Reichsmuseum zeigt einen radikalen Rembrandt

Die Verschwörung des Claudius Civilis (Aufstand der Bataver)
Die Verschwörung des Claudius Civilis (Aufstand der Bataver)
Foto: Nationalgalerie Stockholm
Was wir bereits wissen
Das Amsterdamer Rijksmuseum eröffnet am 12. Februar eine spektakuläre Sonderausstellung mit über 100 Gemälden, Zeichnungen und Drucken aus dem Spätwerk des Altmeisters

Amsterdam..  Nein, es steht nicht gut um ihn am Ende: um den knorrigen Maler Rembrandt Harmenszoon van Rijn. Die Liebe seines Lebens, Ehefrau Saskia, war schon vor 25 Jahren gestorben. Auch sein Sohn und Schüler Titus und die Gefährtin der späten Jahre, Hendrickje Stoffels, gingen ihm voraus. Das prächtige Haus samt Atelier in der Sint Antonisbreestraat: längst unter den Hammer gekommen, die umfangreiche Sammlung der Kunstgegenstände und Drucke weit verstreut in den Händen der zahllosen Gläubiger.

Geblieben sind diesem aufgedunsenen alten Mann mit langen, grauen Locken unter dem Barrett – so zeichnete sich Rembrandt auf dem letzten seiner rund 80 Selbstbildnisse im Todesjahr 1669 - nur seine uneheliche Tochter Cornelia und die schwangere Schwiegertochter Magdalena van Loo. Zusammen leben sie in einem kleinen gemieteten Haus an der Rozengracht im Amsterdamer Armenviertel Jordaan. Dort hält sich der Künstler von der neureichen Kaufmanns- und Bürgergesellschaft der Stadt fern, umgibt sich mit einfachen Leuten aus der Nachbarschaft und den wenigen Freunden und Förderern, die dem Maler noch die Treue halten.

Schmuckkästchen der Künste

Die unbefriedigende Gesamtsituation wirkt sich aber keineswegs lähmend auf Rembrandts Schaffen aus. Ganz im Gegenteil: in den letzten beiden Lebensjahrzehnten befreit sich der Künstler weiter aus den Fängen und Zwängen der konventionellen Historien- und Porträtmalerei der Niederlande im sogenannten goldenen Zeitalter und schafft eine Reihe bedeutender Werke, die ihrer Zeit meilenweit voraus sind. Über 100 Gemälde, Zeichnungen und Drucke zeigt die spektakuläre Ausstellung „Der späte Rembrandt“, die nach einer Station in der Londoner „National Gallery“ ab kommenden Donnerstag bis zum 17. Mai im neu eröffneten Philipsflügel des Amsterdamer Rijksmuseum zu sehen ist.

Just in jenem Schmuckkästchen der schönen Künste, in dem auch sein Meisterwerk „Die Kompanie des Frans Banning Cocq“ zu bewundern ist. Dass das 3,63 Meter hohe und 4,37 Meter breite Ölgemälde im 18. Jahrhundert den irreführenden Titel „Die Nachtwache“ erhalten hatte, lag an den nachdunkelnden Firnisschichten, die das Porträt der Büchsenschützen in eine unfreiwillige Dämmerung tauchten. Rembrandt hatte einst den Aufbruch der Bürgerwehr bei Tageslicht gemalt.

Erst nach der „Nachtwache“ und dem Tod Saskias beginnt das eigentliche Spätwerk des Meisters. Doch schon auf diesem Bild ist deutlich zu sehen, was ihn von seinen Zeitgenossen unterscheidet: Die gekonnte Inszenierung von Licht und Schatten, die lebendige Komposition, der gewagte, breite Pinselstrich, der spielerisch leichte Umgang mit seinen Werkzeugen. „Rembrandt schmierte die Farbe mit dem groben Palettmesser auf die Leinwand wie ein Maurer mit der Kelle“, sagt der Kurator der Schau, der Düsseldorfer Gregor Weber (58). „Er kratzte mit der Rückseite des Pinsels in die nasse Farbe, verwischte Konturen und skizzierte scheinbar nur Körper und Kleidung. Waren die abgebildeten Personen auf den Gruppenbildnissen bisher so gleichrangig behandelt worden, dass man sie „mit einem Schwertstreich enthaupten konnte“, wie es Rembrandts Schüler Samuel van Hoogstraaten einst ausgedrückt hatte, macht der Meister Unterschiede, stellt Figuren in den Vorder- und Hintergrund, setzt sie in Bewegung. Zum Missfallen der Auftraggeber übrigens, die für die Gruppenporträts stets gemeinsam bezahlten und auch erwarteten, gleich abgebildet zu werden.

