Ina Coelen kann's einfach nicht lassen
20.11.2009 | 20:21 Uhr 2009-11-20T20:21:00+0100
Am Niederrhein. Ina Coelen ist ein zartes Persönchen mit dem lustigen Blinzeln in den Augen. Sie hat mehr als ein Dutzend Niederrhein-Krimis geschrieben. Sie liebt Mann und Kinder und hasst Strumpfhosen.
Sieht harmlos aus. Eine ruhige Seitenstraße, schöne alte Häuser mit mächtig hohen Decken und langgezogenen Fenstern. Und hinten raus - mordsmäßig viel Platz. Ina Coelen öffnet nach einem gemütlichen Dingdondongding. Dieses zarte Persönchen mit dem lustigen Blinzeln in den Augen soll düstere Verbrechen schmieden? Eiskalt planen, wann einer über die Klinge springen muss - und das mitunter sogar blutig. „Tach Frau Coelen". Ein fester, resoluter, ein zupackender Händegriff, ein freundliches Lächeln. Sehr feingliedrige Hände. Das indische Tuch, Edgar Wallace. Da waren auch solche Hände...
„Wir können ins Gartenhäuschen gehen, da stört uns niemand." Garten, ja doch, gern. Der Ort, an dem die Verbrechen geplant werden. Plötzlich ist Klaus Kinski da, schemenhaft, seine Augen, dieses wirre, bleiche Gesicht. „Milch und Zucker zum Kaffee?" Ähem, ja doch, sicher, gern. Sie schreiben also in der Laube? „Ja, auch. Ich dachte mal, da hätte ich die meiste Ruhe. Kein überraschender Besuch, kein Telefon." Ina Coelen schüttelt den Kopf. „Ich sitze da immer noch sehr gern - aber ich bin kein Mensch, der in Abgeschiedenheit schreiben kann. Ich brauche das Gewusel um mich rum. Erst recht, seit die Kinder aus dem Haus sind."
"Ich nehme gerne Gift"
Ein üppiger Garten. Dicht bewachsen, Efeuranken angeln sich alles, was sich bewegt, der Kater schleicht um die Beine. Nein, keine frischen Erdspuren. „Ich nehme gern Gift", plaudert Frau Coelen und schubst mit der Schulter die Tür zum Blockhäuschen auf. „Das funktioniert immer und man braucht nicht so viel körperliche Kraft." Natürlich. Den Kaffee dann lieber ohne Pulver, ähem, Süßstoff.
Ja, und dann: der Beweis, im Regal: Bücher. Krimis. Jede Menge. Frau Coelen lächelt unschuldig. „Der Revolver liegt in der Küche. Eine Nachbildung. Den nehme ich gern zu Lesungen mit."
Ina Coelen lässt seit Jahren meucheln - nicht ohne Folgen. Ihre Krimi-Anthologien sind längst nicht nur hartgesottenen Insidern ein Begriff, bekannte Autoren schreiben für ihren kleinen Verlag genauso gern wie unbekannte. Der Tatort ist immer ein niederrheinischer. Ob in Gärten- oder Parkanlagen, am Kochtopf oder beim Nachtisch. Irgendwann erwischt es einen. „Leben und Tod sind die spannendsten Dinge auf dieser Welt. Nichts tun die Leute lieber, als Rätsel raten. Nichts anderes ist ein Krimi. Raten, wer der Mörder ist. Und am Ende lösen sich alle ungeordneten Strukturen wieder auf und die Welt ist in Ordnung."
„Tschuldiging", sagt sie dann. Eine SMS. Jaja, das Handy. „Ich brauch' einfach den Kontakt zu anderen." Ina Coelen hat in fast zehn Jahren ein Dutzend Krimi-Anthologien herausgegeben, drei Dutzend eigene Krimis veröffentlicht, hat die Krefelder Krimi-Tage mit erfunden und ist mit Herz und Blut eine der Autorinnen bei den „mörderischen Schwestern", Mitglied in der Autoren-Vereinigung Syndikat und, so nebenbei, Verlegerin. Vor ein paar Wochen war sie mal selbst Opfer – bei einem Krimi-Diner. „Ich kann auf Anhieb heulen", grinst Ina Coelen, „alle Ermittler hatten Mitleid mit mir – obwohl ich gerade erfolgreich eine Dame um die Ecke gebracht hatte."
