Planschen wie zu Uropas Zeiten

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Viersen..  Es gibt Schwimmbäder, Hallenbäder und Freibäder, dazu Spaßbäder, Sportbäder und Freizeitbäder – aber so etwas wie in Viersen, das gibt es am Niederrhein nirgendwo mehr. Leider. Das Stadtbad ist einmalig in der Region: Die Schwimmhalle wurde zu Anfang des vorherigen Jahrhunderts im Jugendstil erbaut. Nach ihrer umfangreichen Restaurierung sieht sie nicht nur wieder aus wie zu Uropas Zeiten – sie kann auch wieder so wie damals genutzt werden. Als wunderschönes Planschbecken in einer formvollendeten Architektur. Der langjährige und oberste Denkmalschützer im Rheinland, Udo Mainzer, schwärmte von einem „herausragenden Zeugnis der Badearchitektur jener Epoche.“

In vielen anderen Orten ging die Kultur im vergangenen Jahrhundert baden. In Viersen nicht, welch ein Glück.

Obwohl: Auch in Dülken, einst eine stolze selbstständige Stadt und seit 1970 ein zwangseingemeindeter Teil von Viersen, gab es ebenfalls ein Jugendstilbad. Doch im Kaiser-Friedrich-Bad wurde in den 1980er Jahren endgültig der Stöpsel gezogen, anschließend wurden in dem geschichtsschönen Gebäude Wohnungen und Büros eingebaut – immerhin wurde dabei aber das äußere Erscheinungsbild erhalten.

Kein Einzelfall. Das Stadtbad in Duisburg-Ruhrort wurde 1986 wegen fehlender Renovierungsgelder geschlossen und – auch das ein Glück – im Rahmen der Internationalen Bauausstellung Emscher Park zum Heimathafen des Deutschen Binnenschifffahrtmuseums umgebaut (siehe kleinen Artikel rechts). Und aus dem Ebertbad in Oberhausen wurde 1989 eine Kunst- und Kulturstätte, die unter anderem viele Jahre lang die Heimspielstätte des Kabarettduos Missfits war.

In Alt-Viersen, so die korrekte Bezeichnung des größten der vier Stadtteile, drohte dem dortigen Jugendstilbad ein ähnliches Schicksal. Im Aufsichtsrat der Stadtwerke, dem damaligen Besitzer des Schwimmbetriebes, wurde lange und hart diskutiert. Bis die Entscheidung schließlich zu Gunsten des früheren Geschäftsführers Peter Schade fiel. Er hatte für den Erhalt und die Weiternutzung des Stadtbades geworben.

Wer weiß, was aus dem Jugendstilbad geworden wäre, wenn sich nicht der Heimatverein Viersen mit in die Debatte eingeschaltet hätte. Spätestens nachdem der Vorsitzende Albert Pauly und seine Mitstreiter zu einer Bürgerversammlung in die Generatorenhalle geladen hatten, musste jedem Politiker klar geworden sein: Die Viersener wollen ihr altes Bad zurück!

Der Betrieb des Stadtbades hatte Anfang der 1990er Jahre nicht mehr viel mit der Nutzung aus den Anfangstagen zu tun. Der Architekt Willy Eßer hatte in Viersen – wie auch in Dülken, Kempen, Mönchengladbach, Rheydt und Sevelen – eine Badeanstalt erbaut, die dem damals modernen Zeitgeist entsprach.

Ein Gebäude in einfachen ruhigen Formen, über dem Eingang drei Spitzgiebel, auf dem Dach ein Türmchen, ein gewölbter Vorflur, an den Seitenwänden große Fenster, durch die viel Tageslicht in das 20 mal zehn Meter große Becken ins Wasser fallen kann. Und mit Umkleidekabinen, die direkt links und rechts des Beckens stehen, jeweils mit einem Vorhang davor.

Nein, zu Beginn der 1960er Jahren, als das im Zweiten Weltkrieg ausgebombte Bad renoviert wurde, verkam das olle Schmuckkästchen zu einer Schwimmhalle mit tiefhängender Lamellendecke – und verlor auch sonst so ziemlich jeden Schick und Charme.

Wer heute in sechs, sieben Schwimmzügen durch den Schwimmerbereich des Beckens gleitet und den Blick hinauf ins Kuppeldach genießt, hat das Gefühl, „in einer Kirche zu schwimmen“, sagt Klaus Knoche. Er ist der Bäderchef der Niederrhein Energie und Wasser GmbH, die auch das Stadtbad in Viersen betreibt. Und als solcher ist er verpflichtet, neutral zu bleiben. Auf die Frage, welches seiner sieben Bäder denn nun am schönsten sei, antwortet er mit einem sympathischen Grinsen.

Vielleicht ist das eine Antwort: Für die Sanierung ihres Stadtbades erhielt Viersen 1997 den Rheinischen Denkmalpreis.