Lässige Eleganz

Derlei Erwartungen sind Rembrandt egal. Er verweigert sich der modisch-höfischen Porträtmalerei à la Rubens, van Dyck oder Ferdinand Bol, offenbart einen schonungslosen Realismus. Nicht nur in den Selbstporträts, sondern auch in Auftragswerken wie dem Bildnis des Kaufmannes Jacob Trip und seiner Frau Margaretha de Geer, die er ungeschönt im fortgeschrittenen Alter zeigt. Seinen Freund Jan Six lässt Rembrandt in lässiger Eleganz mit wenigen, flüssigen Pinselstrichen unsterblich werden. Das Meisterwerk aus dem Jahre 1654 befindet sich übrigens immer noch im Besitz der Familie.

Die monumentale „Verschwörung des Claudius Civilis“ fertigt er ursprünglich für einen Rundbogen im Amsterdamer Rathaus an. Doch nur wenige Monate später ließen die Ratsherren die Darstellung des Bataveraufstandes wieder abhängen. Offenbar gefiel den Auftraggebern das Werk nicht. Ob es an den nur mit wenigen Pinselstrichen akzentuierten Gesichtern, der geschlossenen Augenhöhle des Hauptmanns, an der außergewöhnlichen Lichtsetzung oder den nachträglichen Honorarforderungen Rembrandts gelegen hatte, ist nicht überliefert. Über Umwege gelangte das Gemälde ins Stockholmer Nationalmuseum, das es erst zum dritten Mal nach 1925 und 1969 verleiht.

Welche ungeheure Wirkung die Werke auf nachfolgende Künstlergenerationen hatten, erklärt ein anderer revolutionärer niederländischer Maler: „Was für ein intimes, was für ein unendlich sympathisches Bild“, schrieb über 200 Jahre später Vincent van Gogh über das Bild „Isaak und Rebecca (Die Judenbraut)“ an seinen Bruder Theo. Eine Szene aus dem Jahr 1665 voller Vertrautheit, Intimität, Liebe und Erfüllung, die auch das allerletzte Bild Rembrandts „Simeon im Tempel“ auszeichnet: „Nun lässt du, Herr, deinen Knecht, wie du gesagt hast, in Frieden scheiden. Denn meine Augen haben das Heil gesehen, das du vor allen Völkern bereitet hast“, spricht der greise Prophet im Lukasevangelium. Wow, was hätte das für ein künstlerisches Vermächtnis sein können. Allerdings: Auch dieses Bild war - wie so viele - nur eine Auftragsarbeit.

Zeiten und Preise

„Der späte Rembrandt“ läuft vom 12. Februar bis zum 17. Mai im Rijksmuseum Amsterdam. Öffnungszeiten: täglich 9 bis 17 Uhr. Tickets mit fester Besichtigungszeit sind online zu buchen unter rijksmuseum.nl/rembrandt

Die Tickets kosten 25 Euro (17,50 € Museum, 7,50 € Sonderschau. Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre kostenlos.

Der Katalog ist auch in deutscher Sprache erhältlich und kostet 40 € (Buch) und 25 € (Heft).

Auf den Spuren des Meisters

Rund um die Ausstellung finden sich in Amsterdam zahlreiche Spuren des Meisters,die in einem ausgedehnten Spaziergang zu entdecken sind. Im Rembrandthuis, dem ehemaligen Wohnhaus an der heutigen Judenbreestraat ist eine aufschlussreiche Ausstellung über seine späten Schüler zu sehen.

Die Hermitage (Amstel 51) zeigt zahlreiche Gruppenporträts des Goldenen Zeitalters. Mitten hinein wird die Nachtwache projiziert. So wird schnell deutlich, wie radikal sich das Gemälde von anderen zeitgenössischen Werken unterscheidet

Saskias Grab befindet sich in der Oude Kerk (Oudekerksplein), mitten im Rotlichtviertel. Die Gilde der Tuchmacher, deren Vorsteher Rembrandt porträtierte, war im sogenannten Staalhof an der Ecke Staal-straat/Groenburgwal beheimatet. In einer kleinen Kneipe erinnert eine Kopie des Gemäldes an die einflussreiche Zunft.

Im Königlichen Palast auf dem Dam, dem ehemaligen Rathaus der Stadt Amsterdam, ist noch heute der leere Rundbogen zu sehen, in dem „Die Verschwörung des Claudius Civilis“ hängen sollte. Ein Blick auf die verbliebenen Werke lässt ahnen, warum die Ratsherren Rembrandt ablehnten. Der Königspalast ist ausserhalb von Staatsbesuchen zu besichtigen.

Nach seinem Bankrott lebte Rembrandt in einem gemieteten Haus an der Rozengracht 184 im ehemaligen Amsterdamer Arbeiter- und Armenviertel Jordaan. Von dort aus sind es nur ein paar Schritte bis zu seiner letzten Ruhestätte, der Westerkerk (Prinsengracht 281).


Tipp: Die Sehenswürdigkeiten lassen sich gesammelt einfach mit der I Amsterdam City Card besichtigen (je nach Gültigkeit zwischen 49 € und 69 €), die bei den Touristeninformationen erhältlich ist: Enthalten ist nicht nur der freie Eintritt in viele Museen (außer Rijksmuseum), sondern auch eine Grachtentrundfahrt und freie Fahrt auf allen öffentlichen Verkehrsmitteln in Amsterdam.