Der wiederentdeckte Komponist

Die Humperdinck-Oper „Hänsel und Gretel“ ist eines der am meisten gespielten Musiktheaterstücke.
Die Humperdinck-Oper „Hänsel und Gretel“ ist eines der am meisten gespielten Musiktheaterstücke.
Foto: WR
Was wir bereits wissen
Engelbert Humperdinck verbrachte zehn Jahre seines Lebens in Xanten. Und viele seiner kammermusikalischen Werke sind am Niederrhein entstanden, sagt der Historiker Tim Michalak.

Am Niederrhein..  Manchmal ist das ja so, dass ein Ort auf einen Menschen wartet – oder umgekehrt. Bei Tim Michalak und Xanten kann man schon mal dieses Gefühl haben – der Historiker mit dem schreibendnen Händchen entdeckt immer wieder spannende Geschichte und Geschichten, bei denen man sich fragt: Wieso hat das vorher noch niemand aufgedröselt? Nun ist Tim Michalak Engelbert Humperdinck in die Hände gefallen, der Komponist der Spätromantik, der Erfinder der Märchenoper „Hänsel und Gretel“. Der große Musiker hat, das haben Forschungen Michalaks ergeben, zehn Jahre seines Lebens in Xanten verbracht. Er hat hier gelebt und gearbeitet (1877-1887), hat dank der, sagen wir mal, besonderen Spiritualität des Niederrheins mit all der Natur, dem Wolkenzug und dem Vogelgezwitscher, mit all der „Sphärenmusik“ des Waldes, die ein oder andere Note ins kammermusikalische Werke einfließen lassen. Oder in Teile der Urballade „Wallfahrt nach Kevelaer (sic!)“. Oder dem Abendsegen in „Hänsel und Gretel“.

Nur: Kaum etwas in Xanten erinnert besonders an den Mann. Eine Straße trägt seinen Namen, ein Förderzentrum, das war’s. Kein Denkmal, keine Büste, nicht mal eine Hinweistafel an dem Haus, in dem er lange Jahre wohnte: das ehemalige Lehrerinnenhaus, das jetztige Rathaus. Zufällig ist Tim Michalak über die Xantener Jahre des Komponisten gestolpert. Bei den Recherchen zu seiner Chronik über das Hotel van Bebber fand er einen Eintrag im Gästebuch: „...als Tochter Engelbert Humperdincks und als Enkelin des Xantener Seminardirektors Gustav Humpedinck“ bedankte sich Senta Josten-Humperdinck am 15. März 1955 für den freundlichen Empfang. Klar, dass bei einem so akribischen Historiker wie Tim Michalak alle Forschergene in Bewegung gerieten...

Und er hat eine ganze Menge entdeckt. Im Familiennachlass, Aufzeichnungen und Tagebücher, zum Beispiel. Wobei man mitunter das Gefühl hat, so ganz hat dem jungen Komponisten das ländliche Idyll nicht behagt. „Hier in Xanten habe ich mit Schwester und Bruder ziemlich stillekes.“ oder: „Um die Einförmigkeit meines Xantener Aufenthalts zu unterbrechen, gedenke ich am Sonntag nach München-Cladbach zu reisen, wo ein Concert stattfindet“. – „Nunja“, sagt Tim Michalak. „Sein Verhältnis zu Xanten und auch zu Kevelaer ist sicherlich besser, als manche Zitate aus den Briefen es erscheinen lassen. Humperdinck liebte die Natur –besonders die Hees, Grenzdyck, den Latzenbusch bei Veen. Bislich fand er eher langweilig.“

Die Xantener waren für ihn spießig, wenig musikalisch gebildet und kleinstädtisch. Wobei: Die Kevelaerer kommen auch nicht gut weg: „...ein merkwürdiges Gemisch von Rheinländischer Beweglichkeit und holländischer Gemütsruhe...“

Tim MIchalak arbeitet an einer Biographie Humperdincks – gemeinsam mit Musikwissenschaftlern und den Humperdinck-Gesellschaften in Siegburg und Boppard. Im Mai soll sich dann auch in Xanten eine Humperdinck-Gesellschaft gründen. In Zusammenarbeit mit der Musik-Werkstatt Siegburg (in Siegburg wurde Humperdinck 1854 geboren, in Boppard starb er 1921) und dem Herausgeber der Kammermusik Humperdincks, soll es im Hotel van Bebber am Sonntag, 31. Mai, zu einem Konzert kommen. Aufgeführt werden, natürlich, Kompositionen des großen Komponisten. Im Hotel van Bebber deshalb, weil Humperdinck hier oft und gern beim Weine saß. Der Musiker soll übrigens sein Leben lang „eine Mischung aus niederrheinischem Platt und rheinischem Dialekt gesprochen haben“, so Michalak.