Grenzenlose Hilfe

Foto: Zulfoghari

Aalten..  Der Marktplatz und die Straßen vom kleinen Grenzstädtchen Aalten sind mit rot-weiß-blauen Fahnen geschmückt. Vor 70 Jahren hat ganz Holland tagelang die Befreiung von fünf Jahren deutscher Besatzung gefeiert.

Aber die kleine Gemeinde Aalten, die damals offiziell schon 13 000 Einwohner zählte, hat bis heute viel mehr Grund zum Feiern. Denn kein anderer Ort in den Niederlanden hat so vielen Verfolgten einen sicheren Unterschlupf geboten. 2500 Untergetauchte sind hier auf Dachböden, in Scheunen, auf Bauernhöfen von mutigen Menschen versteckt und versorgt worden.

Diese Hilfe bedeutete nicht nur, die eigenen kargen Lebensmittelrationen mit Flüchtlingen zu teilen, sondern Lebensgefahr. Wer einen Juden, einen Sozialisten, einen Arbeitsdienst-Verweigerer oder gar einen Gewerkschafter aus Deutschland beherbergte, musste mit der Todesstrafe rechnen. Vielleicht weil im Grenzort Dinxperlo die Nachfahren von Schmugglern alle Schleichwege kannten, gelang hier vor 1940 vielen Verfolgten des Nazi-Regimes die Flucht aus Deutschland. 40.000 jüdische Deutsche wählten den Fluchtweg über die holländische Grenze, politisch Verfolgte und sogar KZ-Insassen wurden jedoch gnadenlos zurück geschickt.

Bezüge zur heutigenFlüchtlingssituation

Sie konnten nur den Weg in den Untergrund wählen, eben „Onderduikers“ werden. Ab 1940 mussten auch immer mehr Niederländer untertauchen. In Aalten nahmen niederländische Gewerkschafter, aber auch ganz normale Familien die Verfolgten auf. Obwohl die Zahl der offiziellen Flüchtlinge, wie etwa Kinder aus dem zerbombten Rotterdam oder Scheveninger Bürger, die dem Westwall weichen mussten, ständig wuchs.

Unter Beteiligung der niederländischen Gewerkschaften FNV und CNV sowie der Gemeinde Aalten und des Museums „markt 12“ hat der DGB-NRW seine zentrale Gedenkveranstaltung im Nachbarland gefeiert. Der Vorsitzende Andreas Meyer-Lauber überbrachte den Dank der deutschen Gewerkschaften und schlug den Bogen zur Gegenwart: „In den letzten Wochen sind über tausend Flüchtlinge im Mittelmeer ertrunken und die Europäische Union macht sich der unterlassenen Hilfeleistung schuldig!“ Unter dem spontanen Beifall des deutsch-niederländischen Publikums forderte Meyer-Lauber, diese Menschen zu retten und den Flüchtlingen die Chance auf soziale und wirtschaftliche Teilhabe zu öffnen.

Anschließend überreichte er der Museums-Direktorin eine zweisprachige Gedenktafel, die an dem historischen Ort angebracht werden soll. Während der deutsche Kommandant sein Büro im Erdgeschoss des Hauses am Markt einrichtete, saßen die Untergetauchten tagsüber regungslos auf dem Speicher. Geheime Türen, als Waschbecken getarnt, versteckte Radios unter Dielenbrettern und eine ganze Druckerei, die erst nachts zum Leben erwacht – wer in die Zeit der deutschen Besatzung und des Widerstands hautnah eintauchen will, ist in diesem interaktiven Museum genau richtig.