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Die Duz-Doktorin

10.09.2012 | 23:00 Uhr
Die Duz-Doktorin
Dr. Barbara Hendricks, Bundestagsabgeordnete der SPD aus Kleve.

Kleve.   Ihr Titel ist echt, niemand zweifelt daran. Aber das Thema ihrer Arbeit mutet seltsam an:die Margarine-Industrie am Niederrhein. Ein Gespräch mit Barbara Hendricks

Im Büro der Bundestagsabgeordneten Barbara Hendricks. Sie kommt herein, grüßt freundlich „Guten Morgen“, legt ein schlichtes, einfach gebundenes Büchlein auf den Tisch und sagt: „Das ist sie.“ Ihre Doktorarbeit. Vorgelegt 1981 an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn, 215 Seiten lang. Und schon beginnt das Gespräch über ihre Doktorarbeit und den erworbenen Titel „Doctor philosophiae“, kurz „Dr. phil.“.

Die Margarineindustrie am unteren Niederrhein im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert“ – welch ein Titel für eine Doktorarbeit!

(schmunzelt) Natürlich weiß ich, dass viele Leute über das Thema meiner Doktorarbeit lachen. Ich halte dann immer dagegen: Wenn ich mit demselben Arbeitsaufwand und mit derselben Methodik über die Entwicklung der Stahlindustrie in Dortmund geschrieben hätte, dann würde das jeder für normal halten.

Hatten Sie vorher schon einmal irgendetwas mit der Margarineindustrie zu tun?

Nein. Oder wie man bei uns in Kleve sagt: Ich habe nie „op de Botter“ gearbeitet. Auch meine Eltern hatten nichts mit der Margarineindustrie zu tun. Meine Mutter war gelernte Schneiderin, mein Vater selbstständiger Kaufmann, später Angestellter bei der Kreisverwaltung Kleve. Nur eine meiner Schwestern ist später Chemielaborantin geworden.

Aber was, bitteschön, reizt eine Historikerin ausgerechnet an Margarine?

Die Einführung der Margarine auf dem deutschen Markt war eine hochpolitische Sache. Anfangs waren die Bauern strikt gegen die Margarine eingestellt. Sie befürchteten, dadurch würde die Butter vom Markt verdrängt werden. Also würde bald keine Milch mehr gebraucht werden, mit der die Butter hergestellt wird. Dementsprechend agierten die Vertreter des Landwirtschaftsverbandes, sie kämpften erbittert gegen die Margarine.

Mal ehrlich: Margarine ist nicht unbedingt das Thema, mit dem man groß Karriere machen kann.

Ganz ehrlich: Ich hatte auch nie den Anspruch, eine wissenschaftliche Laufbahn einzuschlagen. Das war mir klar, als ich mich für das Thema meiner Doktorarbeit entschied. Ich wusste, mit diesem Thema kannst du keine Karriere im Hochschulbetrieb machen. Hätte ich etwas anderes gewollt, hätte ich ein anderes Thema gewählt.

Warum haben Sie eigentlich ihren Doktor gemacht?

Als ich das Staatsexamen für das Lehramt am Gymnasium gemacht habe, war ich 23 Jahre alt. Dann habe ich mir überlegt, dass ich eigentlich gar nicht in den Schuldienst möchte. Da lag es für mich nahe, den Doktor zu machen, damit mein Abschluss nach irgendetwas aussieht, damit ich mich also irgendwo anders bewerben konnte.

Hat Ihnen ihr Doktortitel irgendwann mal geholfen?

Ich kann es natürlich nicht nachweisen, aber ich denke, am Anfang schon. Für Geisteswissenschaftler ist der Einstieg in das Berufsleben nicht einfach. Als ich meinen nächsten Schritt machte und als Referatsleiterin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit ins Landesministerium für Finanzen wechselte, war der Doktortitel bestimmt hilfreich. Ich war damals mit 29 Jahren immer noch verhältnismäßig jung.

Sie waren nicht nur jung, sondern auch noch eine Frau.

Auch das noch. (lacht) Ja, ich war eine Frau in einem strukturell sehr konservativen und von Männern dominierten Haus. Ich war die einzige, die nicht Beamtin war, sondern Angestellte. Ich war die einzige, die nicht Juristin oder Volkswirtin war. Und ich war die einzige Frau im höheren Dienst. Das muss man sich mal vorstellen: Ich hatte alle außergewöhnlichen Tatbestände in mir vereint. Ich glaube, damals hat mir der Doktortitel schon geholfen, dass mich die Leute ernst nehmen. Aber nach einer gewissen Zeit muss man natürlich auch durch Leistung überzeugen.

Wer redet Sie eigentlich mit „Doktor“ an?

Meine Mitarbeiter in meinem Klever Büro sagen aus Scherz zu mir: Frau Doktor. Wir duzen uns aber, das ist ja unter Sozialdemokraten so üblich. Meine Mitarbeiter in Kleve sagen also Frau Doktor und Du in einem Satz zu mir, das klingt für Außenstehende natürlich komisch. Ich habe übrigens nie Wert darauf gelegt, mit dem Doktortitel angesprochen zu werden.

Aber auf Wahlplakaten werben Sie mit ihrem Doktortitel, dort steht immer: Dr. Barbara Hendricks.

Ja, das stimmt. Im Laufe der Jahre ist das zu einem Merkmal geworden. Es hat sich bei den Leuten so eingeprägt, viele sprechen mich auch genau so an: Frau Doktor Barbara Hendricks. Korrekt wäre ja: Frau Doktor Hendricks. Oder einfach: Frau Hendricks. Beides ist für mich völlig in Ordnung

Haben Sie keine Angst, dass auch ihre Arbeit mal genauer unter die Lupe genommen wird?

Nein. Ich habe ja auch nichts zu verbergen. Die Arbeit liegt in mehreren Bibliotheken aus, so wie es vorgeschrieben ist. Sie steht für wissenschaftliche Zwecke zur Verfügung. Auch dem Stadtarchiv in Kleve habe ich zwei Exemplare meiner Arbeit gegeben, schließlich habe ich dort damals auch viele Dokumente eingesehen. Also, wer mag, kann dort hineinschauen.

Zum Schluss muss ich Sie natürlich noch fragen: Schmieren Sie sich eigentlich lieber Margarine oder Butter aufs Brot?

(lacht) Butter.

Ingo Plaschke



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