Kirche oder Kommerz?
16.05.2008 | 18:01 Uhr 2008-05-16T18:01:00+0200HANDEL. Verkaufsoffene Sonntage erfreuen die Einen und erregen den Unmut der Anderen. Eine gemeinsame Lösung muss her.
AM NIEDERRHEIN. Der eine geht sonntags in die Kirche, der andere lieber einkaufen. Des Menschen Wille ist ja bekanntlich sein Himmelreich - sofern sich dieses denn im gesetzlichen Rahmen bewegt. Den kann man weit fassen: Auf der einen Seite steht im Landesgesetz zur Regelung der Ladenöffnungszeiten, dass Shoppingfreunden sonntags die Einzelhandelstüren aufgesperrt werden dürfen. Andererseits sieht das göttliche Gesetz den siebten Tag als Ruhetag vor. Eine komplizierte Angelegenheit.
In Rees sollen die Geschäfte künftig sogar an 40 Sonntagen verkaufen, sofern das Sortiment etwas zur touristischen Attraktion der Stadt beiträgt. In Moers hingegen musste Ende April der Sonntags-Trödelmarkt in der Stadt verlegt werden. Wegen der Konfirmationsfeier hatte die Evangelische Kirche darum gebeten. Die Zeremonie würde sonst gestört, hieß es. Diskutiert wird über den Verkauf am Sonntag aktuell in Wesel. Die örtliche Werbegemeinschaft will einen Einkaufssonntag im Advent durchsetzen. Die Katholische Arbeitnehmerbewegung (KAB) ruft zum Widerstand gegen die Pläne auf. "Es geht uns um die Beschäftigten, die sonst keine freie Zeit für ihren Familien haben", sagt Martin Mohr von der KAB.
Keine Zeit für Familie
In den vergangenen Tagen hätten sich die Kirchen, die KAB und Verdi deshalb bereits telefonisch darauf verständigt, stärker denn je gegen die Pläne vorzugehen, so Mohr.
Sonntagseinkauf in der Vorweihnachtszeit hat sich in Goch schon durchgesetzt. Am 7. Dezember heißt es hier für den Handel "Macht hoch die Tür". "Dazu hat es aber heftigste Proteste gegeben", sagt Mohr. Doch wenn die Stadt bald auch Wallfahrtsort wird, könnte sich der Widerstand in Grenzen halten. In Kevelaer wird schließlich auch jeden Sonntag verkauft. Damit ist Mohr ebenfalls nicht einverstanden: "Als KAB sagen wir, dass auch da Missbrauch betrieben wird, denn es gehen nicht nur Wallfahrtsartikel über die Ladentheke, sondern unter der Hand auch anderes."
Trotzdem hat Kevelaer auch offizielle verkaufsoffene Sonntage. "Aber nicht im Advent und immer in Absparche mit der Kirche", sagt Ruth Keuken vom Verkehrsverein. Ein Pastor sitzt im Vorstand des Vereins und sucht die Termine für die verkaufsoffenen Sonntage mit aus, bevor sie dem Rat vorgelegt werden. Albrecht Holthuis, evangelischer Pfarrer in Wesel, kann davon nur träumen: "Wir sind nicht eingeladen worden, uns mit den städtischen Vertretern an einen Tisch zu setzen. Uns hat niemand gefragt." (elwi)
22:12
Zu diesem Artikel möchte ich zweierlei anmerken:
1. Goch ist bereits seit mehreren Jahren Wallfahrtsort, und wird es nicht erst. Das ist büberregional bekannt.
2. Niemals habe ich im Interview behauptet, in den Läden der Kevelaerer Innenstadt werde neben Wallfahrtsartikeln auch weiteres unter der Hand angeboten. Das würde eine Kriminalisierung der Einzelhändler bedeuten. Als ausgebildeter Kaufmann im Einzelhandeln möchte ich die Kevelaerer Händler vor solch einer Verunglimpfung schützen, denn ich bin überzeugt, das hier saubere, kompetente und seriöse Arbeit geleistet wird. Mit sehr viel Einsatz, Mühe und Anstrengung.
Meine Kritik bezog sich darauf, dass ganz offiziell und auch an Nicht-verkaufsoffenen Sonntagen aus dem Ladensortiment heraus Lebensmittel, Haushaltwaren und vieles andere ebenfalls verkauft wird. Dem Kommerz und der Rund-um die-Uhr-Gesellschaft wird auch auf diese Art und Weise immer mehr Tür und Tor geöffnet. Irgendwann wird auch in Kevelaer die Sonntagsöffnung aller Läden zur Normalität mit dem absurden Vorwand: Die Kunden wollen das ja so und die Konkurrenz ist groß.