Durch die Wildnis

Kekerdom..  „Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung“, sagt Christian Theunissen. Also stapfen wir im Nieselregen los: In Gummistiefeln und Regenjacke geht’s durch Pfützen und Matsch, auf Spurensuche durch den Silberwald im Naturentwicklungsgebiet Millingerwaard.

Drei Biberpaare wurden hier, kurz hinter der niederländischen Grenze, 1994 angesiedelt. Als vom Nabu zertifizierter Natur- und Landschaftsführer, kurz Niederrhein-Guide, weiß Christian Theunissen, wo man auch tagsüber Spuren der scheuen, nachtaktiven Tiere findet. „Sehen kann man die Biber selbst aber nur abends in der Dämmerung, oder morgens, vor Sonnenaufgang. Jetzt schlafen sie in ihren Bauten“, erklärt der 54-Jährige.

Abseits des Weges

Und die liegen natürlich abseits des Weges, zwischen Bäumen und Gestrüpp, irgendwo in Wassernähe versteckt. „Der Eingang liegt immer unterhalb der Wasseroberfläche.“ Zum Schutz der Jungen – denn die können in den ersten Lebensmonaten noch nicht tauchen und bleiben so im sicheren Bau, wenn die Eltern auf Nahrungssuche sind. Ist der Wasserstand zu niedrig, verlassen die Biber den Bau und bauen neu. „Sie haben Sommer- und Winterresidenzen und in einem sehr trockenen Sommer auch mal Notunterkünfte – je nach Wasserstand.“

Ein Fernglas braucht man aber nicht, um die Biberburgen aus der Nähe zu betrachten, verspricht der Niederrhein-Guide. Anders als etwa auf der Bislicher Insel bei Xanten, wo auch Biber leben, sei es auf niederländischem Gebiet erlaubt, die Wege des Naturschutzgebiets zu verlassen. „Die Leute verhalten sich verantwortungsbewusst“, sagt Theunissen, „ich habe damit bisher nur gute Erfahrungen gemacht.“

Seit 2008 führt der Kekener Naturbegeisterte als Niederrhein-Guide ehrenamtlich durch die Auenlandschaft der Millingerwaard. Durch Silberweidenwälder, jetzt im Winter die bevorzugte Nahrungsquelle der Biber, um Kiesseen herum, den Deich entlang – dort, wo der Rhein streng genommen schon Waal heißt. „Ich bin hier geboren und war schon als Kind naturinteressiert. Ich fühle mich dem Niederrhein einfach verbunden“, sagt Theunissen. „Das Ursprüngliche, die flache Landschaft, der Reichswald, dieses Waldgebiet von der holländischen Grenze bis nach Xanten – das finde ich einfach unheimlich toll...“ Für den Job fahre er manchmal 5000 Kilometer in einer Woche auf Montage. „Da sind die Touren durch die Millingerwaard ein schöner Ausgleich.“

Das Naturentwicklungsgebiet ist nicht nur Heimat für Biber. Auch Rinder und Pferde leben hier als Weidetiere. „Wenn sie die Flächen nicht begrasen würden, wäre hier in 20 Jahren alles komplett bewaldet“, sagt Christian Theunissen. Und das wäre ein Umzugsgrund für viele Brutvögel. „Goldammer oder Uferschnepfen brauchen Schilf und Flächen mit niedrigem Gras.“

Regen und Schnee der vergangenen Wochen haben ihre Spuren in der Millingerwaard hinterlassen: Der Weg ist schlammig, in den Pfützen spiegeln sich die kahlen Baumkronen, hin und wieder aber auch ein paar silbrige Sonnenstrahlen. Links und rechts des Weges stehen große Flächen etwa knöcheltief unter Wasser. Nichts gegen das Hochwasser im Jahr 2010: Ein Baum markiert, wie hoch das damals tatsächlich stand. Vielleicht drei Meter ragt der abgenagte Baumstamm noch in den Himmel – hier waren Biber am Werk.

Biber-Junggesellen leben gefährlich

Übrigens: Bei der letzten offiziellen Zählung in 2008 lebten zwölf Biberfamilien in der Millingerwaard. „Heute sind es sechs oder sieben mit ungefähr fünf Mitgliedern pro Familie“, vermutet Christian Theunissen. Einige seien abgewandert, nach Elten und in die Emmericher Waard, zum Wyler Meer oder in Richtung Kleve, dort lebten im Forstgarten oder im Spoykanal heute Biber. Und zwar in strikt getrennten Gebieten. Denn Revierkämpfe können bei Bibern nicht nur blutig, sondern auch tödlich enden. „Junggesellen auf der Suche nach einem Weibchen leben besonders gefährlich“, sagt der Niederrhein-Guide.

Ein anderer Grund für den Ortswechsel könnten Umbaumaßnahmen im Naturentwicklungsgebiet Millingerwaard sein, glaubt Theunissen: „Hier werden 1,8 Millionen Kubikmeter Erde bewegt, um bei Hochwasser die Fließgeschwindigkeit aus dem Rhein zu nehmen und eine Ausgleichsfläche zu schaffen.“ Bis 2020 soll das Projekt zum Hochwasserschutz für Nimwegen und Umgebung abgeschlossen sein. Für Christian Theunissens Biber-Touren machen die Arbeiten aber keine Schwierigkeiten: „Ich passe meine Wanderungen sowieso dem Wasserstand an.“

Etwas matschig kann’s da schon mal werden. Über einen Trampelpfad geht es abseits des Weges in den Wald. Auf dem kleinen See links des schmalen Pfades blühen im Sommer hunderte Seerosen – bis sich die Biber darüber hermachen. Denn die Blüten sehen nicht nur schön aus, sie schmecken auch gut. Jetzt ist das Wasser mit einer dünnen Eisschicht überzogen. Am Uferrand dann die versprochene Biberburg: Ein ziemlich großer Haufen übereinander geschichteter, moosgrüner Äste. Jemand zuhause? Diesmal bleibt es wohl bei Spuren; erst wenn es dunkel wird, weiß man mehr...