Vergiftet, versteht sich. „Ich hab' auch mal ne Prügelszene beschrieben, getreu dem Motto: welches Körperteil rutscht bei welchem Schlag wohin." Die Dame schüttelt sich. „Nee, nicht mein Ding." Nach der nächsten SMS dann der todsichere Tipp: „Nehmen Sie die Badewanne. Das klappt immer." Ja klar, Fön rein und schwupp. „Neenee, da passiert nix, außer vermutlich, dass das angepeilte Opfer weiß, was Sie vorhaben. Sicherer ist: bissken Alkohol, Opfer benebeln und dann die Beine schön festhalten, Sie wissen schon." Ganz schön brutal. „Aber effektiv! In einem Krimi muss leider immer einer böse sterben, sonst wär's ja kein Krimi."
Eigentlich ein lieber Mensch
Frau Coelen ist sonst eigentlich ein lieber Mensch. Also meistens. „Eine Kollegin hatte mal ein Handy, das klingelte nicht sondern ein Mensch schrie um Hilfe. Das fand ich echt fies." Wo kriegt man all die mörderischen Ideen her? „Ich lese gern Zeitung", lächelt sie. „Dann leg' ich mir Karteikarten zu Opfern und Tätern an. Augenfarbe, Statur, Beruf, solange, bis ich eine richtige Person vor mir habe. Und dann fang' ich an. Einfach drauf losschreiben kann ich nicht. Ich hab' vorher einen Plan, eine Struktur."
Ina Coelen (Jahrgang 1958) mag den Sommer und hasst Strumpfhosen, liebt Bücher aber keine Hörbücher, surft stundenlang im Internet und mag nicht einschlafen, wenn Streit in der Luft liegt. „Ich kann nicht Taktieren. Als Politiker oder Diplomat wäre ich völlig ungeeignet." Todschick - Mode und Morde am Niederrhein – ihr jüngster Fall. „Der Tod gehört zum Leben" sagt sie und gesteht, dass das literarische Morden auch ein bisschen nachdenklicher macht. „Irgendwann ist es für jeden ja mal aus." Männer, schiebt sie nach, „morden oft im Affekt. Frauen denken länger drüber nach - es muss im ersten Anlauf klappen, sonst haben wir schlechte Karten und das Opfer schlägt zurück." Sie lächelt wieder. Gern genommen: das Gift im Blaubeertörtchen.
Wir hatten Kekse. Ina Coelen zuppelt am Tischtuch. „Nächstes Mal, glaub' ich, mach ich mal was anderes..."
Ina Coelen in Frage und Antwort:
Mord und Totschlag. Dass ausgerechnet Ihnen so was passieren muss…
Mir fällt es immer schwer, eine meiner Figuren über die Klinge springen zu lassen. Dann ziehe ich jedes Mal in Erwägung, vielleicht doch auf Liebesromane zu wechseln.
Kennen Sie Ihre Opfer persönlich?
Ja, alle, ich habe sie schließlich erfunden.
Wie tun Sie es am liebsten?
Am liebsten lasse ich mit Gift morden, das wirkt todsicher und weckt die Kinder nicht auf.
Morden Krimiautorinnen anders als Krimiautoren?
Bestimmt viel raffinierter, weil Frauen schon wegen der körperlichen Unterlegenheit nicht mal eben so zuschlagen können.
Ihr liebstes Motiv?
Rache, Hass, Habgier
Ihr schönster Fall?
Da wurde mit einem Schokoladendessert gemordet, aber es waren dann doch nur K.O.-Tropfen.
Haben Sie schon mal darüber nachgedacht, einen Liebesroman zu schreiben? Oder Gedichte?
Gedichte hab ich mit 15 Jahren geschrieben, die Phase liegt hinter mir. Einen Liebesroman würde ich fast lieber schreiben als den nächsten Krimi, aber eben nur fast.
Was tun Sie an einem einsamen Abend, wenn der Strom ausfällt, der Wind das knarzende Fenster aufdrückt und Sie Schritte im Nebenzimmer hören?
Ich konzentriere mich ganz auf das spannende Buch, das ich gerade lese.
Ihr aktueller Lese-Tipp?
„Tod an der Leine" von Susanne Mischke. Und wenn es kein Krimi sein soll: „Liebe - ein unordentliches Gefühl" von Richard David Precht.
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