Für Volk und Vaterland

Totenzettel aus dem Ersten Weltkrieg. Archiviert im Klever Kreisarchiv in Geldern.
Totenzettel aus dem Ersten Weltkrieg. Archiviert im Klever Kreisarchiv in Geldern.
Foto: Christoph Karl Banski
Im Kreisarchiv in Kleve finden sich über 250 Totenzettel aus der Zeit des 1. Weltkrieges. Die Toten starben ehrenhaft, pflichtbewusst oder tapfer – Kritik an Kaiser und am Krieg gab es keine

Geldern..  Der Unteroffizier Joseph Kempkens zog als 17-Jähriger in den Krieg. Die Euphorie des Sommers 1914, das so genannte und viel zitierte „Augusterlebnis“ der deutschen Bevölkerung, zog den jungen Mann aus Geldern in seinen Bann. Sein Zuhause war er fortan die Front, er kämpfte in Belgien und Frankreich. Seine Wurzeln, den Niederrhein, besuchte er vielleicht noch ein paar Mal, wenn ihm Heimaturlaub genehmigt wurde. Joseph Kempkens starb im März 1918. Er starb „den Heldentod fürs Vaterland“, wie seine Verwandten es postulierten.

Mehr als zwei Millionen Soldaten ließen für dieses Vaterland, das deutsche Kaiserreich, ihr Leben. Die wenigsten von ihnen haben ein genau zu lokalisierendes Grab, einen Ort der individuellen Erinnerung. Doch vielen wurde – gerade am katholischen Niederrhein – in Form eines Totenzettels gedacht.

„Totenzettel erlauben eine Betrachtung von Einzelschicksalen“, erklärt Beate Sturm. Die Leiterin des Kreisarchives Kleve hütet in ihren Hallen einen Schatz von knapp 250 Totenzetteln, die aus den Jahren von 1914 bis 1918 stammen.

„Der Erste Weltkrieg hat die Kultur der Totenzettel beeinflusst und verändert“, so die Historikerin. Auf einmal fanden sich Fotografien der Verstorbenen auf den Zetteln wieder. Ein absolutes Novum. Porträts waren vorher das Privileg der Oberschicht, der Krieg brachte die mit Fotoapparaten bewaffneten Berichterstatter an die Front. Viele einfache Soldaten nutzten dies und ließen sich zur Erinnerung Abzüge aushändigen.

Erinnerung und Sehnsucht

Dabei sind die Bilder, die schlussendlich auf den Totenzetteln landeten, von ganz unterschiedlicher Natur: Manche wurden eindeutig zu repräsentativen Zwecken angefertigt, die perfekt sitzende Uniform findet sich dann an besonnen lächelnden Männern, die in einer perfekt ausgeleuchteten Umgebung abgelichtet werden. Die Qualität ist dann erstaunlich gut.

Andere Fotos wurden womöglich aus Gruppenaufnahmen heraus geschnitten oder sind das Resultat aus spontanen, ungestellten Schnappschüssen.

Das Foto auf Johann Spronks Totenzettel zeigt etwa einen Soldaten, der lässig und eine Zigarre rauchend in der Gegend herum steht.

Die Bilder zeigen die Sehnsucht der Hinterbliebenen, oftmals waren es die Eltern, sich an mehr als nur einen Namen erinnern zu können. Die Gräberfelder der Gefallenen waren unerreichbar für Ehefrauen und Mütter, die Totenzettel waren für sie eine Art Schlussstein.

Einer, der auch den Stolz ausdrückte, als Familie am Krieg beteiligt gewesen zu sein. Die Texte auf den Totenzetteln, kurze biografische Abrisse aus den Leben der Verstorbenen, sind immer wieder mit denselben Formulierungen gespickt. Die Toten starben wahlweise ehrenhaft, pflichtbewusst oder tapfer. „Das drückt den Wertekanon der preußischen Erziehung aus“, sagt Beate Sturm. Obrigkeitshörige, nicht kritisch denkende Untertanen waren das Ideal der wilhelminischen Gesellschaft.

Von Angst vor dem Tod oder der Frage nach dem Sinn des Krieges ist keine Silbe zu lesen. „Die Menschen waren keine mündigen Bürger im heutigen Sinne. Die heute oft formulierte Kritik am Verheizen einer ganzen Generation spielte keine Rolle.“

Militär und Christentum

Ein Paradebeispiel ist Hermann Evers. Auf seinem Totenzettel findet sich folgende Widmung: „Nach dem Zeugnisse seines Vorgesetzten war er allen ein lieber Kamerad und ein leuchtendes Vorbild der Tapferkeit.“ Evers starb im französischen Cerny, seine Kameraden beerdigten ihn 20 Kilometer hinter der Front. Mehr als eine Nachricht über Todesort und -datum erreichte die Familie nicht.

Aus diesen dünnen Informationen und dem, was ein Soldat in seiner Feldpost übermittelte, strickte die Familie dann den Text für den Totenzettel.

Ein anderes Detail, was für die Heroisierung der gefallenen Soldaten steht, ist der bewusste Einsatz und die Umdeutung christlicher Texte und Symbole. Das Kreuz wurde oft als Eisernes Verdienstkreuz gedruckt, eine Verschmelzung von Militär und Christentum. Bibelstellen wurden zusammenhanglos zitiert, um dem Tod in der Schlacht einen christlichen Sinn zu ermöglichen.

Überspitzt gesagt: Die Religion wurde teilweise missbraucht. Oder sogar pervertiert. „Auf vielen Totenzetteln finden sich Engel, die den verwundeten oder gefallenen Soldaten zum Himmel tragen“, sagt Beate Sturm.

Nun ist es nicht so, dass die Sammlung und Auswertung dieser Totenzettel im Klever Kreisarchiv reiner Selbstzweck ist. „Wir haben regelmäßig Anfragen von Familienforschern, die nach ihren Vorfahren suchen. Oder Schülerinnen und Schüler, die Projekte für den Geschichtsunterricht vorbereiten.“

Die Totenzettel bieten etwas, was kein Denkmal und kein Geschichtsbuch liefern kann: einen Blick biografische und sozialhistorische Informationen einer Person. Aus Toten werden Söhne, Brüder und Ehemänner. Totenzettel ermöglichen einen Zugang zu dem namenlosen Grauen von mehr als zwei Millionen gefallenen Soldaten des Kaiserreiches.