Friedhof der Schützenkönige
31.10.2008 | 01:05 Uhr 2008-10-31T01:05:00+0100
TRADITION. Die Grünröcke in Rheinberg-Vierbaum tragen ihre Regenten symbolisch zu Grabe. Mit Bier und Wurstbrötchen.
RHEINBERG. An späten Herbsttagen wirkt der sonderbare Hügel in dem kleinen Wäldchen Am Kuckuck zwischen Orsoy und Budberg wie die Kulisse für einen zweitklassigen Gruselfilm. Zwischen schwarzen Ästen und nassem Laub tauchen wie aus dem Nichts plötzlich 25 auf dem Waldboden liegende Grabsteine auf. "Enne noch!" steht auf einem der eher billig gefertigten Waschbetonsteine. Oder "Erich + Lilo, 78-80". "Hier ruht Königin Petra", lässt sich auch noch mühelos entziffern. Ein Friedhof der Kuscheltiere mitten in niederrheinischer Dorfidylle? Weit gefehlt, dieser Friedhof ist eher einer der Königsbiere, skurriles Symbol von Brauchtumspflege mit dunkelgrauem Humor - und langer Tradition.
Heinz Georg Bergs kann sich noch gut an seine eigene Beerdigung Am Kuckuck vor über 30 Jahren erinnern. Wie alle zwei Jahre im Mai war der Leichenzug durchs Dorf gezogen, bevor sich die Trauergemeinde auf der Anhebung versammelte.
Knochen im Erdreich
Bergs schaufelte ein Loch und warf einen blanken Knochen ins Erdreich, buddelte das Loch wieder zu und stellte seinen Grabstein auf. Das war's, aus und vorbei. Männer und Frauen weinten und klagten, und zogen alsbald wenige Meter weiter zum Bierwagen in der kleinen Mulde, um bei Fleischwurst, Brötchen und Käse fröhlich in Erinnerungen zu schwelgen. Erinnerungen an die Regentschaft von König Heinz Georg I., der die Schützengemeinde zwei Jahre so wundervoll regiert hatte. Der König ist tot, es lebe der König.
"Knookbegrawen" nennen die Schützen des Bürgerschützenvereins Lohmühle ihren am Niederrhein einmaligen Brauch, am Dienstag nach dem dreitägigen Schützenfest den jeweiligen alten Schützenkönig symbolisch zu Grabe zu tragen. Beim Metzger wird ein ausgelöster Knochen ("Hinterschinken oder so") geholt und an einer Stange befestigt. Den trägt die Schützengemeinde einmal rund durchs Dorf, bevor es zum Kuckuckswäldchen geht. Dann schaufelt sich der alte Schützenkönig sozusagen sein eigenes Grab.
"Das ist für uns der Abschluss des Schützenfestes", erklärt Heinz Georg Bergs, Vorsitzender des Vereins. Seit 1956 machen die Vierbaumer das alle zwei Jahre so. Woher der Brauch kommt? "Da tappen wir völlig im Dunkeln", so Bergs. "Wir haben überall recherchiert und nachgefragt - aber nichts Genaues erfahren."
Unterlagen gingen verloren
Gegründet wurde der BSV Lohmühle im Jahre 1863, aber wie so viele Vereine löste er sich im Zweiten Weltkrieg auf. Erst 1956 gründete sich der BSV wieder neu. Die alten Unterlagen gingen im Krieg verloren. Ältere Vereinsmitglieder aber erzählten vom Brauch des "Knookbegrawens" und der wird bis heute weitergeführt.
"Vielleicht gibt es diese Schützentradition ja auch nur bei uns", mutmaßt Bergs. Will heißen, da hat ein kreativer Schützenbruder, vielleicht um das Schützenfest um einen Feier-Tag mit Essen und Trinken zu verlängern, vor vielen Jahrzehnten einen passenden Brauch erfunden. Dr. Dagmar Häbel, Leiterin der Abteilung Volkskunde im Amt für Rheinische Landeskunde des LVR, reiht das ihr bislang ebenfalls in dieser Form unbekannte "Knookbegrawe" ein in die sogenannten Festabschlussbräuche - ähnlich wie die Nubbelverbrennnung im Kölner Karneval. "Das ist ein symbolisches Muster um zu sagen, dass es zu Ende ist", so die Wissenschaftlerin.
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