Eine unglaubliche Lebensgeschichte

Hans-Jürgen Hufeisen mit Schwester Erna
Hans-Jürgen Hufeisen mit Schwester Erna
Foto: NRZ
Was wir bereits wissen
Uwe Birnstein hat ein beeindruckendes Portrait des Flötenspielers Hans-Jürgen Hufeisen geschrieben. Der seine Kindheit am Niederrhein verbrachte, u.a. im Kinderheim Haus Sonneck in Neukirchen-Vluyn

Am Niederrhein.. „Hallo Mutter“, sagt er,

sie antwortet:

Hans-Jürgen.“

Es ist eine Geschichte, die man so kaum erfinden kann. Eine Lebensgeschichte, voller Dramatik und Unglaublichkeit, zugleich aber auch voller Hoffnung. Ein Lebensweg, der einen festen Anker am Niederrhein hat – der hier einen Anfang nahm – im Kinderdorf Neukirchen-Vluyn. Der Berliner Autor Uwe Birnstein hat ihn aufgeschrieben und dokumentiert: „Das unglaubliche Leben des Flötenspielers Hans-Jürgen Hufeisen“. Ein Buch, ein Portrait, das mitnimmt, das betroffen macht, nach dessen Lektüre man den Hut ziehen möchte: Chapeau, Hans-Jürgen Hufeisen. Auch für den Mut, alles zu erzählen und erzählen zu lassen.

Später werden Kritiker sagen, dass gerade der üble Start ins Leben seine Seele so geprägt haben, dass gerade deshalb dieses kleine, eher schüchterne Musikinstrument in seinen Händen so wundervoll geborgen ist. Dass gerade deshalb seine Musik auch die Seelen anderer berührt, trägt, mitnimmt, aufrichtet. Mag sein. Aber das ist Zufall. Gewollt war das kaum. Planbar schon gar nicht.

Hans-Jürgen Hufeisen, geboren am 10. Februar 1954 in einem kleinen Zimmer eines niederrheinischen Dorfgasthofs, ist heute einer der kreativsten und erfolgreichsten Blockflötisten Europas. Er komponiert, füllt Kirchen und Konzertsäle, lebt in Zürich mit seiner Frau und zwei Kindern. Das liest sich wie eine ganz normale Karriere-Vita, Motto: Talentierter Junge aus wohlbehütetem Elternhaus bekommt dank liebevoller Betreuung früh Musikunterricht und alle mögliche Unterstützung für eine spätere Musiker-Laufbahn.

Wie anders war es dann doch in Wirklichkeit!

Im Winter 1954 entdeckt der Wirt eines Gasthofs in Anrath in einem Gästezimmer ein schreiendes Baby – allein, verlassen, eingewickelt in eine Decke. Die Mutter ist weg. Hans-Jürgen Hufeisen wird sie 25 Jahre später treffen, in einem Hotel in Xanten, er kennt ihren Namen, weiß, dass sie aus dem Allgäu stammt, nimmt Kontakt mit ihr auf. Er wird nie wirklich erfahren, warum sie ihn wenige Stunden nach der Geburt seinem Schicksal überließ. Und nie wird sich sein mutmaßlicher Vater zu ihm bekennen.

Hans-Jürgen Hufeisen verbringt die ersten beiden Lebensjahre bei einer Pflegemutter, dann kommt er ins Kinderheim Haus Sonneck in Neukirchen-Vluyn. Das Gesundheitsamt Moers attestiert dem „körperlich schmächtigen, recht scheuen Jungen“ Adoptionsfreiheit, er bekommt seine erste Blockflöte geschenkt. Später schickt ihn die Behörde auf die Sonderschule, seine „geistige Entwicklung sei zürückgeblieben“, heißt es. Mit zehn Jahren darf er wieder auf die Volksschule und zieht ins Haus Schwalbe des Neukirchener Kinderdorfs ein. Eine Zeit, an die er gern zurückdenkt. 1966 darf er die Musikschule besuchen, 1969 belegt er den 2. Platz beim Regionalwettbewerb „Jugend musiziert“. Hans-Jürgen wird Musiklehrer. Dann Musiker, Komponist. Die Flöte legt er nie mehr aus der Hand.

Irgendwann haben sich die Wege des inzwischen berühmten Blockflötenspielers und Komponisten Hufeisen und des Berliner Autors Birnstein gekreuzt. Jahre später war da die Idee Birnsteins, ein Portrait zu schreiben. „Interessiert das jemanden?“, hat Hans-Jürgen Hufeisen gefragt. Und: „Ist das nicht zu intim?“ Dann hat er doch erzählt. Denn eigentlich geht es gar nicht so sehr um die Biographie, es geht ans Eingemachte, „darum, das eigene Leben zu erkennen und den höheren Sinn, der hinter allem steht.“

Uwe Birnstein: „Das unglaubliche Leben des Flötenspielers Hans-Jürgen Hufeisen“, Herder-Verlag 2014, 224 Seiten, 22 Euro.

Mit zahlreichen Fotos, Impressionen, Gedichten, Gedanken und Beiträgen von, u.a. Margot Käßmann, Jörg Zink, Anselm Grün.


Hans-Jürgen Hufeisen: „Dass niemand einen sucht, keiner nach einem fragt, dass da kein Erinnern bei einem anderen Menschen ist – das bleibt eine Wunde, die wohl nie verheilt.“