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Karneval

Kleve hat den Karneval erfunden. Tätä!

10.11.2012 | 01:00 Uhr
Kleve hat den Karneval erfunden. Tätä!
Jeder Jeck ist anders. In Kleve schreit er „Helau“, in Köln „Alaaf“.Foto: KITSCHENBERG, Kai

Kleve.   Morgen, am Elften im Elften, startet die neue Session. Hartnäckig hält sich ein Gerücht:Der organisierte Frohsinn stammt vom Niederrhein – behaupten ausgerechnet ein paar Narren aus Köln

Es gibt genau zwei Dinge auf dieser Welt, bei denen der Verstand einiger Kölner aussetzt: beim Fußball und beim Karneval.

Bleiben wir lustig – und reden über den Karneval. Im Schatten des Doms glauben sie allen Ernstes, dass der organisierte Frohsinn seinen Ursprung im niederrheinischen Kleve hat. In Kleve!

Nachzulesen ist das in der Chronik der Kölner Narren-Zunft. Darin ist von einem „weisen Narr“ die Rede, vom ehemaligen Kölner Erzbischof, am Niederrhein besser bekannt als Graf Adolf von Kleve. Der Mann lebte im 14. Jahrhundert und habe die „erste Karnevalsgesellschaft“ gegründet: die „geselscap van den gecken“, die „Gesellschaft von den Gecken“.

Stimmt: Den Zusammenschluss gab es wirklich. Belege darüber sind im Stadtarchiv in Kleve einzusehen.

Am 12. November 1381 gaben sich Graf Adolf und 35 Ritter und Adelsherren Brief und Siegel darauf, dass sie fortan täglich ein Abzeichen auf ihren Kleidern tragen wollten. Dieser „Geck“ sah so aus, wie man sich heutzutage einen Narren vorstellt: Er trug ein aus roten und silbernen Würfeln zusammengesetztes Kleid und eine Kappe auf dem Kopf, war mit goldenen Schellen behangen, hatte gelbe Strümpfen an und schwarze Schuhen mit krummen Spitzen.

Wer vergaß, sich diesen „Gecken“ anzuheften, musste eine Geldstrafe zahlen, die für Bedürftige zu verwenden war. Die „geselscap“ war demnach auch eine wohltätige Vereinigung, die sich für Armenspeisungen und Hospitäler einsetzte.

In zahlreichen Veröffentlichungen aus der jüngeren Vergangenheit aber ist zu lesen, dass sich diese Klever Gesellschaft „als älteste Narrengesellschaft Europas, wenn nicht gar der Welt“, betrachten darf.

Lokaler Humbatätärä-Patriotismus? Vielleicht haben all jene Autoren einfach die Einschätzung der Narren aus Köln übernommen.

Anfang des 19. Jahrhunderts war allerorten zu hören, dass der Karneval im Laufe der Zeit in Völlerei und Trunksucht ausgeartet sei. Auf den Straßen hätten sich, wie der zeitgenössische Dichter Christian Samuel Schier lästerte, „meistens Ausgeburten der Trivialität gezeigt“.

1822 fanden sich einige Männer in einer Kölner Gaststätte zusammen, um das Karnevalsfest zu erneuen. Es sollte wieder das Schwellenfest vor der vierzigtägigen vorösterlichen Fastenzeit werden, bei dem unter der Maske des Narren die geistliche und weltliche Macht verspottet werden durfte.

Bei der Wiederbelebung des feinsinnigen Frohsinns bildeten sich wesentliche Elemente des modernen Karnevals heraus, die es noch immer gibt: Gesellschaften und Sitzungen etwa. Wie gesagt: Als Vorbild diente den Kölnern Narren damals die Gecken-Gesellschaft aus Kleve.

„Bei dieser Gesellschaft handelte es sich nicht um eine närrische, sondern um eine Rittervereinigung“, stellt der Volkskundler Alois Döring vom Landschaftverband Rheinland fest. Und Rainer Hoymann schrieb im Klever Heimatkalender von einem „mittelalterlichen Business Club, den Graf Adolf mit verdienten Rittern besetzte, um politische Ziele zu verfolgen.“

Irgendwie hört sich das nach Klüngel an – klar, dass den Kölnern das gefallen hat.

Ingo Plaschke


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