Eine Frau an der Spitze

Bocholt..  Mit einem Zapfenstreich war Amtsgerichts-Direktor Helmuth Schlüter Ende Juni in Pension verabschiedet worden. Seitdem war das Amtsgericht Bocholt mit seinen rund 80 Mitarbeitern „führungslos“. Jetzt hat eine Frau auf Schlüters Stuhl Platz genommen: Tanja Rasche-Iwand. Am Freitag, 2. Januar, hat die 46-jährige Richterin aus Kleve ihre neue Stelle als Amtsgerichts-Direktorin angetreten. Und da gab es wegen des Jahreswechsels naturgemäß viel zu tun. In zwei Tagen hat Rasche-Iwand als Ermittlungsrichterin bereits zehn Führerscheine entzogen, zwei Durchsuchungsbeschlüsse erteilt und eine Telefonüberwachung angeordnet.

Die erste Sitzung in Bocholt

Neben solchen Strafsachen und der Leitung des Amtsgerichts hat die 46-Jährige das Schöffengericht übernommen. Heute hat sie ihre erste Sitzung.

Herzlich sei sie am Amtsgericht Bocholt empfangen worden, berichtet Rasche-Iwand. Das Klima unter den Kollegen sei nett. Das Amtsgericht Geldern mit seinen zwölf Richtern sei zwar größer, aber dafür habe Bocholt eine auswärtige Strafkammer und ein Justizzentrum, in dem auch das Arbeitsgericht untergebracht sei. Die Stadt hier habe ihr übrigens schon immer gefallen, auch wenn sie Bocholt bei der Suche nach einer Amtsgerichts-Direktorenstelle „so nicht auf dem Schirm hatte“ und sie erst darauf angesprochen werden musste. „Die Klever gehen gerne hier einkaufen. Es ist bekannt, dass Bocholt ein schönes Städtchen ist.“

Dennoch wolle sie weiter in Kleve wohnen. Ihr Mann habe sich dort als Anwalt auf ärztliche Behandlungsfehler und Erbrecht spezialisiert. Und gemeinsam besäßen sie dort ein Haus. Dass sie in Kleve landete, sei Zufall gewesen, berichtet die gebürtige Duisburgerin, die in Troisdorf aufwuchs und in Bonn studierte, wo sie 1997 das zweite Staatsexamen mit Prädikat ablegte. „Wir hatten damals schon zwei Kinder und ich konnte Ende November in Kleve eine Stelle bekommen.“ Ihr Mann sei ihr gefolgt – gemäß der vorherigen Abmachung, dass derjenige, der zuerst eine Stelle findet, entscheidet, wohin es geht.

Während der Referendariatszeit habe sie nach der Geburt ihrer Kinder (1994 und 1996) jeweils eine drei bis vier Monate lange Pause eingelegt, berichtet Rasche-Iwand. Ansonsten habe sie immer Vollzeit gearbeitet. Ihr Mann habe sich vor allem in der Anfangszeit mehr um die Kinder gekümmert, und dann seien auch ihre Eltern wegen der Kinder nach Kleve gezogen. Einfach sei die Doppelbelastung Beruf/Familie natürlich nicht.

Am Bocholter Amtsgericht ist Rasche-Iwand übrigens die zweite Richterin – neben sechs Richtern. Sie lacht: „Ich habe die Frauenquote jetzt um 100 Prozent erhöht.“ Zeit, um ihr Büro richtig einzurichten, habe sie bislang noch nicht gehabt.

Nur das Bild, das ihr die Kollegen vom Landgericht Kleve schenkten, hängt bereits: Es zeigt einen Ritter mit Schwan und ein Schattenbild des Klever Künstlers Joseph Beuys. „Das Geschenk der Kollegen aus Geldern habe ich im Auto“, sagt Rasche-Iwand augenzwinkernd. „Es ist ein Navi – damit ich den Weg nach Bocholt finde.“