Designermode zum Fasan
15.07.2008 | 20:15 Uhr 2008-07-15T20:15:21+0200UNTERWEGS. Von der ehemaligen Bauernschaft Aerbeck gehen Klamotten in die ganze Welt. Dabei gibt's nicht mal eine Kneipe.
WACHTENDONK. Auf der A 40 reihen sich die Lkw Kilometer vor der Grenze hintereinander. Ob die alle mit "Airbag" ausgestattet sind? Und wenn nicht, könnten die in Aerbeck nachrüsten lassen? Doch rechts rauscht das Schild des Parkplatzes "Tomm Heide" vor der Ausfahrt Wankum einfach an ihnen vorbei - unbemerkt. Dabei gehört "Tomm Heide" bereits zu Aerbeck. Aber hat der Ort wirklich etwas mit Luftkissen zu tun? Und spricht man Aerbeck überhaupt wie das englische "Airbag" aus?
"So soll dieser Teil von Wachtendonk-Wankum heißen?" Lenka Rundholz guckt skeptisch. Das hat die Modemacherin, die auf dem Aerbecker Hötenweg in ihrem Atelier arbeitet, noch nicht gehört. Ihr Mann Carsten schon, "aber ob es jetzt 'ar' oder 'air' ausgesprochen wird, weiß ich nicht".
München, New York, Paris und Wachtendonk
Die beiden Modemacher, die ihre Kollektionen von Aerbeck aus auf Messen in München, New York und Paris vertreiben, leben und arbeiten seit acht Jahren hier. "Von dem Geschehen in der Gegend bekommen wir nicht viel mit", sagt Lenka Rundholz. Nur vor kurzem sei Schützenfest gewesen, "sieben Tage lang, oder so", meint ihr Mann Carsten. Genaueres wisse die Nachbarin.
Weiter geht's, vorbei an gepflegten Gärten, großen Häusern, Bauernhöfen. Mit rot-weißen Kreppblumen und -Bändern verzierte Hecken säumen den Weg zum Nachbarhaus. "Ministerpaar" steht in großen Buchstaben auf dem Schild über der Auffahrt. Leider ist niemand da. Auch auf dem Hof gegenüber nicht. Die Aerbecker haben sich wohl alle in Luft aufgelöst. Ein Stück weiter die Straße rauf - links fließt ein Bächlein - tauchen eingezäunte Maispflanzen auf. Dann ein Hof. Auf einem Trecker rollt Johannes Peters an.
"Hier sind sie beim Fasanenzüchter", sagt er und steigt vom Bock. Heinz Erkenz kommt auf den Hof:"Ja, das bin ich, kommen Sie doch rein." Bis zu 25 000 Fasane leben hier zeitweise. Mode und Fasane? "Typisch für Aerbeck", meint Erkenz, denn es habe im Ort immer ganz verschiedene Betriebe gegeben. Eigentlich sei es ein gemischtes Gewerbegebiet. "Früher gab's eine Molkerei, einen Schuster, Friseur, Schmied, Landmaschinenhändler, Bauunternehmer, Bäcker und eine Gaststätte", sagt der 68-Jährige. "Und es heißt übrigens 'Ar' beck", wirft Nachbar Peters ein.
"Aer" hat nichts mit Luft zu tun
Das ist nicht aus der Luft gegriffen, sondern kommt vom Aerbecker Bach, der vor dem Höter Fasanenhof plätschert (denn "aer" ist die keltische Bezeichnung für fließendes Wasser, so die Historiker). Geflossen ist hier lange Zeit nicht nur das Bächlein: "Als es die Gaststätte noch gab...", lacht Nachbar Peters (70). Da wurde das erste Bier schon mittags um Zwölf angezapft. Seit Peters mit 20 von Nieukerk hierher zog, sagt er immer: "Ich habe mir das bessere Stück ausgesucht, die Aerbecker sind lustiger als die Wankumer", meint der Landwirt.
Feucht-fröhliche Bauernschaft
Die alte Bauernschaft, etwa einen Kilometer vom Ortskern entfernt, ist also feucht-fröhlich. Auch heute, denn es regnet. Schuld ist sicher der Gartenbaubetrieb: "Die Regenmacher" heißt sein Werbeslogan. Die paar Bauern, die es in Aerbeck noch gibt (es waren mal 20), wird es freuen.
Mais- und Getreidefelder umrahmen das Örtchen, das von der A 40 geteilt wird. Hier und da sieht man ein paar Gewächshäuser. Den Schmied gibt's noch und einen Raiffeisenmarkt. Kleinere Lagerhallen luken aus den Seitenstraßen, die so tolle Namen wie Tomm- oder Bammelenweg haben. Lebensmittelgeschäft? Fehlanzeige! Keine Kneipe und keine Tankstelle. Nur eine alte Dieselzapfsäule steht kurz vor dem Feld. Und eine Kirche?
"In Wankum", sagt Erkenz Nächstnachbar von Johannes Peters. Nächstnachbar? "Richtig, es gab immer einen Nächst- und einen Leichennachbarn im Ort". Der Nächstnachbar orgsanisierte alle fröhlichen Feiern für die Familie, und der Leichennachbar richtete die Beerdigungen aus, erklärt Peters. "Der Leichennachbar musste ein Pferdefuhrwerk haben, um den Toten bis Wankum in die Kirche zu transportieren." Und Erkenz ergänzt: "Hier haben wir nur das Rochuskapellken." Außer einem kleinen Altar passt da definitiv nichts rein - wer sich überzeugen will, sollte auf den Kapellenweg. Zur Fronleichnahmsprozession seien sie immer hin gegangen, erinnern sich die beiden Aerbecker. "Hier waren alle streng gläubig. Wenn du nicht in die Kirche gegangen bist, gab's als Kind kein Sonntagsgeld."
Dreigestirn der Schützen
Tradition wird in Aerbeck groß geschrieben. Der Schützenverein gehört natürlich auch dazu. "Bis 1968 gab es zwei Bruderschaften für Wankum und die fünf angeschlossenen, ehemaligen Bauernschaften. Eine Bruderschaft für Junggesellen, eine für Verheiratete". Dann fehlten die Junggesellen. Zurück blieb ein Zusammenschluss: die Vereinigte St. Johannes & St. Martinibruderschaft 1532 Wankum e.V.
"Hans-Peter und Hannelore Spitz nebenan", sagt Erkenz, "sind in diesem Jahr eines der beiden Ministerpaare des Schützenkönigs. Das ist so eine Art "Dreigestirn", der König und zwei Minister". Aha, daher also Haus- und Hofschmuck nebenan.
"Beim Schützenfest einmal im Jahr packen alle mit an", so der Wahl-Aerbecker Peters. "Der Zusammenhalt hier im Ort ist besonders groß. Und die Mentalität. Man wird freundlich empfangen - klar wird auch mal gestritten, aber dann setzt man sich wieder zusammen. Jahrelange Streitigkeiten gibt's hier nicht." Keine heiße Luft also, die den Aerbeckern über die Lippen kommt. Auf Oberflächlichkeit trifft man bei deb Aerbeckern nicht - wenn man sie denn mal trifft.
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