Kunst für alle!

Moers..  Der Duft der frischen Farbe ist verflogen, oben unterm Dachgebälk reihen sich noch die dünn gepolsterten Stühle aneinander. Und der vergoldete Schlüssel, der am Mittwoch dieser Woche feierlich übergeben und fotografisch groß in Szene gesetzt wurde, der liegt achtlos auf der Theke in der Eingangshalle herum.

Einen Tag nach der offiziellen Eröffnung kehrt der Alltag zurück ins Peschkenhaus. Es ist Donnerstagnachmittag, die Luft ist klar und der Himmel wolkig bis blau, in die Galerie der Stadt verirrt sich in dieser halben Stunde außer dem Autor dieser Zeilen immerhin eine weitere Person.

Vielleicht liegt es an der schweren grünen Eingangstüre des weiß getünchten Herrenhauses, die vom Gehweg aus leider verschlossen aussieht. Eigentlich wie immer, wenn geöffnet ist. Der gepolsterte Türstopper, der am Rahmen hängt und die Türe nur einen Spalt weit öffnet, ist oft nur Kennern der Szene bekannt.

Thomas Baumgärtel war schon mal hier, und auch drin. Der anarchische Bananensprayer, früher Rheinberg, heute Köln, hat sein gelbes Erkennungszeichen links neben der Eingangstüre verewigt. So gesehen steht Moers in einer Reihe mit London, New York und, na ja, auch Oberursel.

Das Peschkenhaus also soll ein Haus der Kultur sein, wenigstens aber ein Haus der Stadt. Doch daran (ver-)zweifeln selbst eingefleischte wie waschechte Moerser.

Jeder Moers-Bummler kann nachlesen, worum es sich bei diesem Haus an der Ecke Neu- und Meerstraße handelt. An der Außenfassade hängt eine gläserne Tafel, darauf ist die Geschichte des Gebäudes kurz beschrieben. Diese paar Zeilen zu lesen dauert nicht länger als gegenüber auf der anderen Seite des Neumarktes ein billiges Brötchen zu essen.

Das Peschkenhaus ist das „älteste erhaltene Bürgerhaus von Moers“. Erbaut im 15. Jahrhundert, in einer Karte von Gerhard Mercator verzeichnet. Es liegt „am Eingang zur Neustadt, ursprünglich am Meer, der aufgestauten Moerse“. Eigentlich braucht nun nichts mehr gesagt werden – es muss bloß noch entsprechend gehandelt werden. Ein solches Stück Stadtgeschichte gehört gut erhalten und sinnvoll genutzt!

Doch wir sind hier nun mal in Moers. Die Stadt hat, vornehm ausgedrückt, wenig Geld. Ein Problem, das es seit langem gibt. Mal abgesehen von einer Geschichtsvergessenheit, die sich ebenfalls breit durch die Bevölkerung und weit durch die Jahrzehnte dieser Großstadt auf Papier zieht.

Als Politik und Verwaltung beschlossen, im Peschkenhaus eine Städtische Galerie einzurichten, kreiste in vielen Hinterköpfen schon die Abrissbirne. Das Gebäude mit dem klassizistischen Giebel aus dem 19. Jahrhundert liegt, um es wie ein Immobilienmakler zu sagen, in einer 1AAA-Lage. Kaufhaus statt Kunst, so hieß der Plan, der nicht verwirklicht wurde.

1972 stellte Adolf Luther, ein Künstler aus Krefeld, unter dem Titel „Licht und Materie“ erstmals im Peschkenhaus aus. Zwei Jahre später beschloss der Rat sogar, eine städtische Kunstsammlung aufzubauen. Mit 20 000 Mark sollte es losgehen. Viel ist dabei nicht herumgekommen, auch, weil das Vorhaben schnell wieder gestoppt wurde. So ist Moers vielleicht nicht nur die kleinste Großstadt in Deutschland, sondern vielleicht auch die einzige, die keine eigene Kunstsammlung besitzt – zumindest keine nennenswerte.

Dennoch wurde das Peschkenhaus im Laufe der Jahrzehnte unter der eisernen Regie von Christine Knupp-Uhlenhaut zu einer Adresse über den evangelischen Kirchturm nebenan hinaus. Bis Politik und Verwaltung wieder auf die Idee eines Hausverkaufes kamen, weil mal wieder die Kasse leer war.

Doch wie es manchmal so ist, hatten die Volksvertreter auch diesmal die Rechnung ohne ihre – zum Teil durchaus reichen – Bürger gemacht. Eine Bürgeraktiengesellschaft wurde gegründet, die das Haus erwarb, um es zu erhalten. Als Städtische Galerie, offen für jedermann. Das ist nun zwölf Jahre her, und am Mittwochvormittag ging dieses Märchen gut aus.

Jetzt liegt es an den Bürgern, das Peschkenhaus zu nutzen. Ansonsten war alle Mühe umsonst.