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Eiseskälte

Holland im weißen Rausch

13.02.2012 | 17:56 Uhr
Holland im weißen Rausch
Eisfieber in den Niederlanden: Die Amsterdamer Grachten, von Schlittschuh fahrenden Menschen bevölkert. Foto: Anneke Wardenbach

Amsterdam.   Romantischen Eislauf-Spaß gab es sogar auf den Amsterdamer Grachten - Der Elf-Städte-Lauf wird nicht stattfinden.

Oma, warte auf mich!“ ruft ein etwa siebenjähriger Junge. Er stolpert auf Schlittschuhen einer älteren Dame hinterher, die gemächlich dahingleitet. Am vergangenen Wochenende glitten hunderttausende Niederländer auf Kufen durch das Flachland. Der Frost hat Kanäle, Flüsschen und Seen in ein unendliches, eisiges Wegenetz verzaubert. Das Land ist viel größer geworden. Entlegene Landschaften sind plötzlich erreichbar und laden zu ausgedehnten Wanderungen ein. Mit der Eiseskälte als Verbündeten sind die Niederländer endlich Herr übers Wasser. Geübte Läufer erreichen auf Langlauf-Schlittschuhen mühelos Geschwindigkeiten von mehr als 30 k/mh.

Viele Leute nehmen sich „eisfrei“; nur die Ambulanzen haben schlechte Karten, sie haben viel mehr zu tun als üblich. Auch wenn die Niederländer im Allgemeinen souverän eislaufen - ein Riss im Eis oder ein eingefrorenes Stöckchen holt selbst den besten Läufer von den Kufen. Doch dieses Risiko geht man angesichts des unvergleichlichen Naturerlebnisses gerne ein.

Schleusen dicht - Pumpwerke aus

Ein Blick auf die Amsterdamer Keizersgracht, die auch von Schlittschuh fahrenden Menschen bevölkert ist. Foto: Anneke Wardenbach

Kündigt sich klares Frostwetter an, bricht bei den Nachbarn akutes „Eisfieber“ aus. Dann heißt es „Schleusen dicht! Pumpwerke aus!“. Das Wasser soll stillstehen, damit glattes Eis wachsen kann. Jedes Dorf hat seinen Eismeister. Mit Bohrern und Zollstock bewaffnet, kontrolliert er die Dicke des Eises. Mindestens zwölf Zentimeter muss die Eisdecke dick sein, dann trägt sie tausende Läufer.

Im Eis verschmelzen die Niederländer zu einer Nation. Nicht einmal der Fußball kann eine derartige kollektive Freude auslösen. Liebevoll gepflegte Rivalitäten zwischen Dörfern sind vergessen, wenn alle mit anpacken: Wanderrouten vom Schnee befreien. Wegweiser aufstellen, Büdchen für heißen Kakao und Erbsensuppe aufbauen.

Die Königin der Touren ist die Elfstedentocht. Auf knapp 200 Kilometern führt sie durch die elf Städte Frieslands, der Heimat des Eislanglaufs. Keine sieben Stunden brauchten einige der Gewinner – was sie zu Nationalhelden macht. Seit 1909 konnte die Elfstedentocht erst 15 Mal stattfinden. Liebhaber von Natureis sind völlig vom Wetter abhängig. Mehr als ein paar Tage im Voraus kann niemand sagen, ob die Schlittschuhe ausgepackt werden können. Vergangene Woche war die Hoffnung riesig, doch eine Live-Pressekonferenz in den Hauptnachrichten am vergangenen Donnerstag ließ den Traum platzen: „Zu riskant. Das Eis ist zu schlecht und zu dünn für die mehr als 16.000 Läufer!“, befanden die Eismeister der Elfstedentocht. Viele Fanatiker liefen die Route dann doch auf eigene Faust.

Für märchenhafte Bilder sorgte der Frost in Amsterdam. Zum ersten Mal seit dem Winter 1996/97 waren die Grachten zugefroren. Mit einer speziellen Eis-Verordnung wurden Prinsen- und Keizersgracht für die Schifffahrt gesperrt, damit diese wohl romantischste Eisbahn der Welt entstehen konnte. „Alle sind irgendwie so fröhlich!“, lacht eine Mittdreißigerin, Kinder, Touristen, Senioren – jeder machte einen Spaziergang über das Wasser, mit oder ohne Schlittschuhe. Cafés setzten ihre Reklameschilder aufs Eis und Schlittschuh-Läufer staksten über die Brücken, wenn darunter das Eis zu dünn war.

Am Freitagabend hatte ein 29-Jähriger über eine soziale Netzwerkseite im Internet 30 Freunde eingeladen – 2.000 kamen und tanzten auf dem Eis. Die Polizei musste den Spaß beenden, als immer mehr Wasser auf die Eisfläche schwappte. Schwer zu überzeugen waren die Partygäste jedoch nicht. Inzwischen ist das Vergnügen vorbei: Seit Montag sind die Pumpwerke wieder in Betrieb, wodurch das Eis schnell schrumpft. „Jetzt noch aufs Eis zu gehen ist lebensgefährlich!“, warnt die Wasserbehörde.

Anneke Wardenbach

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