Luftschlösser? Nein, Rotterdam baut Brücken in der Luft

Rotterdam..  Jede Stadt hat ein vergessenes Viertel, meistens in Bahnhofsnähe. Leerstehende Bürohäuser aus den 60er Jahren, einstmals exquisite Schaufenster sind zugeklebt. Schön ist woanders. Wie belebt man ein solches Quartier? Und das in den Zeiten nach der Krise, wo jeder Satz mit dem Wort „sparen“ beginnt. Rotterdam hat das mit einer ganz besonderen Fußgängerbrücke geschafft. Und mit viel Bürgerbeteiligung!

Im Jahr 2011 konnten die Bewohner Rotterdams zwischen verschiedenen Stadtinitiativen wählen. Luchtsingel, der Plan eine neue Fußgängerverbindung zu schaffen, bekam die meisten Stimmen und sollte Realität werden. Die knallgelbe Holzbrücke ist nicht etwa die billigste Variante – nein! Die Formgebung mit spitz hochgezogenem Geländer, verspieltem „Kreisverkehr“ in der Luft und Zugängen, die an die große Showtreppe der Samstagabend-Fernsehunterhaltung erinnern, ist eine Aussage: Hier steht ein neues Wahrzeichen für Rotterdam.

Der Hauptbahnhof, ein beeindruckender architektonischen Wurf mit silbernem Dach, den die Rotterdamer respektlos „kapsalon“ nennen (wie die Aluschale von der Pommesbude) ist schon im letzten Jahr eingeweiht worden. Von hier aus weisen gelbe Zebrasteifen den Weg zum Luchtsingel, der das Bahnhofsviertel mit der Nordstadt verbindet. Rotterdam braucht keine „Liebesschlösser“. Auf dieser Brücke konnte sich jeder Einwohner legal ein Denkmal setzen: zum Preis von 25 Euro eine Holzplanke kaufen, die den eigenen Namen trägt. „I make Rotterdam“ hieß diese beispiellose Aktion zum Geld aufbringen, neudeutsch „Crowdfunding“. So kann man den eigenen Stadt-Teil immer wieder besuchen, z.B. am Tag der Architektur. Der findet in ganz Holland statt, dieses Jahr am 20. Juni und gilt als offizieller Brücken-Eröffnungstag. Geplant ist ein Riesenfest mit gemeinsamem Picknick, Streetfood, Spielen und stiller Disco bis tief in die Nacht. Aber 4 Jahre Bauzeit für 390 m Holzbrücke?

Nein, es ging um weitaus größere Veränderungen. Das leerstehende Büro-Karree „Schieblock“ ist wiederbelebt. Auf dem Dach ist ein traumhafter Gemeinschaftsgarten entstanden. Auf 1000 qm Fläche wachsen Erdbeeren und Minze, Zucchini, Bohnen und Kohlrabi – im hinteren Teil leben sogar Bienenvölker. Dieser erste Teil des Luftkanals ist schon 2012 fertig gestellt worden – er führt durch das alte Bürogebäude und endet in einer großen Showtreppe im Delftseplein. Das ist der neue Hotspot für Nachtschwärmer mit „Biergarten“, Bars und Clubs. Bei schönem Wetter kann man die halbe Nacht auf der großen Treppe sitzen, tanzen und Leute treffen.

Die Verbindung zum stillgelegten Bahnhof Hofplein war der schwierigste Bauabschnitt, denn dieser Teil führt über die Gleise. In den ehemaligen Brückenbögen ist jetzt neues Leben eingezogen: Cafés , eine Jazz-Bar und Restaurants von jungen Meisterköchen,. Das Gemüse aus dem Dachgarten landet übrigens hier in den Töpfen!

Aber Leben ist nicht nur ausgehen, es muss auch kostenlose Vergnügen geben, wenn ein Stadtteil belebt werden soll. So entstand der neue Park Pompenburg mit Trampolin und Schaukeln, die auch gerne von Erwachsenen genutzt werden. Ein Riesenprojekt! Das „Wir-Gefühl“ der Stifter, der beteiligten Bürger, verbindet Wohlhabende und Mittellose, Singles und Familien: zusammen die Stadt gestalten, einen gemeinsamen Acker bewirtschaften. Und bei der Riesen-Eröffnungsparty am Samstag dabei sein!