Schleifen lassen
15.10.2008 | 19:07 Uhr 2008-10-15T19:07:40+0200NATUR. Der Niersverband baut seinen Fluss in ein naturnahes Gewässer um. Im Kreis Kleve stehen mehrere Umbauten an.
AM NIEDERRHEIN. Ein paar feste Schuhe hat Engelbert Denneborg immer im Auto. Zielstrebig stapft der Landschaftsarchitekt durch das hohe Gras und guckt interessiert auf die neue Niers. Gemächlich fließt das Flüsschen an Geldern-Pont vorbei, in Schleifen bahnt sie sich ihren Weg durch die Landschaft. Engelbert Denneborg ist zufrieden. Die ersten Erlen und Weiden sind schon in Ufernähe zu entdecken, das typische Sumpf-Vergissmeinnicht hat sich schon breit gemacht. "In zwei Jahren ist hier alles zugewachsen", sagt er.
Rio Tinto
Engelbert Denneborg hat der Niers einen neuen Flusslauf verpasst. Seit zehn Jahren arbeitet er an der Umsetzung des Auenkonzeptes des Niersverbandes und ist damit beauftragt, den Fluss zwischen Erkelenz und Goch wieder naturnah zu gestalten. Aus dem kanalartigen Lauf soll ein natürliches Gewässer werden, das sich durch die Landschaft schlängelt. Hier in Pont hat der Verband seine bislang größte Baustelle abgeschlossen und auf 900 Metern ganze Arbeit geleistet: Alte Stauwehre wurden entfernt, das Flussbett verändert und flache Uferzonen eingerichtet. "Diese Maßnahmen haben sich schon bewährt. Es gibt wieder mehr Fische und auch die Pflanzen und Insekten profitieren."
Früher hieß die Niers im Volksmund "Rio Tinto". Der Fluss war so verdreckt, dass man "am Wasser schon erkennen konnte, welche Farben gerade in Mode waren", scherzt Denneborg. Im 19. Jahrhundert war Naturschutz ein Fremdwort. Die Textil- und Maschinenfabriken in Mönchengladbach und Viersen leiteten ihre Abwässer ungeklärt in die Niers. Das war auch ein Grund, warum das einst idyllische Flüsschen immer mehr zu einem Kanal ausgebaut wurde. Schon im 14. Jahrhundert hat man an der Niers, deren Flusstal vom Rhein geschaffen wurde, herumgedoktert. Die Landwirte wollten trockene Flächen, um sie bewirtschaften zu können, es entstanden viele Mühlen, um die Wasserkraft zu nutzen und die Industrie wollte später einen schnellen Ablauf, um ihre dreckigen Abwässer zu entsorgen.
Mit der Gründung des Niersverbandes im Jahr 1927 sollte sich dies ändern. Der Verband hat den gesetzlichen Auftrag, die Niers zu renaturieren und die Wasserqualität zu verbessern. Letzteres ist durch neue Kläranlagen schon eindrucksvoll gelungen.
Noch nie so sauber
Es gibt mehr Sauerstoff im Wasser, mehr Fische leben in der Niers und Nährstoffe wie Ammonium-Stickstoff und Schadstoffe wie Diuron werden erfolgreich eliminiert. Auch beim Nitrat- und Phosphatgehalt hat man Fortschritte gemacht. Der Fluss war noch nie so sauber wie heute.
Nichtsdestotrotz ist die 108 Kilometer lange Niers auf langen Abschnitten ein Kanal: gradlinig, mit hohen Uferböschungen, was schlecht für Tiere, Pflanzen und Insekten ist. Bert Lanphen möchte dies ändern. Er leitet in Viersen die Abteilung Gewässer und Hydrologie: "Die Niers soll wieder natürlich werden", sagt er. Und dafür nehmen der Verband und vor allem das Land Nordrhein-Westfalen viel Geld in die Hand. 5,5 Millionen Euro wurden in den vergangenen zehn Jahren verbaut. Gut sieben Kilometer des Flusses wurden bereits renaturiert, drei Kilometer mit einfachen Eingriffen naturnah umgestaltet. "Der Artenreichtum hat zugenommen. Störche, Biber und Uferschnepfen profitieren von unseren Maßnahmen", erklärt Lanphen.
In Goch-Kessel, Geldern-Pont, Burgbenden und Wickrath wurde der Fluss schon aufgewertet, auch wenn dies nicht ohne Widerstände aus der Landwirtschaft ging. "Die Landwirte befürchteten höhere Wasserstände und Einschränkungen für ihre Flächen. Aber diese Schwierigkeiten haben sich ganz gelegt", erzählt Lanphen.
Agenda 2015
In den nächsten zehn bis 20 Jahren wird es weitere Renaturierungen geben. In Goch-Kessel und Geldern-Kevelaer sind drei Maßnahmen in der Planung. Ziel sei es, die Niers in gut 30 Jahren komplett naturnah gestaltet zu haben, so Lanphen. Allerdings erfordert dies auch ein Mitwirken der Landwirte. Denn von denen müsse das Land gekauft werden. "Der Flächenverbrauch durch die Renaturierung vervierfacht sich", erklärt Lanphen. Bis dato hat der Verband mit großer Hilfe des Landes bereits 286 Hektar Fläche angekauft.
Lanphen glaubt, dass die Renaturierungen in den nächsten Jahren schneller vonstatten gehen werden, weil das Land NRW mehr Geld aufwenden muss. Die Europäische Wasserrahmenrichtlinie (WRR) zwingt die Mitgliedsstaaten, ihre Flüsse bis zum Jahr 2015 und spätestens bis 2029 in einen "ökologisch guten Zustand" zu bringen. "Bis 2015 werden wir dieses Ziel aber sicherlich nicht erreichen", sagt Lanphen.
0mitdiskutieren