Ein Sound, der nach Weltraum klingt
22.03.2009 | 18:59 Uhr 2009-03-22T18:59:00+0100
In Dinslaken traf sich am Samstag die Musikszene. Die "Schallwelle" wurde verliehen - der Preis für elektronische Musik in Deutschland.
Früher hätte Sylvia Sommerfeld hier nicht hinein gedurft. Am Samstagnachmittag steht sie in der Lobby des Ledigenheims in der Zechensiedlung Lohberg, das zu Betriebszeiten Männern vorbehalten war. Das ist lange her. Inzwischen ist das Gebäude umgebaut. Es gibt ein paar Geschäfte, Firmen, einen Saal für Veranstaltungen. Vor dem Saal verteilt Sylvia Sommerfeld gelbe und blaue Bändchen, erklärt, wo das Büffet steht, sagt, wer für den Ton zuständig ist. Nichts soll jetzt schief gehen, schließlich war die „Schallwelle" zu großen Teilen ihre Idee. Ein Preis für elektronische Musik in Deutschland. Noch so eine ehemalige Männerdomäne.
Drinnen plaudert die Musikszene, die nach allen möglichen Szenen aussieht (Buchhaltung, Modellbau, Gymnasiallehrer), bloß nicht nach Musik. Den höchsten Exotenfaktor hat ein Mann mit grauem Bart und Halstuch. Das ist aber nicht der Grund, weshalb sich regelmäßig eine kleine Menschentraube um ihn bildet. Der Mann ist Winfrid Trenkler. Und er muss reden. Viel reden. Er macht das gern, schließlich war das mal sein Beruf. Winfrid Trenkler ist für elektronische Musik ungefähr das, was Manni Breuckmann für Fußball war. Mit dem Unterschied, dass es auch vor und nach der Breuckmann-Ära Fußball im Radio gab. Anders ist das mit der elektronischen Musik. Die ist Anfang der 70er mit Trenkler zum ersten Mal im Radio gelaufen – und sie verschwand als Sparte wieder, als 1995 aus WDR1 die Welle 1Live wurde. Trenkler musste gehen.
Die treue Fangemeinde hat sich nie damit abgefunden, ließ sich die Sendung „Schwingungen" lange vor der Erfindung von Podcasts einmal im Monat auf CD nach Hause schicken. Produziert wurden die CDs in Dinslaken. Und ein bisschen wirkt auch der neue Schallwelle-Preis wie die Trotzreaktion einer musikalischen Nische und Trenkler wie ihre Galionsfigur.
Eine Figur, die Musikgeschichten erzählen kann. Zum Beispiel die von Kraftwerk. „Das war etwas völlig Neues", sagt Trenkler. Ein bis dahin unerhörter Sound ging von Düsseldorf in die Welt und hat bis heute die Popmusik geprägt. Ob Bands wie Coldplay und DJs auf der Loveparade – sie alle beziehen sich immer wieder auf die Elektro-Pioniere. „Wenn man ausländische Musiker nach deutschen Bands fragt, werden Kraftwerk immer genannt", sagt Trenkler. Dabei teilen sie ein bisschen das Schicksal der Scorpions, die im Ausland immer erfolgreicher waren als hier.
An die große Popkarriere denkt von den Musikern, die beim Schallwelle-Preis Konzerte geben und Preise bekommen, niemand. Es geht ums Handwerk und um den Sound, der immer sphärisch, ein bisschen nach Weltraum klingt. Die Menschen, die sie machen, sind nicht Captain Kirk. Sie sind eher Scotty, der Bordingenieur. Für Sylvia Sommerfeld, Vorsitzende des Vereins Schallwende, ist elektronische Musik trotzdem weit davon entfernt, unterkühlt zu sein. „Viele meinen, das sei herzlose Musik, aber für mich hat sie ganz viel Herz." Was sie überzeugt hat? „Tubular Bells von Mike Oldfield".
Sylvia Sommerfeld wirkt wie die gute Seele einer Musikszene, die von der eigenen Zukunft eingeholt worden ist. Der Preis, gestiftet vom Verein und ermöglicht von Sponsoren, soll ein Weg sein, die Musik nicht Klang-Archäologen und Musik-Historikern zu überlassen. „Es wäre schön, wenn wir den Preis jetzt jährlich vergeben könnten."
Preisträger Feuilleton
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