Frischer Wind an der Mühle
27.06.2008 | 18:47 Uhr 2008-06-27T18:47:53+0200AUSBILDUNG. In Kalkar wird das traditionelle Handwerk des Freiwilligen Müllers unterrichtet. Auch ohne aktuelle Lehrbücher.
KALKAR. Der Wind steht eigentlich nicht schlecht, er kommt aus Holland. "Aber es wird gleich ungemütlich. Aus dem Südosten zieht ein kräftiges Gewitter herauf", sagt Frank Heeren. Der 56-jährige Niederländer steht auf der Kalkarer Mühle und spielt seine ganze Erfahrung aus. Er weiß genau, wie das Wetter am Mittag wird. Heeren hat beim Frühstück die Zeitung gelesen, dann das Radio und den Fernseher eingeschaltet und noch schnell einen Blick ins Internet geworfen. "Als Müller sollte man immer drei bis vier Stunden im Voraus wissen, was passieren wird." Ob's stürmt oder schneit, ob bloß ein laues Lüftchen weht oder doch Blitz und Donner aus dem Südosten anrücken. "Wetterkunde ist mit das Wichtigste", erklärt Frank Heeren und blickt dabei auf seine neugierigen Lehrlinge. Heeren ist einer der drei Leiter der Ausbildung zum freiwilligen Windmüller.
Seit Februar treffen sich die acht Azubis ein Jahr lang jeden Samstag für mehrere Stunden in Kalkar. Und am Ende müssen sie eine Abschlussprüfung vor einer Kommission des niederländischen und des rheinischen Mühlenverbandes bestehen, die zum Großteil Praxis und zu etwa 20 Prozent Theorie beinhaltet.
Wie die Flügel Fahrt aufnehmen
"Ganz wichtig ist uns, dass der Beruf Müller nicht verloren geht. Er ist heute nahezu ausgestorben", sagt Frank Heeren, der oft und gerne den niederländischen Begriff "Ambacht" verwendet - das Handwerk. Auch die anderen beiden Ausbildungsleiter Hans-Michael Altenmüller und Gerd Hage haben gleiches im Sinn: "Wir wollen das alles an jüngere Menschen weitergeben." Von der "nächsten Generation" kann man aber in Kalkar nicht so ganz sprechen: Lehrling Johann Radstaak aus Isselburg-Werth etwa, ist 58 Jahre alt, Mitschüler Hermann van Thiel - ebenfalls aus Werth - gerade mal ein Jährchen jünger, Stefan Theißen ein Jährchen älter. Der Gocher ist Bäcker von Beruf und arbeitet samstags bis acht Uhr morgens, um dann nur wenige Stunden später nach Kalkar zu kommen. "Ich bin hier, um kennenzulernen, wie alles beginnt." Wie die Flügel Wind und Fahrt aufnehmen und dann im Inneren der Mühle gemahlen wird. Mehl für den Bäcker, zum Beispiel.
Thorsten (3?5) und Mirjam Hellmig (29) aus Duisburg sind die jüngsten Windmüller-Lehrlinge. "Die Mühle und das alte Handwerk faszinieren uns, sind unsere Leidenschaft", sagen sie. Oder: "Es wäre toll, später an einer Mühle arbeiten zu können."
Schweineschmalz auf die Achse
"Die Flügel können sich mit bis zu 70 Stundenkilometern drehen", erklärt Frank Heeren, der riesigen Respekt vor dem Kalkarer Bauwerk - die größte Mühle der Region (siehe Infobox) - hat. "Vor über zehn Jahren ist sie restauriert worden. Das hat sehr viel Geld gekostet. So eine Mühle hat einen Millionenwert." Also solle sie auch instand gehalten und gepflegt werden. "Wenn hier nix passiert, dann müsste sie in drei Jahren wieder restauriert werden." Wenn der Müller aber bloß einmal in der Woche die braunen Segeltücher auf die vier Flügel bindet, die Achse in der Haube der Mühle mit Schweineschmalz einreibt, die Blockade löst und einen Flügel zum Start anschiebt - "dann verlängert sich die Lebenszeit der Mühle auf zehn bis 15 Jahre", sagt Frank Heeren.
Lange hat der 56-Jährige bei der niederländischen Luftwaffe gearbeitet, bis er dann in Rente gehen musste. "Ich wollte aber noch was machen." Also schulte er um auf Windmüller, ließ sich in den Niederlanden ausbilden und gibt nun sein Wissen ehrenamtlich in der Vereinigung "Het Gilde van Vrijwillige Molenaars" weiter. In Zusammenarbeit mit dem Rheinischen Mühlenverband - auch in Kalkar. Und diese Ausbildung ist sehr selten, wird in dieser Form lediglich noch in Berlin und Bremen angeboten.
Die Ausbildung ist dermaßen selten, "es gibt noch nicht mal mehr Unterrichtsbücher zu dem Thema", bedauert Heeren. Viele alte Begriffe des Traditions-Handwerks seien verschwunden. "Fangen" etwa ist so ein Ausdruck, der dem Bäcker und Windmüller-Azubi nur selten über die Lippen kommt. Er meint das Anhalten der Mühlenflügel. Frank Heeren: "Manche sagen auch 'bremsen' - wir Ausbilder bestehen aber auf 'fangen'." Also bückt sich "Fänger" Hermann van Thiel, nimmt die schwere Sicherheitskette, bindet den 24 Meter hohen Flügel an und dreht auch das Kabel für den Blitzableiter dran. Schließlich hat das Gewitter Kalkar noch nicht erreicht. Es kommt aber gleich. Sagt Frank Heeren.Die Kalkarer Mühle am Hanselaerer Tor ist ein Backsteinbau, eine so genannte Gallerie-Holländermühle - und die größte am Niederrhein. Sie hat einen Umfang von 35 Metern und ist ohne Flügel 27 Meter hoch. Die Mühle wurde 1770 vom Lederfabrikanten Guerin errichtet und um 1800 von Gerhard van der Grinden übernommen. Später wurden eine Scheune und ein Müllerhaus errichtet, das Heinrich Rötten - der letzte Müller, der die Mühle erwerbsmäßig nutzte - um 1910 durch ein Wohnhaus ersetzte. Mühle, Scheune und Müllerhaus sind seit 1985 denkmalgeschützt und wurden von 1994 bis 1996 restauriert. Heute sind an und in der Mühle der Mühlenverein, eine Bäckerei und ein Brauhaus beheimatet.
www.kalkarer-muehle.de
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