Kann Kunst denn Kriege verhindern, Frau Karabaic?

Milena Karabaic. Kann Kunst Kriege verhindern?
Milena Karabaic. Kann Kunst Kriege verhindern?
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Was wir bereits wissen
Milena Karabaic ist LVR-Dezernentin und hat eine Talk-Runde vorbereitet: „Zeichen gegen den Krieg“ und die Rolle der Kunst. Donnerstag, im Lehmbruck-Museum Duisburg.

Am Niederrhein.. Welche Rolle spielt die Kunst in Zeiten des Krieges? Welche Möglichkeit hat sie? Der Landschaftsverband Rheinland (LVR) lädt im Rahmen des Verbundprojektes „1914 – Mitten in Europa. Das Rheinland und der Erste Weltkrieg“ zu einer Talkrunde ein. Ein Gespräch vorab mit Milena Karabaic, LVR-Dezernentin für Kultur und Umwelt.

“Zeichen gegen den Krieg“ - unter diese Überschrift haben Sie eine Podiumsdiskussion gestellt, die am 15. Januar im Lehmbruck-Museum in Duisburg stattfinden wird. Kunst als Friedensstifter – geht das?

Zum vierzehnteiligen Ausstellungsreigen des LVR-Projektes „1914 - Mitten in Europa. Das Rheinland und der Erste Weltkrieg“ gehören auch Expositionen zur Kunst. Neben der ersten Kunst-Präsentation im Max-Ernst-Museum Brühl des LVR unter dem Titel „Seinen Augen trinken alles“, die sich auf die sogenannte Inkubationszeit des späteren künstlerischen Weltstars konzentriert, haben wir beispielsweise in Düren - sowohl im historischen Bewahrhaus der LVR-Klinik als auch im Leopold-Hoesch-Museum - unter dem Titel „Moderne.Weltkrieg.Irrenhaus“ bekannten Impressionisten wie Liebermann, Expressionisten wie Pechstein oder Kirchner, Arbeiten von Patienten gegenübergestellt, die teilweise auch aufgrund von Kriegserlebnissen eigene künstlerische Ausdrucksformen entwickelt haben und die wir heute der „lunatic art“ bzw. der „Outsider“-Kunst zuordnen.

In Duisburg steht die Frage nach Kriegsbewältigung und der Friedensfähigkeit von Kunst auf dem Programm. Hier wird der Erste Weltkrieg zudem aus der Epochenmarkierung als „Urkatastrophe“ herausgeholt, da bekanntlich die Menschen in der Folge nicht aufgehört haben, Kriege zu führen. Gleichzeitig wird daran erinnert, dass die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg wie an alle folgenden Kriege stets vom Standpunkt der Gegenwart justiert bleibt. So bleibt drittens nicht ausgespart, darüber nachzudenken, ob eine unaufhebbare Distanz zum inzwischen medial präsenten Geschehen von diversen Krisen- und Kriegsgebieten uns dennoch daran hindert, aus der Geschichte zu lernen, Kriege zu vermeiden.

Somit fungiert dieser Duisburger Akzent im Sinne eines Korrektivs, indem die 21 internationalen Künstlerinnen und Künstler ihre eindeutigen „Zeichen gegen den Krieg“ setzen. Zeichen, die es in sich haben und die Fragen nach Krieg und Frieden, Aggression und Avantgarde nicht endgültig zu lösen vermögen, diese jedoch reflektieren - und Betrachter und Betrachterinnen herausfordern. Kriege hat die Kunst m.E. nie verhindern, womöglich aber bei der Herausbildung von Friedfertigkeit und Toleranz helfen können. Dazu bedarf es aber nicht allein der Künstlerinnen und Künstler, auch der Vermittlung. Dann sind auch die Museen in die Pflicht genommen.

Karikaturen sind auch Kunst.

