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Links Hochkultur und rechts Barbarei am Rhein

03.08.2010 | 19:25 Uhr
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Links Hochkultur und rechts Barbarei am Rhein
Die Rheinbrücke in Rees. Foto Dirk Schuster/WAZ-Fotopool

Am Niederrhein. Der Rhein ist nicht bloß ein Fluss. Er teilt die Menschheit in zwei Gruppen: Linksrheiner und Rechtsrheiner. Am Niederrhein versucht die Politik, diese „Grenze“ zu überwinden. Das ist eine Herkulesaufgabe, deren Erfolg in den Sternen steht.

Im Fußball ist die Welt noch in Ordnung. Wer das bisher nicht wahrhaben wollte, hier der unumstößliche Beweis: Im Niederrheinischen Fußballverband sind linke und rechte Rheinseite strikt voneinander getrennt. Linksrheinische Vereine wie der SV Sonsbeck oder der TuS Xanten gehören zum linksrheinischen Fußballkreis Moers und rechtsrheinische Fußballclubs wie der VFB Rheingold Emmerich oder der SV Rees zum rechtsrheinischen Fußballkreis Rees/Bocholt.

Fußballer sind hier im Norden des niederrheinischen Beckens die wahren Rebellen. „Der Fußballverband Niederrhein hat die Gebietsreform 1975 nicht mitgemacht“, erklärt Wolfgang Jades, Präsidiumsmitglied des Fußballverbandes.

„Der Fluss ist überall. Die Brücke ist nur singulär.“

Neue Rheinbrücke in Wesel. Foto: Hans Blossey

Da Fußballer aber nur höchst selten in der Politik ein Wörtchen mitzureden haben, löste diese 1975 die Kreise Dinslaken , Rees , Moers und Geldern auf und verteilte ihre Städte auf die Kreise Kleve und Wesel. Viele Kommunen werden seitdem durch den Rhein von ihrer Kreisstadt getrennt.

Die Politiker haben es bestimmt nur gut mit den Niederrheinern gemeint. Vor 1975 mussten die Emmericher eine Strecke von 41 Kilometern auf sich nehmen, um in ihre Kreisstadt zu gelangen. Damals war Wese l Kreisstadt im Kreis Rees. Die neue Kreisstadt Kleve liegt dagegen nur zwölf Kilometer von der eigenen Haustür entfernt.

Aber obwohl zwischen Emmerich und Kleve die längste Hängebrücke Deutschlands gebaut wurde, bleibt der Fluss in den Köpfen vieler Niederrheiner eine unüberwindbare Grenze. Ein Erklärungsversuch von Ansgar Müller, Landrat des Kreises Wesel: „Der Rhein bleibt immer eine Trennung. Der Fluss ist überall. Die Brücke ist nur singulär.“

Rheinbrücke zwischen Emmerich und Kleve. Foto: WAZ-Fotopool

„Klemmericher Rheinbrücke“

Sogar der Name einer Brücke wird am Niederrhein zum Streitpunkt. Für die Bewohner der rechten Rheinseite ist es die „Emmericher Brücke“. Ihre linksrheinischen Nachbarn sprechen hingegen von der „Klever Brücke“, wenn sie den Rhein überqueren. Gut gemeinte Kompromissversuche der Politik, wie die Umbenennung in „Klemmericher Rheinbrücke“, können daran auch nichts ändern.

Neben den Fußballern ignorieren auch andere Gruppen hartnäckig das Bestreben der Politik, die beiden Flussufer miteinander zu verbinden. So gehören die rechtsrheinischen Emmericher Schützen nach wie vor zum rechtsrheinischen Bezirksverband Rees. Sowie das linksrheinische Xanten Teil des linksrheinischen Kirchenkreises Moers ist.

Linksrheinische Hochkultur und rechtsrheinische Barbarei

Prof. Dr. Jörg Engelbrecht von der Universität Duisburg-Essen

Prof. Dr. Jörg Engelbrecht von der Universität Duisburg-Essen erklärt, warum es den Niederrheinern so schwer fällt, die Grenze „Rhein“ in ihren Köpfen zu überwinden: „Schon Julius Caesar hat gesagt‚ die Germanen siedeln jenseits des Rheins. Das linke Rheinufer wurde von den Römern beherrscht. Auf der rechten Seite war die ‘Germania libera’, ‘das freie Germanien’“, erklärt der Historiker. Bis heute habe sich dieses Gefühl von der linksrheinischen Hochkultur und der rechtsrheinischen Barbarei in den Köpfen der Menschen gehalten.

In der so genannten Französischen Zeit habe sich die Trennung zwischen linkem und rechtem Flussufer dann weiter gefestigt, erläutert der Professor. Die linke Seite des Rheins eroberte der französische Erbfeind, auf der rechten Seite lebten die deutschen Vorfahren.

Sie wollen nicht zum Kohlenpott gehören

Laut Professor Engelbrecht muss man aber gar nicht so weit in der Geschichte zurückgehen. Der Kreis Wesel gehöre zum Regionalverband-Ruhr, einer Organisation der Städte und Kreise des Ruhrgebiets. Viele Städte, die 1975 dem Kreis Wesel zugeteilt wurden, fühlten sich als Reformverlierer. Sie wollten zum Niederrhein gehören und nicht zum unbeliebten Kohlenpott, vermutet der Niederrheinexperte.

