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Mit ganz großen Sprüngen

05.12.2011 | 19:28 Uhr
Mit ganz großen Sprüngen
Jeden zweiten Tag im Sommer übt Alex Wöchtel für diese Sprünge. Foto: Dietmar Alexy

Kerken.  Mit bis zu 45 Kilometern pro Stunde rasen die „Sprungfreunde“ dank ihrer ‘Siebenmeilenstiefel’ durch die Region.

Von Siebenmeilenstiefeln träumten frühere Generationen in Märchen und Erzählungen. Nun ist der Traum Realität: Zwei Meter hoch und fünf Meter weit kann man mit dem neuen Gerät „Poweriser“ springen (auch „bouncen“ genannt). Bei einer Geschwindigkeit von bis zu 45 Kilometern in der Stunde kommen sogar einige der besten 100-Meter-Leichtathleten nicht mehr mit. Und nicht nur das: Man erhält durch den „Poweriser“ sogar seine Traumfigur.

Effektiver als Joggen

So verspricht es zumindest die größte deutsche Gruppe, die „Sprungfreunde“ aus Kerken, auf ihrer Homepage (www.sprungfreun.de): „Durch die Beanspruchung des nahezu gesamten Muskelapparates … wird der Stoffwechsel stark erhöht und die Verjüngung der kompletten Hautstruktur gefördert…“ Das „bouncen“ soll außerdem fünf Mal so effektiv sein wie das Joggen. Und nicht nur das: „Man merkt gar nicht, dass man Sport treibt“, ergänzt der 25-jährige Alex Wöchtel aus Tönisvorst.

Auch wenn die US-Armee damit experimentiert hat und das Gerät in Amerika bereits sehr beliebt ist, wurde es in Deutschland von der Luft- und Raumfahrtindustrie erfunden. Vor sechs Jahren. So lange gibt es auch schon die „Sprungfreunde.“ 130 Breitensportler im Alter von elf bis Anfang 60 treffen sich einmal pro Woche an der Halde „Norddeutschland“ in Neukirchen-Vluyn. Besonders begeistert ist der Jüngste, der elfjährige Yannick aus Kerken. Viele der „Sprungfreunde“ stammen aus dem Ruhrgebiet, wie beispielsweise die 41-jährige Annette Buzek aus Essen. Sie hatte einem Freund das Probetraining geschenkt – und dann gleich mitgemacht. Und „weil es einfach Spaß macht“, trainiert sie nun regelmäßig.

Kein eingetragener Verein, aber die größte „Poweriser“-Sportgruppe in Deutschland: Die Sprungfreunde in ihrem Übungsrevier in Neukirchen-Vluyn. Foto: Dietmar Alexy

Doch noch etwas anderes klingt wie im Märchen: Während man bei vielen anderen Sportarten Wochen oder Monate braucht, bis man die Grundlagen beherrscht, reichen bei den „Siebenmeilenstiefeln“ ganze zehn Minuten. Das bestätigt auch die 30-jährige Krefelderin Nina Feischer. „Das klappt schon super“, erzählt sie begeistert nach ihren ersten Gehversuchen. Trotzdem weiß sie noch nicht, ob sie dabei bleiben wird. „Wegen der Kosten“, sagt sie.

Aus Aluminium und Kunststoff

Ab gut 300 Euro ist das Gerät zu bekommen, das Kindermodell kostet 199 Euro. Verschleiß gibt es nur bei den Gummifüßen. Die Angst, dass die Feder vielleicht brechen könnte, ist übrigens unbegründet. Sie ist aus Fiberglas und kann nur zum Teil knicken. Und das würde man hören. Die Gesamtkonstruktion besteht aus Aluminium und glasfaserverstärktem Kunststoff. Der „Poweriser“ wird auch unter den Name „Powerstrider“, „FlyJumper“, „SpeedJumper“, „PowerSkip“ und „7meilenstiefel“ vermarktet.

Doch wie in jedem Märchen gibt es auch eine tragische Seite: Natürlich kann man sich verletzen. „Wir hatten bis jetzt aber nur kleinere Schädigungen wie zum Beispiel Schürfwunden“, berichtet Udo Grebbin. Der 48-jährige Kerkener leitet zusammen mit Hanno Thelen die „Sprungfreunde“. Wegen der großen Höhe hat man genug Reaktionszeit und fällt instinktiv zumeist auf die Knie. Zudem werden Arme und Beine durch eine Schutzausrüstung gesichert. Auch ein Helm ist zu empfehlen. Und natürlich ist es ein Unterschied, ob man mit dem „Poweriser“ nur läuft, locker ein Hindernis überspringt oder aber Salti schlägt. Bei Auftritten auf Stadtfesten ist es wegen des Kopfsteinpflasters natürlich schwieriger als beim Training auf der Straße. Aber: Mit dem Unfall von Samuel Koch bei „Wetten dass“ möchte die Gruppe nicht in Verbindung gebracht werden. „Das war der individuelle Fehler eines professionellen Stuntmans“, sagt Grebbin. „Wir machen hier vor allem Fitness- und Ausdauertraining.“

Erste Wettbewerbe gibt es schon. Wie kürzlich in Berlin oder in Tschechien. Zum dortigen Bouncertreffen fanden sich immerhin 1 000 Teilnehmer zusammen. Die Wettbewerbe umfassen Rückwärtssalti oder Seilspringen (so viele Sprünge wie möglich in einer Minute). Außerdem 100- und 400-Meter-Läufe. Der 100 Meter-Weltrekord beträgt 9,77 Sekunden und ist damit noch knapp zu langsam für Usain Bolt, jamaikanischer Sprinter sowie dreifacher Olympiasieger. Für 400 Meter liegt er bei 43,18 Sekunden.

Aller Anfang ist... wackelig. Foto: Dietmar AlexyKeine offiziellen Regeln

Beim Seilspringen ist das beste Ergebnisse 129 Sprünge in einer Minute. Offizielle Meisterschaften sowie Regeln gibt es noch nicht. Zwar stellt die „Poweriser“-Zentrale in Lörrach ein Promotion-Team, das mit Rauchfackeln am Körper spektakuläre Salti aufführt. Ansonsten gibt es aber nur Amateure.

Und die müssen sich wie in jedem Märchen manchmal auch mit „bösen Buben“ auseinander setzen. „Wir zeigen ab und zu nach außen, dass wir im Kopf krank sind“, lacht Annette Buzek. Denn noch gibt es Zuschauer, die mit der neuen Sportart nichts anfangen können…

Dietmar Alexy

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