895 bis heute hat Reinhard Stratenwerth, Autor, Fotograf, Gründungsmitglied des Vereins Freundeskreis Historisches Homberg, Asterix-Übersetzer (Ruhrdeutsch), Guinness-Buch-Rekord-Halter und Buchdruckermeister im „Un“-Ruhestand, gesammelt.

Reinhard Stratenwerth und seine historische Ansichtskartensammlung. Foto: Udo Milbret / WAZ FotoPool

Seit seiner Jugend. „Ich habe damals Urlaub im Schwarzwald gemacht und wollte den Leuten zeigen, wie es bei uns aussieht.“ Also hat Stratenwerth so ziemlich alle Ansichtskarten gekauft, die es von der einst eigenständigen Gemeinde Homberg am Niederrhein in den 50er Jahren gab. „Es müssen rund 20 gewesen sein.“ Aus dem Anliegen anderen seine Heimatstadt zu zeigen, wurde Sammelleidenschaft. „Jahrzehntelang ging ich auf Tauschbörsen, um weitere Karten zu bekommen.“ Viele fehlen ihm nun nicht mehr: „Vielleicht noch 300.“

Seine umfangreiche Sammlung mit gemalten, gezeichneten, fotografierten oder ausklappbaren Homberg-Ansichten erlaubt einen Blick auf regionale, aber auch ganz persönliche Geschichte und Geschichten. Mal lustig, mal belanglos, mal intim, mal frivol, mal kurios und manchmal einfach nur falsch. „Das hier ist zum Beispiel gar nicht die Rheinbrücke, wie sie tatsächlich gebaut wurde“, deutet der Ansichten-Experte auf eine bunt gezeichnete Karte. „Es ist nur ein Entwurf der Brücke, der aber trotzdem so veröffentlicht wurde.“

Heute würde das getwittert

Ende des 19. Jahrhunderts kamen Postkarten mit Bild in Deutschland in Mode. Sie waren im Vergleich zum Brief die günstigere Variante der schriftlichen Korrespondenz. Dafür war der Inhalt offen. Kurze Nachrichten, Grüße von Ausflügen, Glückwünsche wurden verschickt. Von Homberg nach Duisburg, „Mörs“, München und Berlin. Aber auch ins Ausland: in die Niederlande, nach Belgien, England oder in die USA. Außergewöhnlich für eine Zeit, in der weite Reisen nicht üblich waren.

Außergewöhnlich ist aber auch etwas anderes, wie Stratenwerth beim Sammeln bald feststellte: „Von Homberg gibt es erstaunlich viele Ansichtskarten. Dabei ist das hier ja kein Luftkurort.“ Doch Homberg liegt am Rhein. Schiffe gehen hier vor Anker, Anfang des 20. Jahrhunderts wurde der Rheinpreußen-Hafen Umschlagpunkt für die Zeche und die 1907 fertiggestellte Brücke tat ihr Übriges, um für regen Publikumsverkehr in der Gemeinde zu sorgen.

Und wo man einmal da war...: Die katholischen Schwestern Erna und Leni sitzen mit einem Gläschen Wein am Rhein und senden Grüße nach Berlin, Elisabeth teilt der Familie auf der Rückseite einer Ansicht des Krankenhauses St. Johannesstift mit, dass ein kräftiger Junge angekommen ist und ein ST. A. schreibt seinen verehrten Angehörigen: „Ich sitze hier und esse zu Mittag. Kalbsleber!“ Heute würde man so etwas wohl übers Internet twittern.

Die Menschen schrieben auf die Rückseite der Ansichten aus der „Stadt im Grünen“, der „Stadt am Rhein“, vom „Leben am Rhein“. Sie sendeten „Feucht-Fröhliche Grüße aus dem gemütlichen Homberg am Rhein“ auf einer von Fässern umrandeten Homberg-Ansicht samt bierseligem Mann, Kärtchen mit Kirmesbildern, mit Schachtblicken oder Marktbrunnenreliefs. In lateinischer Schrift und Sütterlin, auf Deutsch, Französisch oder Englisch. Von rund 100 Karten hat Stratenwerth die Inhalte bereits gesichert, teils übersetzt. Er möchte die Geschichten erhalten, vielleicht ein Buch mit den Karten veröffentlichen. „Denn die alten Bilder sind toll und es ist interessant, was die Leute schreiben. Und jede Karte hat eine Geschichte für sich.“ Manchmal ist die auf der Vorderseite interessanter als die auf der Rückseite. Und manchmal ist es umgekehrt. Aber das bleibt Ansichtssache...

Elke Wiegmann

Kommentare
15.08.2011
18:58
Schöne Postkarten - Grüße aus Homberg
von MO-Leser | #1

Hallo liebe Der Westen Leser(innen)! Ich habe diesen Ansichtskartenartikel meines sehr geschätzten Kollegen Stratenwerth mit viel Freude gelesen und weiß wieviel Zeit, Geld und Geduld in so eine Sammelleidenschaft steckt. Soetwas der Nachwelt zu erhalten bedeutet auch sehr viel Entbehrungen in der Familie und auch vom Platz in der Wohnung. Es sollten sich doch viel mehr Menschen mit solchen historischen Aufgaben befassen und solche wie Herrn Stratenwerth in seiner Arbeit unterstützen. F.v.R. - Der Drucker-Kollege aus Neukirchen-Vluyn

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