Für einen friedlichen Kontinent

Kevelaer..  Mit ein paar Minuten Verspätung kam der prominente Gast aus Berlin auf dem Beifahrersitz vor das Bühnenhaus gefahren, stieg aus und schüttelte dem CDU-Kreisvorsitzenden Günther Bergmann die Hand.

Den Grund für die Verzögerung lieferte ein entspannter Norbert Lammert gleich persönlich. „Ich war gefühlt seit einem halben Jahrhundert nicht mehr in Kevelaer und wollte unbedingt noch in die Marienkapelle“, entschuldigte sich der zweitwichtigste Repräsentant des Staates.

Und lieferte Bergmann so bei der Begrüßung der Gäste aus Politik und Gesellschaft im Saal die ideale Begrüßung-Steilvorlage. „Es lief das Gerücht, ob er in einer Frauenprozession mit dabei ist – aber er war in der Marienkirche. Maria breite Deinen Mantel aus“, gab es für Lammerts Geste von den Gästen Applaus und vom Gastgeber Vorschusslorbeeren für die „Tiefe der Reden über Dinge, die im Alltag verloren gehen.“

Lammert bewegte sich in seiner Rede weit weg vom alltäglichen politischen Geschäft. „Ich mag diese Art von Veranstaltungen – mehr als Wahlkampf-Veranstaltungen, weil sie die luxuriösen Möglichkeiten bieten, nicht unter Tagesaktualität, sondern über Zusammenhänge zu reden“, brachte er seine Einstellung auf den Punkt.

Seine Ausführungen spannten den politisch-historischen Bogen vom Wiener Kongress über die auf Krieg basierende Gründung des deutschen Staates 1871 hin bis zum ersten und zweiten Weltkrieg, der mit der von einem „heute unvorstellbaren politischen Regime“ in Deutschland mit „krimineller Energie“ zur „größten Katastrophe“ der Menschheitsgeschichte geführt habe. „Ich trage ihnen das vor, weil ich überzeugt bin, dass das, was da stattgefunden hat, Nachwirkungen bis heute hat.“

So schlug Lammert den Bogen zu der „so gründlich anders verlaufenden“ zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts. Der Kontinent habe nach Jahrhunderten der Rivalitäten die Einsicht gewonnen, dass man als Kontinent „nur eine gemeinsame Zukunft hat oder keine“, bezog er sich auf Churchills Bemerkung 1946 von den „Vereinigten Staaten von Europa“ und lobte Adenauers Westintegration.

„Niemand hätte sich 1945 auch nur vorstellen können, was in dem blutigsten Jahrhundert der Geschichte an Entwicklungen umgesetzt wurden“, zitierte er den Historiker Eric Hobsbawm, der von dem „kurzen Jahrhundert“ zwischen 1914 und 1989 gesprochen hatte. „1989, da hat das 21. Jahrhundert begonnen.“

Die Generation nach dem Mauerfall sei die Erste, die nichts anderes als ein vereintes Deutschland kenne – als Bestandteil eines zusammenarbeitenden, immer größer werdenden Europas mit 28 Staaten. „Ein absoluter Ausnahmezustand der deutschen Geschichte – das hat es so noch nie gegeben. Normal ist das nicht – und selbstverständlich erst recht nicht.“

Bereitschaft zur Versöhnung

Er erinnerte bewusst daran, „dass das, was wir in Deutschland heute haben, sich wesentlich der Bereitschaft zur Versöhnung unserer Nachbarn verdankt, die nach 1945 allen Grund hatten, nichts mit Deutschland zu tun zu haben.“ Das freundschaftliche Verhältnis zwischen Deutschland und dem jüdischen Staat bezeichnete er als eine der „erstaunlichsten Entwicklungen der jüngeren Geschichte.“

Es gebe in Europa kein Land, wo die Existenz vom europäischen Einigungsprozess und von dem gleichzeitig die Einigung Europas so sehr abhänge wie Deutschland. Das Land habe in der neuen Realität der Welt im 21. Jahrhundert eine Schlüsselposition inne. „Das gefällt den in Deutschland lebenden Menschen nicht besonders“, machte er aber auch klar, dass man sich vor den neuen Herausforderungen der Zeit nicht wegducken könne.

Die Annexion der Krim und die Kämpfe in der Ukraine könnten in kommenden Geschichtsbüchern als weitere Wegmarkierung der Geschichte beschrieben werden. Dort würden die Prinzipien wie territoriale Unverletzlichkeit in Frage gestellt, von denen man glaubte, dass sie in Europa Geltung hätten und unangetastet sind – eine Herausforderung für den Kontinent und für Deutschland, so Lammert. „Gemütlich ist das nicht“, aber notwendig, so sein Plädoyer, „weil wir den Anspruch auf nationale Selbstbestimmung nicht nur nachdrücklich artikulierten, sondern die Durchsetzung unseren Partnern verdanken – die zurecht erwarten, dass wir sie da unterstützen.“