Erst Matrose, später Maschinist

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Rees..  Der Oktobertag in den 1960er Jahren sollte sich zu einem schwarzen Tag für die Marktfrauen aus Nieder- und Obermörmter erweisen. Wie immer waren sie um 7.30 Uhr in Reeserschanz an Bord der Fähre gegangen, die Ledertaschen voller Eier. „Unverpackt, wie das damals üblich war“, erinnert sich Friedrich Hartung. Erst auf dem Reeser Wochenmarkt sollten sie, je nach gewünschter Anzahl, in altes Zeitungspapier gewickelt, an die (Haus-)Frau gebracht werden. Aber es gab Probleme mit der Seilwinde, so dass die Fähre am Steiger Rees gegen die Anlegerrampe schlug. Die stehenden Marktfrauen verloren das Gleichgewicht. „Die Eier gingen zu Bruch, die Damen konnten gleich wieder die Heimfahrt antreten“, erzählt Friedrich Hartung. Der 79-Jährige hat bis zur deren Einstellung auf der Reeser Fähre gearbeitet, erst als Maschinist, später zudem als Hilfskassierer, zuletzt als Hauptkassierer und Maschinist.

Pilger mussten ziehen helfen

Zunächst hatte Hartung, der viele Geschichten über den Fährbetrieb in Rees zu berichten weiß, bei der Traditionsfirma Doppelmann gearbeitet und dort Pfeifen vom Hand geschliffen. „Eine schöne Arbeit“, erinnert sich der Rentner, „aber immer im Sitzen zu arbeiten, das ist nicht das Richtige für einen jungen Mann.“ Weil sich sein beabsichtigter Wechsel längst herumgesprochen hatte, klopfte eines Tages Fährführer Gerhard Hurkens bei Hartungs Eltern an die Tür, um dem damals 19-Jährigen Friedrich das Angebot zu machen, als Matrose auf der Fähre anzufangen. „Damals hatten wir noch eine Gierfähre“, erzählt Hartung. Also eine Fähre, die zur Fortbewegung die Strömung des zu überquerenden Flusses ausnutzt und von Hand mit Seilen in die richtige Position gebracht wird.

Keine leichte Arbeit, insbesondere bei starkem Wind konnte sich das Anlegen der Gierseilfähre als schwieriger Akt erweisen. „Vor allem in Rees, weil dort die Strömung stärker ist als in Reeserschanz“, so Hartung. Er erinnert sich in diesem Zusammenhang an Kevelaer-Wallfahrer aus Bienen. Die Pilger warteten in Reeserschanz, um wieder übergesetzt zu werden. Doch ganz plötzlich zog ein schweres Gewitter herauf. „Die Strömung war nicht stark genug, und die Fähre trieb immer wieder zurück auf den Strom“, erzählt Hartung. Er stieg also in den mitgeführten Nachen, die Seile fest in der Hand. Die übergab er den Pilgern, die die Fähre an Land zogen. Mit Muskelkraft.

Kurze Zeit war Hartung sogar bei der Stadt Rees angestellt, nämlich nach dem Tod von Fährpächter Konstantin Raadts. Später übernahm Eduard Bos aus Emmerich den Betrieb samt aller Angestellten.Hartung hat bis zuletzt auf der Fähre gearbeitet. Ihre letzte Fahrt machte sie mit offizieller Übergabe der Reeser Rheinbrücke am 20. Dezember 1967.

Eine der schönsten Geschichten, die sich an Bord ereignet hat, war die Geburt eines kleinen gesunden Mädchens. Ein Schleppschiff aus den Niederlanden hatte auf seine „Notlage“ aufmerksam gemacht, und die Besatzung der „Stadt Rees“ gebeten, Arzt und Hebamme zu holen. Was die Crew prompt erledigte und Dr. Paul Lamers sowie Hebamme Else Lörcks rüberschipperte.

Wo sonst, als an Bord der „Stadt Rees“ sollte Hartung seine Frau Erika kennen lernen. 17 Jahre jung war sie, als sie mit ihren Cousinen nach Reeserschanz übersetzte. „Ich hatte bei der Überfahrt nur Augen für sie“, erinnert sich der Rentner. Und bekam prompt einen halben Amerikaner vom mitgeführten Kuchen ab.