Die wahre Lebensgeschichte der Agnes M.

Wir starten ins Jahr mit einem Lese-Tipp von Barbara Völcker-Janßen, Völckersche Buchhandlung, Goch:

Hannah Kent,

Das Seelenhaus,

Droemer Verlag, 19,99 €

„Sie sagen, ich soll sterben. Sie sagen, ich hätte Männern den Atem gestohlen und jetzt müssten sie mir den meinen stehlen.“

Hannah Kents Debütroman entführt uns nach Island um 1828 und erzählt die wahre Lebensgeschichte von Agnes Magnusdóttir aus unterschiedlichen Perspektiven. Manche Kapitel erzählt die Protagonistin in der Ich-Form, andere geben Margrets, Totis und Steinas Erkenntnisse wieder, dazwischen sind Briefwechsel und andere Dokumente eingeschoben. Diese feinen Beobachtungen aller wichtigen Figuren und deren Reflexionen eigener und anderer Verhaltensweisen lässt uns als Leser eintauchen in die Verhältnisse auf Island um 1828.

Agnes wird beschuldigt, zwei Männer erschlagen und verbrannt zu haben. Der zuständige Landrat will an ihr ein Exempel statuieren. Die Zeit bis zur Hinrichtung soll sie auf dem Hof des Dienstmannes Jon und seiner Familie verbringen.

Die Familie ist außer sich, eine Mörderin beherbergen zu müssen. Nachdem man ihr im Gerichtsprozess nicht geglaubt, ihre Worte verdreht und gegen sie verwendet hat, hat Agnes sich geschworen, ihre Vergangenheit niemandem mehr anzuvertrauen und fortan zu schweigen. Nur ihr Recht auf geistigen Beistand möchte sie wahrnehmen, und für ihre Zeit auf dem Hof erwählt sie dafür den Pfarrvikar Torvardur Jónsson, genannt Toti, den sie während ihrer Wanderjahre kennen und schätzen gelernt hatte.

Während der langen Gespräche mit dem Vikar, die zwangsläufig wegen der beengten Verhältnisse die ganze Familie mithört, ist es vor allem Margret, die Hausherrin, die ahnt, dass die offizielle Wahrheit über Agnes vielleicht falsch sein könnte. Nun widerfährt ihr während ihrer letzten perspektivlosen Lebensmonate auf dem Kornsahof ein kleines, bescheidenes Glück.

Denn der Kornsahof ist der Ort ihrer Kindheit. Hier fügt sich Agnes gut ein. Sie hilft bei der Heuernte und beim Schafeschlachten, entlastet die geschwächte Margret, gewinnt das Vertrauen der Familie, so dass man ihr auch Sense und Messer überlässt, und erfährt zum ersten Mal in ihrem Leben so etwas wie Wertschätzung. Tochter Steina fühlt sich sehr zu ihr hingezogen und von ihr verstanden. Die andere Tochter Lauga ist angewidert, wie vorbehaltlos Mutter und Schwester der Mörderin begegnen.

Obwohl wir den Urteilsspruch als Leser kennen, kann man angesichts der geschilderten erbärmlichen Lebensumstände von Agnes gar nicht anders, als ihr Mitleid und Sympathie entgegen zu bringen und bis zum Ende zu hoffen, es möge sich doch noch die Wende einstellen und Gnade ergehen.