Geh mal schüchtern!
11.12.2009 | 07:00 Uhr 2009-12-11T07:00:00+0100
Duisburg. Bernhard Deutsch, Theaterpädagoge des Mülheimer Theaters an der Ruhr, bietet seit Jahren Projekte in Schulen an. Die Jugendlichen, die mitmachen, sollen Lust aufs Theater bekommen. Und noch mehr: Deutsch will die Persönlichkeit der jungen Menschen stärken.
Vorurteile sind einfach zu pflegen. Wie zum Beispiel jenes, dass Jugendliche heutzutage nur noch vor dem Fernseher sitzen, allenfalls mal ins Kino und eigentlich nie ins Theater gehen und kulturell nicht besonders belastbar sind. Das mag für einige gelten, aber eben längst nicht für alle.
Bernhard Deutsch zum Beispiel erlebt in seiner Arbeit etwas ganz anderes. Der Theaterpädagoge des Mülheimer Theaters an der Ruhr bietet seit Jahren Projekte in Schulen der Region an, organisiert und leitet am Haus unweit des Autobahnkreuzes Kaiserberg mehrere Gruppen von Jugendlichen, die sich mit Theaterthemen befassen und eigene Stücke erarbeiten – und der Zulauf ist gewaltig.
Ein unermüdlicher Mittler
An diesem Mittag ist er an der Erich-Kästner-Gesamtschule in Duisburg-Homberg im Einsatz. Eine Gruppe von Oberstufenschülern wartet. Deutsch, selbst gelernter Lehrer, ist seit 1998 im Auftrag des Hauses am Mülheimer Raffelberg als begeisterter, begeisternder und unermüdlicher Mittler zwischen Theater und Jugendlichen unterwegs.
Bei der Gruppe aus Elft- und Dreizehnt-Klässlern beginnt der Theaterpädagoge mit Körperübungen, die nur auf den ersten Blick einfach erscheinen, so wie die Aufforderung „Gehen”. Wie geht man mutig? Wie geht man schüchtern? Wie geht man aggressiv? Wie geht jemand, der sich in der Anonymität der Stadt verliert? Da ist Vorstellungskraft gefragt und die richtige (Körper-)Haltung. Die Jugendlichen probieren und probieren sich aus. Doch es geht noch weiter: Wie fühlt es sich an, sich mit geschlossenen Augen von einem anderen führen zu lassen? So lernt man Vertrauen – zumindest für einen kurzen Moment, der aber lange nachwirken kann. „Was völlig unterschätzt wird, ist die Offenheit von Jugendlichen”, meint Bernhard Deutsch von der Bereitschaft der Schüler, mitzumachen und sich einzulassen, ohne ständig in verlegenes Lachen auszubrechen.
Persönlichkeit stärken
Zur Homberger Gesamtschule besteht schon seit rund fünf Jahren Kontakt, seit 2008 betreut Bernhard Deutsch dort gleich mehrere Theaterprojekte und Workshops. Ziel dieses und weiterer Projekte sei es, den Kindern und Jugendlichen einen kulturellen Background zu vermitteln, sagt Schulleiter Günter Terjung.
Doch ein paar Unterrichtsstunden mit Bernhard Deutsch bringen noch viel mehr. Denn der 59-Jährige will nicht nur Lust machen auf Theater allgemein und die Arbeitsweise des Theaters an der Ruhr im Besonderen, er arbeitet auch an dem, was man gemeinhin Persönlichkeitsstärkung nennt.
Dann kommt Deutsch zum Thema: Fassbinder. Seit dieser Spielzeit hat das Mülheimer Theater einen Fassbinder-Abend auf dem Spielplan mit drei Stücken des Regisseurs und Autors, darunter ist auch das einst als „Skandalstück” apostrophierte „Der Müll, die Stadt und der Tod”, dessen Frankfurter Uraufführung – von Protesten begleitet – Mitte der 80er die Premiere nicht überstand, weil viele in dem Stück antisemitische Tendenzen lasen.
Von Skandal kann inzwischen keine Rede mehr sein, in dem Homberger Klassenraum sowieso nicht, die 60er und 70er Jahre, die Fassbinder bewegten und die er bewegte, sind für die Schüler in etwa so weit weg wie der Dreißigjährige Krieg. Fassbinder kennen sie nicht, ebensowenig die Schauspieler, deren Namen Deutsch in diesem Zusammenhang nennt: Irm Hermann, Brigitte Mira, Ingrid Caven und Hanna Schygulla.
„Was war ich verliebt in Hanna Schygulla, als ich so alt war wie ihr”, schwärmt der Theatermann. Und er lenkt die Aufmerksamkeit der Oberstufenschüler auf ein Leitmotiv in Fassbinders Filmen und Stücken: „Liebe – kälter als der Tod”. Und dieses Motiv führt die Schüler und den Pädagogen ins Milieu der Prostituierten und Zuhälter, der Freier und der käuflichen Liebe, der täglichen Gewalt und der Anonymität des Einzelnen.
Harter Stoff
Starker Tobak, harter Stoff – zumal Fassbinder nicht an krassen Formulierungen spart. Deutsch erklärt und erläutert, beleuchtet Hintergründe, federt Extremes ab und macht es für die Jugendlichen verständlich, bevor die Schüler zu Schauspielern werden und Szenen aus dem Stück selbst spielen. Viele von ihnen offenbaren verborgene Schauspiel- oder Gesangstalente.
Natürlich will Deutsch die Schüler auch neugierig machen auf den Autor, das Stück und die Inszenierung im Theater an der Ruhr. „Ich fand das wirklich toll”, sagt Lara (17) am Ende der Stunde und hat sich vorgenommen im Januar in eine Fassbinder-Vorstellung zu gehen. Ob der Inhalt der Szenen sie schockiert hat?„ Überhaupt nicht”, meint Martin (18), „das ist doch Homberger Alltag.”
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