Das trifft wohl insbesondere auf die linksrheinischen Städte zu, denn bis heute haben sich am Niederrhein zwei Vorurteile hartnäckig gehalten. Die rechte Rheinseite denkt, dass auf der linken Seite nur „Bauern“ leben. Die linke bezeichnet die Bewohner der rechten Rheinseite gerne als „Kumpel“. Als ob der Bergbau ein Alleinstellungsmerkmal der rechten Rheinseite gewesen wäre. Die linksrheinische Zeche Friedrich Heinrich in Kamp-Lintfort wird da wie Niederberg in Neukirchen-Vluyn oder Rheinpreußen in Moers gerne vergessen.

„Der Rhein hat auch eine verbindende Funktion“

Der Direktor des Instituts für Niederrheinische Kulturgeschichte hat noch eine weitere Erklärung dafür, dass die Bewohner auf den beiden Seiten des Stroms lieber unter sich bleiben: „Die erste Rheinbrücke wurde erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Köln gebaut.“

Als völlig hoffnungslos würde Professor Engelbrecht die Region Niederrhein aber nicht bezeichnen: „Der Rhein hat durchaus auch eine verbindende Funktion“. Die 1815 gegründete Rheinschifffahrtskommission in Straßburg sei beispielsweise die älteste europäische Behörde.

Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt.

Maira Schmidt

Kommentare
05.10.2012
20:26
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von Pucky2 | #27

Der Kreis Wesel ist ein Kunstgebilde und wird auch eines bleiben.

Wenn ich mir alte Berichte von Moers angucke, oder in Alben stöber, und die Stadt mir dann heute angucke, dann kann man nur noch weinen. Selbstverständlich liegt der Niedergang von Moers nicht nur am Status Kreisstadt ja oder nein, aber es ist mindestens ein Symbol dafür.

Übrigens die neue Rheinbrücke in Wesel ist eine deutliche Verbesserung, obwohl die Anschlusssraßen noch gar nicht richtig fertig sind.

Am unteren Niederrhein finde ich aber weniger den Rhein als Trennlinie, mehr die Grenze zwischen den Bergbaustädten (so wie Dinslaken, Moers, Ka-Li) und den Nicht-Bergbaustädten. Duisburg ist allerdings noch ein Sonderfall, da kann ich die Rheinhauser und Homberger gut verstehen. Eine kreisfreie Stadt mit dem linksrh. Duisburg, Moers, Ka-Li und Neukirchen-Vluyn wäre wohl damals besser gewesen...

08.09.2012
13:38
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von silverstone | #26

Was ist daran bitte lustig?

Ihr rechtsrheinischen habt nicht mal eigene Dialekte!
Duisburger Platt.Das wars dann aber auch schon.Den kann auch kaum mehr jemand von euch.

Niederrheiner sind halt ein Volk für sich-ich bin auch froh links zu wohnen.
Auf die andere Seite hat es mich nie gezogen-warum wohl?
Ganz klar, die linke Seite hat mehr zu bieten!

In dem Sinne und ich hoffe es bleibt auch noch 100 Jahre so in den Köpfen!

Wer es nicht glaubt : http://www.lyrikwelt.de/gedichte/hueschg1.htm

Quelle : Dieter #Hüsch

02.10.2011
11:43
Links Hochkultur und rechts Barbarei am Rhein
von ichweisswie | #25

Echt lustig die Kommentare hier. Aber ihr linksrheinischen müßt echt mal zum Arzt..............

26.09.2011
18:21
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von maria40 | #24

ich bin für fluten ..man bräuchte nur einfach die deiche abreissen dann kann sich der rhein ab und zu selbst überlegen wo er hin will, nach links oder rechts
in diesem sinne

18.05.2011
10:52
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von ditku | #23

Es muss Rheinhauser heißen ;-)

04.03.2011
21:07
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von rw-mh | #22

Tatsache ist doch, und das sehen die Homberger, Baerler, Rumeln-Kaldenhausener und Rheinhausener auch so, dass sie durch die Neugliederung von 1975, von selbständigen Gemeinden und Städten zu Vororten von Duisburg degradiert wurden. Viele von den Einwohnern schämen sich förmlich, dass sie ein Duisburger Kennzeichen am Auto haben müssen. Moers wurde zwar auch in den Kreis Wesel eingemeindet, wird aber nie wirklich zum Kreis Wesel gehören. Allein der Rhein ist schon eine natürliche Grenze und das hätte auch man politisch so lassen sollen.

04.03.2011
12:59
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von berechtigter_Zweifel | #21

ich bin nach Ost-Holland zugezogen und hier in Rheinhausen hat sogar die Politik dörflichen Charakter.

10.02.2011
16:54
Links Hochkultur und rechts Barbarei am Rhein
von Pit01 | #20

Och Pucky, Sie tun mir aber so unendlich leid....
Wer das mit den Weselern, Weselanern und Weselinskis ernsthaft kritisiert, der hat für mich Weseler nun mal überhaupt keinen Humor und geht zum Lachen sicher in den Keller.

10.02.2011
12:51
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von Nobby.Brinks | #19

Die Rechtsniederrheiner wollen auch nicht dem Pott angehören.

Nur die Ruhris (Ruhrpottseparatisten) aus Herne und Umgebung wollen eine Ruhrstadt mit Alpen, Xanten, Wesel, Voerde.....

Der Niederrhein ist jedoch unteilbar.

24.10.2010
12:14
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Name von Moderation entfernt | #18

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