Flammende Büttenrede aus Brüssel
05.02.2012 | 19:32 Uhr 2012-02-05T19:32:00+0100
Dinslaken. Volker Wagner, der Präsident der „Närrischen Europäischen Vereinigung“, hielt in Dinslaken ein Plädoyer für den Erhalt des Brauchtums.
In jecker Hinsicht hat sich in Dinslaken viel getan. Wo vor zehn Jahren der so genannte Straßenkarneval höchstens in Form von betrunkenen, grölenden Dreiergruppen vorkam, ist jetzt draußen - zumindest an Weiberfastnacht - richtig was los. Seit neuestem schickt sogar die städtische Lebenshilfe einen Prinzen ins Rennen. Volker Wagner findet so etwas gut, und Volker Wagner ist nicht irgendwer, sondern der Präsident der „Närrischen Europäischen Vereinigung“ (NEG) und gleichzeitig Präsident des „Bundes Deutscher Karneval“. Jecker geht’s also nicht. Von daher war es für Egon van Lierop vom Festkomitee Dinslakener Karneval ein große Ehre, den 66-Jährigen am vergangenen Freitag im Museum Voswinckelshof begrüßen zu dürfen. „Obwohl wir lange gebraucht haben, bis er zugesagt hat“, gestand van Lierop.
Und wenn Wagner schon mal da war, hielt er auch gleich einen längeren Vortrag. Nicht, um die lokalen Narren zu bekehren, das wäre unterm Strich ja auch zu unlustig. Aber ein flammendes Plädoyer für den Erhalt des Brauchtums wurde es dann schon. „Wir streben eine europaweite Vernetzung der Karnevalsvereine an, was aber nicht zu einer europäischen Mischform führen soll“, dozierte der gebürtige Pfälzer. Es reiche nicht, sich „im Fernsehen Karneval aus dem Schwarzwald anzuschauen und dann die tollen schwarzen Holzmasken als Brauch übernehmen zu wollen“. Das, meinte Wagner, funktioniere so nicht. „Der Karneval lebt vom Volk und den Besonderheiten der Region.“
Ein Juxsänger ausBelgien ist zu verkraften
Der Obernarr will mit Blick auf die Zukunft das Brauchtum regional bewahren. „Im Rheinland ist das ein Mix aus den Tanzgruppen, den Büttenreden und den Traditionscorps“, weiß Wagner. „Diese Mischung macht den Karneval hier aus. Wenn man mal einen Juxsänger aus Belgien dabei hat oder als Programmpunkt einen alemannischen Tanz , ist das ja zu verkraften.“
Volker Wagner betreibt als Chef der „Närrischen Europäischen Gemeinschaft“ im guten Sinne Lobbyarbeit in Brüssel. Die NEG hat 10 000 Karnevalsvereine mit rund acht Millionen Mitgliedern unter sich, davon kommen fast die Hälfte aus Deutschland und dann vor allem aus Österreich, der Schweiz und den Benelux-Ländern. Volker Wagner kommt viel rum, nicht nur während der Session. Und überall setzt sich der Mann für karnevalistische Tradition ein: „Es gibt schon mal Vereine, die ihre Prunksitzung im September abhalten, das geht gar nicht.“
Wagner sagt wichtige Dinge. Zum Beispiel zum Thema sauberer Karneval. „Ich weiß, dass die Herrensitzungen Tradition haben“, so der NEG-Präsident. „Ich weiß aber auch, dass sie an vielerlei Orten zu Striptease-Shows verkommen sind.“ Das, so Wagner, sei „abartig“ und habe nichts mehr mit Karneval zu tun. Thomas Groß, Dinslakens stellvertretender Bürgermeister und am vorigen Freitag ebenfalls beim Empfang im Museum dabei, schloss sich der Meinung an: „Ich finde, dass sich das die regionalen Vereine für die nächste Session auf die Fahnen schreiben sollten!“
Die Karnevalisten müssen sich heute mit Themen wie Nichtraucherschutz und mit neuen Sicherheitsstandards im Straßenkarneval beschäftigen. Auch dazu hat Wagner eine klare Meinung. „Die Organisation der Umzüge wird zum Problem, weil die Kommunen einen starren Blick auf Duisburg und die Loveparade richten“, sagte er am Freitag. „Ich finde es falsch, dass hier wieder die Ursachenforschung ins zweite Glied rückt. Es war eine grobe Verfehlung, aus reiner Publicitygeilheit dem Bochumer OB zeigen zu wollen, dass man eine solche Veranstaltung auf die Beine stellen kann.“ Jetzt, so Wagner weiter, liefen die Schuldigen immer noch frei herum, „und wir haben die Auflagen“.
Moers, Berlin,München, Dinslaken
Ansonsten scheint Wagner von der Region angetan, nicht nur von Dinslaken. „Der Karneval ist am Niederrhein sehr ausgeprägt“, so der prominente Gast. „Aber auch hier muss man bei den Vereinen selektieren.“ Das sei woanders genauso. „Oder glauben Sie, in Köln oder in Mainz gäbe es nur tolle Karnevalsveranstaltungen?“
Glaubt niemand. Der Mann muss es nämlich wissen. Der 66-Jährige war vor ein paar Wochen schon zu Besuch in Moers. Vergangene Woche dann erst in Berlin bei der Bundeskanzlerin, kurz danach in München und jetzt Dinslaken. Dort, im Museum Voswinckelshof, sah sich der Gast aus Brüssel noch die Sonderausstellung „Karneval in Dinslaken“ an. Für den Heimweg gab’s die aktuelle CD „Karneval in Dinslaken“ nebst Begleitheft. Im Gegenzug erhielt Egon van Lierop eine funkelnde NEG-Plakette. Und warme Worte zum Abscheid: „Ich merke, dass in Dinslaken das Herz auf europäischer Ebene schlägt.“
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