Eine Region unter Strom
01.02.2012 | 18:20 Uhr 2012-02-01T18:20:00+0100
Am Niederrhein. Bis 2015 sollen die Überlandleitungen am Niederrhein ausgebaut werden. Ein Teil wird erstmals unterirdisch verlegt .
Die Energiewende hat Folgen. Auch am Niederrhein. In dem kommenden Jahren müssen zahlreiche Überlandleitungen auch am Niederrhein ausgebaut werden. Statt 220 Kilovolt sollen die „Elektro-Autobahnen“ künftig eine Kapazität 380 Kilovolt haben, um den Strom vom Norden Deutschlands dorthin zu bringen, wo er dringend benötigt wird: im Westen und Süden Deutschlands. Insgesamt plant Amprion bis 2020 bis zu 800 Kilometer neue Leitungen zu bauen. Die sind notwendig, um die Klimaziele der Bundesregierung erreichen zu können.
„Das liegt auch an den geplanten Wind-Parks vor der deutschen Nordseeküste“, erklärt Andreas Preuss von der Dortmunder Amprion GmbH. Die ehemalige RWE-Tochter betreibt die Überlandleitungen im Westen und Südwesten der Republik.
Wesel wird zur Strom-Drehscheibe
Drei Projekte verfolgt Amprion derzeit am Niederrhein. Die Höchstspannungsleitung, die von Wesel nach Meppen im Emsland führt, soll voraussichtlich 2015 fertig werden. Die Bezirksregierung Münster legt gerade die Unterlagen des Planfeststellungsverfahrens für den ersten Teil der Leitung im Kreis Borken aus. Dabei geht es um Raesfeld. Im Sommer will Amprion die Planung für den zweiten Trassenabschnitt Borken/Nordvelen präsentieren. Wenn alles gut laufe, könne die Leitung ab Frühjahr 2013 gebaut werden – vorausgesetzt, niemand klage gegen das Projekt, meint Preuss.
Die Strecke Wesel-Meppen hat allerdings noch eine weitere Besonderheit. Sie gehört zu den vier Pilotprojekten, die die Bundesnetzagentur für eine Verkabelung vorgesehen hat. Auf drei Streckenabschnitten - rund um Raesfeld, hinter Borken und von Legden bis hinter der A 31 - soll die Stromleitung unterirdisch geführt werden. Das ist erheblich teurer und technisch anspruchsvoll. An allen Stellen, wo das Kabel unter der Erde gelegt wird bzw. ans Tageslicht kommt, muss eine Übergabestation gebaut werden. „Für einen Kilometer unterirdischer Höchstspannungsleitung reden wir über Kosten von rund 10 Millionen Euro“, erklärt Andreas Preuss. Der Kilometer Freilandleitung wird dagegen mit 1,5 Millionen Euro kalkuliert. „Die zusätzlichen Kosten werden über den Strompreis an den Verbraucher weiter gegeben“, so Preuss.
Welche Vorteile eine unterirdische Verlegung hat, lässt sich nicht mit Gewissheit sagen. Experten gehen allerdings von einer geringeren Belastung der Bevölkerung durch elektromagnetische Felder aus.
Wo die neue 380-kV-Leitung allerdings über Land geführt wird, werden weniger Masten als bisher benötigt. Die bestehenden Masten der 220-kV-Leitung entfallen. Die Abstände zwischen den einzelnen Trägern werden 360 bis 450 Meter betragen. Außerdem dürften die neuen Masten größer als die vorhandenen sein. Geplant ist eine Höhe von 56 Metern mit drei Querträgern (Traversen). Auf Grund örtlicher Besonderheiten wie Bäume oder Straßenquerungen kann in Einzelfällen ein Mast auch bis zu 80 Meter hoch werden.
Die zweite Freileitung, die Amprion derzeit aufrüstet, ist die Strecke Wesel-Koblenz Dort ist der Abschnitt Koblenz - Bad Neuenahr-Ahrweiler schon in Betrieb. Bis Bonn will man 2014 fertig sein. Der Leitungsverlauf zwischen Meerbusch und Krefeld befindet sich derzeit im Planfeststellungsverfahren. Das wird jetzt auch zügig für den Teilabschnitt Moers-Hüls-West (ca. 17 Kilometer) eingeleitet.
Der Teilabschnitt Wesel-Moers befindet sich noch vor dem Raumordnungsverfahren. Das bedeutet, dass ein grober Trassenverlauf ermittelt wird, der dann der Bezirksregierung zur Genehmigung vorgelegt wird. Die komplette Strecke verläuft in einer vorhandenen Trasse. Auch hier wird eine existierende Leitung durch den Neubau ersetzt. Betroffen sind Wesel, Hünxe, Voerde, Rheinberg, Duisburg, Moers, Neukirchen-Vluyn, Kempen und Krefeld. Eine unterirdische Verlegung ist nicht vorgesehen.
Außerdem soll eine 380 000-Volt-Höchstspannungsleitung von Wesel nach Doetinchem in den Niederlanden errichtet werden. Die soll die Transportkapazität zwischen den Übertragungsnetzen von Amprion und dem niederländischen Unternehmen Tennet zwischen 25 und 50 Prozent erhöhen. Das soll zu einem stärkeren Zusammenwachsen der regionalen Märkte beitragen und die Systemsicherheit steigern. Gemeinsam wollen beide Übertragungsnetzbetreiber rund 70 Millionen Euro in die 60 Kilometer lange Leitung investieren. Baubeginn: voraussichtlich 2014.
Grenzenlose Zusammenarbeit
Amprion wird auf deutscher Seite von der Umspannanlage Niederrhein bei Wesel eine rund 35 Kilometer lange Leitung bis zur Übergabestelle an der Grenze bei Isselburg errichten. Das Raumordnungsverfahren wurde im Oktober 2011 beendet. Derzeit bereitet Amprion die Unterlagen für das Planfeststellungsverfahren vor. Die sollen bis Ende 2012 bei den zuständigen Bezirksregierungen eingereicht werden.
Ob Widerstände zu erwarten sind? Andreas Preuss ist sich sicher: „Der Bau einer neuen Stromleitung wird überall begrüßt - nur nicht vor der eigenen Haustür.“
Hintergrund: Wer ist Amprion ?
Amprion entstand 2003 als „RWE Transportnetz Strom GmbH“ und war eine Tochtergesellschaft der RWE AG. Aufgrund von EU-Bestimmungen musste die Tochtergesellschaften 2011 zu 74,9 % an ein Konsortium unter Führung der Commerzbank verkauft werden. Mit einer Länge von etwa 11 000 Kilometern besitzt Amprion das längste Höchstspannungsnetz in Deutschland, schwerpunktmäßig im Westen Deutschlands. Der Name Amprion lehnt sich an Ampere für Stromstärke und Vision an. Die Firma hat rund 800 Mitarbeiter und machte 2010 einen Umsatz von 6,6 Milliarden Euro.
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