Es darf nur besser werden
29.01.2008 | 00:53 Uhr 2008-01-29T00:53:27+0100UMWELT. Die Wasserqualität am Niederrhein hat sich stark verbessert. Jetzt gilt es die Flüsse naturnaher zu gestalten.
AM NIEDERRHEIN. Tja, und jetzt? "Jetzt müssen wir mit voller Kraft anfangen." Dr. ?Christoph Aschemeier klappt seinen dicken blauen Ordner zu und lehnt sich in seinem Stuhl zurück. Der Ökologe des Wassernetzes NRW wirkt ein bisschen erschöpft ob all der Zahlen, Daten und Gewässerbeschreibungen, die vor ihm auf dem Tisch liegen. Auf Hunderten von Seiten gibt der "Ergebnisbericht Rheingraben Nord" Aufschluss über den Zustand des Niederrheins: welche Qualität das Wasser hat, welche Fische hier leben, welche Pflanzen darin wachsen, welche chemischen Belastungen der Fluss tagtäglich ertragen muss und wie er denn eigentlich aussieht, unser Niederrhein. Ein Mammutwerk mit erstaunlichen Ergebnissen und gravierenden Folgen.
Den Rhein renaturieren
Christoph Aschemeier ist Fachmann für Gewässerökologie und arbeitet im Auftrag der Umweltverbände BUND, NABU und LNU. "Die Gewässergüte", so sagt er, "hat sich zwar deutlich verbessert". Aber immer noch sei der Niederrhein weit davon entfernt, ein naturnaher Fluss zu sein. Auch viele Nebengewässer und Flüsse zwischen Kleve und Krefeld "weisen Handlungsbedarf auf", heißt es in einem Bericht der Bezirksregierung Düsseldorf.
Dabei hat sich schon vieles verbessert: Im Rhein gibt es deutlich weniger Pflanzennährstoffe wie Nitrat, Ammonium oder Phosphat als in den 70er Jahren. "Vor allem die Abwasserreinigung hat große Erfolge gehabt", so Aschemeier.
Ob ein Gewässer gesund ist, wurde in der Vergangenheit meist anhand von wirbellosen Kleinstlebenwesen untersucht. Dies ist allerdings nach den neuen Vorgaben der EU-Wasserrahmenrichtlinie (WRRL) nicht mehr ausreichend. "Denn jetzt müssen auch Fische, Wasserpflanzen und Algen in die Betrachtung einbezogen werden", so Aschemeier. "Und für viele Fischarten ist der natürliche Lebensraum nicht mehr vorhanden." So hat es der Lachs heute schwer in die Nebengewässer des Rheins zu gelangen, weil dort zahlreiche Querbauwerke ihm den Weg versperren. "Der Lachs braucht kühles, sauerstoffreiches Wasser, am besten mit einem Kiesbett". Aber das sei am Niederrhein kaum noch vorzufinden. Auch Aal und Hecht haben es schwer, deren Lebensräume - ruhig fließende Gewässer und überschwemmte Auen - selten geworden sind.
Noch übler sieht es aus, wenn man sich die Struktur der Gewässer anschaut: Naturnahe Ufer gibt es kaum, der Rhein ist ein Wirtschaftswasserweg, mit steinigen Ufern, wenigen Flachwasserzonen, geschweige denn Auenwäldern. Es finden sich kaum Nebenrinnen und auch Bäume in Flussnähe sind rar. Geht es nach der Europäischen Kommission, bleibt das nicht mehr lange so. Denn die Gewässer am Niederrhein sollen in einen "guten ökologischen Zustand" versetzt werden.
Die Kommission legt dabei als Messlatte den "natürlichen Zustand" des Gewässers an. Einen "natürlichen Zustand" hat der Rhein aber zuletzt in den 50er Jahren erreicht, mit Niederungsgewässern, Auen und Feuchtgebieten. In den 60er und 70er Jahren sind diese dann verschwunden. Bis Ende 2009 muss Deutschland der Kommission mitteilen, was konkret unternommen werden soll, um diesen Zustand zu ändern. Dies gilt übrigens nicht nur für den Rhein, sondern auch für die Niers, für die Lippe und alle Binnengewässer. Laut WRRL dürfen sich die Gewässer nicht weiter verschlechtern.
Ans Eingemachte
"Jetzt geht es ans Eingemachte", sagt Aschemeier. Denn nun müssen anhand der vorliegenden Informationen Maßnahmen formuliert werden, mit denen der Gewässerzustand wieder verbessert wird. Dies ist die Aufgabe der Bezirksregierungen. Bereits Mitte des Jahres sollen die Entwürfe fertig sein. "Von 2010 bis 2012 haben wir dann Zeit die Pläne umzusetzen", sagt Aschemeier. Bis zum Jahr 2015 sollen die Umweltziele erreicht werden.
Ganz oben auf der Liste steht die Renaturierung von Gewässern. So gibt es in den Nebenflüssen des Rheins mehrere Tausend Querbauwerke, die für Fische zu einer Falle werden, weil sie diese nicht passieren können und so nicht den Weg zu ihren Laichplätzen finden. Auch die kanalartige Struktur des Rheins könnte durch Nebenrinnen und Auwälder aufgelockert werden (siehe Text unten).
"Sicherlich kann man heute schon sagen, dass nicht alle Gewässer bis 2015 die gesteckten Ziele erreichen werden", sagt Aschemeier. Aber es sei gut, dass jetzt Zeitdruck aufkommt: "Denn es müssen alle zusammen arbeiten, um den Zustand unserer Gewässer zu verbessern und Strafzahlungen an die EU zu vermeiden."
0mitdiskutieren