Die Magie des Erzählens
27.03.2008 | 19:11 Uhr 2008-03-27T19:11:57+0100THEATER. Was für Jugendliche bühnenreif ist? Geschichten, die sie bewegen. Genau solche schreibt Stefan Ey.
DINSLAKEN. So einen Satz muss man zu schätzen wissen: "Ich fand's scheiße." Wer als 14-Jähriger im Theater sitzt und sich anderthalb Stunden gelangweilt hat, reduziert seine Kritik bisweilen gerne schon mal auf dreieinhalb schlichte Worte. Trotzdem hört Stefan Ey die lieber als ein gestelztes "MirhatsichdaimzweitenAktderUmbaudesBühnenbildesnichtganzerschlossen." "Ein ehrlicheres Publikum gibt es nicht", sagt der Leiter des Kinder- und Jugendtheaters der Burghofbühne Dinslaken und meint jenes unter 18. Mit ein Grund dafür, dass der 33-Jährige lieber für und mit jungem Publikum arbeitet. Als Regisseur ebenso wie als Autor. "Luuser" heißt das neueste Jugendstück der Burghofbühne aus der Feder des gebürtigen Moersers. Bei der Uraufführung des Bühnen-Psychothrillers hat das Premierenpublikum übrigens mehr als dreineinhalb Worte über den Theaterabend verloren....
Bewusst konsequent
"Ich bin ein Geschichtenerzähler", sagt Stefan Ey über Stefan Ey. "Und im Theater geht es immer wieder um Geschichten und um die passende Form, sie zu erzählen." Dass er dabei wie jüngst in dem Mobbing-Stück "Luuser" auch schon mal eine sehr drastische Umsetzung wählt, hat für ihn nichts mit bewusster Provokation zu tun, sondern, sagt er, sei einfach konsequent dramaturgisch zu Ende gespielt. Zwei Jahre hat Ey an der Geschichte um den Selbstmord eines Mobbing-Opfers gearbeitet. Das Stück spielt auf einem Friedhof, an dem noch frischen Grab des Schülers. Gunnar und Emanuel tauchen auf, sie feiern, essen Pizza und trinken Bier. Dann erscheint das Mädchen Juli und beginnt Fragen zu stellen über Dennis, der in den Filmen auf Gunnars Handy immer wieder die Hauptrolle spielt ...
"Es wird immer noch zu wenig über das Thema gesprochen", findet Ey. Um Mechanismen von Macht und Gewalt darzustellen, schreckt er in seiner Inszenierung auch nicht vor einer Vergewaltigungsszene zurück. "Ich muss die Geschichte so verankern, dass man sich erinnert, einen Ansatz zum Reden findet," sagt Ey. "Ich glaube nicht an die Katharsis, also, dass einer rausgeht und sagt, nein, so etwas mache ich nicht. Ich will Theater machen, das bewegt, damit man sich damit auseinandersetzt."
Schulen müssen mitziehen
Mit neun Jahren stand der Moerser zum ersten Mal auf einer Theaterbühne - als Statist in einer Inszenierung des Timm-Theaters. "Theater ist das einzige was ich kann und was ich will", sagt Ey heute. Damals war er sich dessen trotz regelmäßigem Engagement in der Moerser Theatertruppe nicht ganz so sicher. Abitur, Zivildienst, später abgebrochenes Studium der Philosophie, Wirtschaftswissenschaften und Germanistik in Duisburg und nebenbei drei Jahre lang Jobs als Stunt-Actor und Entertainer in einem Freizeitpark. "Irgendwie bin ich da immer so reingerutscht."
In Lingen schließlich studiert er an der FH Theaterpädagogik und arbeitet nach seinem Abschluss vier Jahre am Theater Ingolstadt. Seit zwei Jahren leitet er das mobile Kinder- und Jugendtheater der Burghofbühne. Spielt morgens Bilderbuchtheater an Grundschulen, verwandelt Shakespeare's "Sturm" in magisches Erzähltheater für Menschen ab 6 oder diskutiert nach Stücken wie "Luuser" mit Jugendlichen über Macht und Gewalt. "Die ganze Bandbreite", sagt Stefan Ey und wirkt dabei äußerst zufrieden. Allein - die Schulen könnten noch besser mitziehen, findet er. Alle Stücke des mobilen Theaters können gebucht werden, in Schulen aufgeführt werden. "Das wird noch viel zu wenig genutzt."
Für den Zuschauer von heute
Dabei geht es Ey nicht darum, die Theaterabonnenten für das nächste Jahrzehnt zu rekrutieren. "Es heißt immer, wir arbeiten für die Zuschauer von morgen. Nein, ich arbeite für die Zuschauer von heute." Ganz ohne bleibende Wirkung? "Nein. Ich glaube, dass man die Lust, sich Geschichten erzählen zu lassen, wecken kann." Und immer wenn sich doch mal ein Erwachsener ohne Alibi-Nachwuchs bei der Hand im Theater über den Räuber Hotzenplotz scheckig lacht, dann freut sich Stefan Ey. Wie ein Kind.
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