Vor dem Hintergrund der aktuellen erschreckenden Ereignisse bleibt - in Anlehnung an Kurt Tucholsky - seine klare Haltung aktuell: „Was darf Satire? Alles“. Und man mag ergänzen: „... nur nicht verschwinden“.

Das Medium der Karikatur, wird ja, wie die traurigen Ereignisse unserer Tage bewusst machen, in Frankreich viel selbstständlicher als kreativ-künstlerisches Ausdrucksmittel genutzt als in Deutschland. Wir werden es im Rahmen unseres Projektes demnächst ganz gezielt in der „Eurovision“ einsetzen, die Abschlussveranstaltung von „1914-Mitten in Europa“. Und zwar im LVR-Industriemuseum Oberhausen, wo sich Schulklassen aus ganz Europa mit Ihren Projekten zum Gedenken an „1914“ am 19./20. Februar einfinden und u.a. an einen Kurs „Comic und Gewalt“ teilnehmen werden.

Wie kommt es, dass sich der LVR sich dem Thema so umfassend, mit einem Verbundprojekt, annimmt?

Das Thema Erster Weltkrieg verdient es zum einen, aus der Deck-Erinnerung des Zweiten Weltkriegs herausgeholt zu werden. Das schaffen die Schulen meist nicht. Da leisten wir also eine wichtige, wenn Sie so wollen, nachholende Bildungsarbeit. Und Bildung gehört zu unserem Portfolio. Zum zweiten sind wir mit unserem Dezernat in der Lage, mit all den verschiedenen Museen, mit all den Kulturdiensten unterschiedlichster Fachrichtungen auch interdisziplinär ein Epochenbild anzubieten, das historische Orientierung erlaubt und sich nicht in Einzeldarstellungen erschöpft. Das hat das Projekt „1914-Mitten in Europa“, obwohl noch nicht ganz abgeschlossen, bereits bewiesen. Drittens ist es auch gelungen, eine Brücke zwischen Wissenschaft und Kulturvermittlung, also zwischen Universität und angewandter Wissenschaft zu schlagen: der international besetzte, interdisziplinäre Beirat des Projektes hat dies möglich gemacht. Schließlich haben wir auch positive Resonanz von den beteiligten Akteuren erhalten. Der Blick über den eigenen Tellerrand hat Synergien mobilisiert und Horizonte erweitert, was auch asls persönlich Bereicherung empfunden wurde. Das hat eine soeben durchgeführte Evaluation des Projektes ergeben.

Kunst hat immer auch den Anspruch, schön zu sein. Gibt es eine Ästhetik des Hässlichen, des Bösen?

Diese Auffassung ist eher eine traditionelle, die des 19. Jahrhunderts, sie hat in der Zwischenzeit (multidimensionale) Erweiterung in Hinblick auf ihren Anspruch erfahren. Zur Ästhetik gehört Rezeption, in deren Folge die Wirkung eines Kunstwerkes als verstörend, erdrückend, irritierend, schön, nichtssagend oder hässlich empfunden wird. Die Ästhetik der modernen Avantgarden kennt auch den Schrecken, das Hässliche, die Brüche und Ambivalenzen und bildet diese bewusst ab.

Der Erste Weltkrieg wurde an vielen Orten mit Ausstellungen, Aktionen, Filmen aufgearbeitet...

Die Herausforderung besteht darin, einen Brückenschlag zwischen diesem - historischen - Ereignis und der heutigen Relevanz zu vollziehen. Welche Auswirkungen in Bezug auf das Individuum, auf Gesellschaft, konkrete Grenzen, politische Systeme - um nur einige wichtige Aspekte zu nennen - können wir nachzeichnen bzw. in einen aktuellen Zusammenhang stellen? Welche Schlussfolgerungen, Positionen lassen daraus ableiten? Indem die nachfolgende Generation in die Lage versetzt wird, sich darüber Gedanken machen zu können, kommen wir als Museum oder Kulturinstitution (des LVR) unserem Bildungsauftrag nach! Insgesamt ist man auf dem Weg zu einer europäischen Erinnerung, die viele Erinnerungskulturen zulässt und sich von einer Einheitsperspektive, sei sie fachspezifisch begründet oder national gefärbt, wegbewegt. Das versuchen wir gerade auch mit unserem Verbundprojekt, das sich „Mitten in Europa“ anzusiedeln versucht und dies befolgen wir insbesondere mit der erwähnten „Eurovision“, einer Kombination von Kongress und Schülerkovent.

