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Ein Kopf mit Charakter

12.11.2012 | 23:00 Uhr
Ein Kopf mit Charakter
Ein Baum, zwei Ansichten: Eine Kopfweide gemalt und fotografiert, zu sehen in Dinslaken.

Dinslaken.   Walburga Schild-Griesbeck aus Dinslaken malt gerne Weiden, weil sie die Symbole des Niederrheins sind. Ein verkopftes Gespräch mit der Künstlerin über Bäume, Menschen und Eigenarten

Manchmal verirren sich Leute in das Atelier von Walburga Schild-Griesbeck, betrachten ihre Bilder und fragen: „Sie können doch auch richtig malen, oder?“ Erzählt die Künstlerin schmunzelnd.

Finden Sie Kopfweiden eigentlich so hässlich?

Nein! Überhaupt nicht! Im Gegenteil! Wie kommen Sie darauf?

Weil man vielen ihrer Bildern zunächst gar nicht ansieht, dass dort eine Kopfweide dargestellt ist.

Ach so. (lacht) Ich male abstrakt. Oder wie ich gerne sage: großfarbflächig. Meine Bilder entstehen in einem mehrstufigen Schaffensprozess. Erst versuche ich, ein realistisches Bild einer Szene zu erkennen. Dann erfasse ich über Vorskizzen das für mich Interessante. Über die Form, die Stimmung oder Details arbeite ich schließlich das Wesentliche heraus.

Beschreiben Sie doch bitte mal eine Kopfweide.

Ein mittelgroßer Baum, der sehr borkig ist und im oberen Bereich solche Knubbellungen hat. Er steht fest im Boden und gibt sich jedem Wetter, ja dem Leben hin. Er ist oft aufgebrochen und bietet dadurch allerlei Tieren Unterschlupf. Er hat sehr starke Arme, die beschnitten werden, aber immer wieder verheilen und neu austreiben.

Spötter lästern, die Kopfweide sei ein verkrüppelter Baum.

Das sehe ich anders. Ich finde, die Kopfweide ist ein Lebensbaum, ein Hoffnungsbaum – ja, ein Kraftbaum.

Ehrlich? Kopfweiden stehen doch nur still, starr und stumm in der Gegend herum. Pappeln dagegen stehen im Wind, wiegen hin und her, ihre Blätter rauschen…

(lacht) … Genau! So wie ein Niederrheiner, der gerne palavert.

Um im Bild zu bleiben: Es heißt, die Kopfweiden und die Menschen hier seien sich ähnlich.

Also: Wenn damit gemeint ist, dass die Menschen erdverbunden und stark sind, und eigenwillig im positiven Sinne – dann stimme ich dem zu. Ja, so ist er, der Niederrheiner an sich.

Also ein Charakterkopf?

Ja. Jede Kopfweide ist ein Individuum. Sie ist eine Persönlichkeit. Je älter eine Kopfweide wird, desto individueller wird sie – eben so wie Menschen auch.

Was ist denn niederrheinischer: eine Pappel oder Kopfweide?

Ich denke, beide sind gleichwertig. Es gibt von beiden Bäumen sehr viele hier, sie prägen die Landschaft – und sie passen gut in die Gegend.

Haben Sie irgendeine Ahnung, warum ausgerechnet die Kopfweide zum Symbolbaum des Niederrheins wurde?

Als ich vor elf Jahren der Liebe wegen aus Süddeutschland hierher kam, habe ich die Kopfweide als Symbolbaum vorgefunden. Es gibt sie eben sehr oft hier. Ich denke auch, dass die Menschen hier die Kopfweide gerne haben. Ohne Kopfweide würden ihnen etwas fehlen.

Was wäre der Niederrhein denn ohne seine Kopfweiden?

(überlegt) Tja, klischeehaft ausgedrückt: Dann gäbe es wohl nur die langen Pappelreihen, hier und da mal ein Dörfchen mit einem spitzen Kirchturmdach. Die Landschaft wäre einfach eine andere.

Zwischendurch mal eine gemeine Wissensfrage: Wie lautet der lateinische Name der Kopfweide?

Keine Ahnung. (überlegt) Weiß ich nicht.

Nicht aus dem Kopf, sondern laut Google: Salix Alba.

Wieder etwas dazugelernt.

Haben Sie eigentlich schon mal eine Kopfweide geköpft?

(lacht) Nein. Im Übrigen: Ich empfinde es gar nicht als Köpfen. Für mich werden Kopfweiden beschnitten, sie werden gestutzt; Damit sich daraus etwas Neues entwickelt.

Wann ist eine Kopfweide schöner: im Sommer oder im Winter?

Das kann ich so nicht sagen. Interessanter ist sie im Winter. Weil man dann besser sehen kann, wo und wie sie aufgebrochen ist. Man sieht ihren Pilzbefall, sieht das hellere und dunklere Holz besser. Kraftvoller ist sie im Sommer. Dann ist sie voll belaubt. Wenn dann Wind kommt, sieht man schon, wie stark die Kopfweide ist, weil sie gegen den Wind kämpfen muss. Und ich finde, sie lacht dabei.

Sie lacht?

Ja! Eine Kopfweide ist stark, dem Leben zugewandt, und ausgestattet mit der Fähigkeit, das Leben so zu nehmen, wie es ist. Lachend eben. Außerdem finde ich: Eine Kopfweide ist weiblich.

Das müssen Sie erklären.

Ihre Größe, ihre Form, gewisse Rundungen – das alles erinnert mich an einen weiblichen Körper. Die Kopfweide ist für mich ein Sinnbild des weiblichen Lebens. Im positiven Sinne: Auch Frauen müssen sich erden, müssen Wurzeln schlagen, um standhaft zu sein. Wenn – zack – das Leben über sie hereinbricht, dann bricht mal etwas ab, es bleibt eine Narbe… aber trotzdem ist die Kraft da!

Und die Farbe Rot…

… ist meine Farbe. Rot steht für mich für Kraft, Leben und Energie.

Zum Schluss: Ihr ultimativer Ausflugstipp für Kopfweiden-Gucker?

Ich bin oft in Löhnen und Mehrum unterwegs. (schmunzelt) Hier kenne ich alle Kopfweiden persönlich.

Ingo Plaschke


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