Es ist ein schmaler Grat zwischen schön sein und verherrlichen.

Dieser Zusammenhang stellt sich ein, wenn es um Propaganda, propagandistische Absichten geht. D. h., wenn Kunst instrumentalisiert wird, von Ideologien, Herrschaftsansprüchen. Diese Absichten zu „demaskieren“, ihre Camouflage zu erkennen – auch das bedarf der Aufklärung, wieder im Sinne des Bildungsauftrags.

Welches Kunstwerk kommt Ihnen zum Thema in den Sinn?

Der Gestürzte von Wilhelm Lehmbruck, Guernica von Pablo Picasso – und nicht zuletzt seine Friedenstaube.

Das Foto mit dem weinenden Napalm-Mädchen im Vietnam-Krieg hat 1972 die Welt erschüttert. Heute finden sich fast täglich solche Bilder auf youtube.

Für diese Form der tagtäglichen „Verrohung“ müssen wir Gegenbilder aufbauen. Der Umgang mit den heutigen medialen Möglichkeiten sollte eine entsprechende Medienkompetenz voraussetzen. Diese muss systematisch und konsequent (pädagogisch) vermittelt werden. Da spielen wieder die Ausstellungshäuser eine große Rolle, zu deren Bildungsarbeit es auch gehört, Sensibilitäten zu wahren und zu schützen. Ich glaube, dass dies auch mit Ausstellungen wie „Zeichen gegen den Krieg“ in Duisburg gelingen kann. Hier geht es ja gerade auch darum, sich mit den modernen Medien, mit Fotografien der „embedded“ Journalisten, mit Film und Video auseinanderzusetzen.

Hat Kunst einen Auftrag?

Mit dieser Frage befasst sich der wissenschaftliche Diskurs in vielfältigen Formen und Formaten, die Dokumentation füllt ganze Bibliotheken. Dabei lassen sich unterschiedliche Positionen definieren, die sowohl affirmativ wie auch klare Haltungen beispielsweise in Hinblick auf die politisch-gesellschaftliche Funktion bzw. den entsprechenden Auftrag formulieren. Diese Debatte wird auch weiter geführt werden, sie hat keinen Abschluss gefunden. Eine der zentralen, aktuellen Fragen lautet dabei, ob die Kunst eine ihrer wichtigsten Funktionen, nämlich die der Kritik, verlieren wird, angesichts der neuen, globalen Ordnung.

Wen kann Kunst erreichen?

Aus dem Bildungsauftrag ergibt sich die Frage nach den Zielgruppen. Wen will ich erreichen? Und mit welchen Mitteln muss diese zielgruppenspezifische Ansprache operieren? Werden die „alten“ Formate - Ausstellungen, Kataloge etc. - überhaupt noch von der „Generation C“ wahrgenommen? Hier stehen wir vor noch völlig unausgelotenen Möglichkeiten. Die Aufgabe der Kulturvermittlung wird es m.E. bleiben, im anhaltenden Gespräch um das, was die Kunst auszeichnet, in der Praxis dafür zu sorgen, dass die Wirkung der Kunst bei möglichst vielen möglichst groß ist. Das versuchen wir u.a. mit den Kunstausstellungen unseres Projektes „1914“ und insbesondere mit der Podiumsveranstaltung „Zeichen gegen den Krieg“ am kommenden Donnerstagabend im Lembruck-Museum Duisburg.Beginn 18 Uhr.