Der Tod am Baggerloch
29.06.2009 | 18:50 Uhr 2009-06-29T18:50:00+0200
Goch. Leenders-Bay-Leenders haben einen neuen Krimi geschrieben und erzählen von einem Mord in Goch-Kessel, der gar keiner war. Die Leser sind begeistert und haben die erste Auflage gleich aufgekauft. Die Kesseler hingegen lässt das alles bisher kalt.
Ist das jetzt gut oder schlecht? „Aus Kessel haben wir noch gar keine Reaktion gehört”, sagt Hiltrud Leenders und wundert sich ein wenig. Denn Kessel, das kleine, idyllische Örtchen im Nordwesten von Goch, ist Schauplatz des neuen Kriminalromans des Klever Autorentrios Leenders-Bay-Leenders. Meistens freuen sich die Niederrheiner ja, wenn sie in ihren Romanen erwähnt werden – und manchmal sind sie auch verärgert. Irgendeine Reaktion kommt auf jeden Fall immer. Aber diesmal: nichts. Nicht einmal die Sprechstundenhilfe von Artur Leenders hat etwas gesagt – und die kommt schließlich aus dem 2000-Seelen-Dörfchen.
„In jedem Buch sollen die Leser ja auch etwas lernen”, sagt Artur Leenders mit Blick auf die etwas pädagogisch anmutenden Zeilen zum Thema Kiesabbau am Niederrhein.
Ausführlich erklären die Autoren was „Nassabgrabungen” sind und welche Behörde für welche Genehmigung zuständig ist. „Um dieses Thema kommt man in Kessel ja gar nicht herum”, sagt Leenders. „Hier hat ja alles mehr oder weniger angefangen.” Viele Landwirte hätten damals bereitwillig ihre Ländereien verkauft – heute beklage man die Folgen für Natur und Grundwasser.
Dass der neue Krimi „Kesseltreiben” hier noch nicht gelesen wurde, kann eigentlich nicht sein. Denn wieder einmal ist die erste Auflage in Höhe von 25 000 Exemplaren nach nur zwei Monaten ausverkauft. Hiltrud Leenders, Michael Bay und Artur Leenders gehören zu den erfolg-reichsten Krimiautoren in Deutschland. Über eine Million Bücher haben sie bereits verkauft.
Immer wieder Ackermann
Und immer noch werden ihre Werke in der Sparte „Regionalkrimi” eingeordnet. Hiltrud Leenders hört das nicht gerne, denn „Regionalkrimi” klingt nach Wald- und Wiesenroman und damit hätten ihre Bücher nichts zu tun. „Diesen Fluch werden wir wohl nicht mehr los”, sagt Hiltrud Leenders. Die Leute hätten über die Jahre eine gewisse Erwartungshaltung entwickelt, möchten natürlich unbedingt den niederrheinischen Slang Ackermanns lesen. „Man hat es uns ziemlich übel genommen, dass wir beim Roman Gnadenthal die Kriminalleute erst auf den letzten 40 Seiten eingeführt haben. Das ist eigentlich schade, denn so bezieht man sich nur auf einzelne Personen und nicht auf den Roman als Ganzes.”
Hiltrud Leenders legt großen Wert darauf, dass ihre Bücher druckfertig abgeliefert werden. An den Texten werde kaum noch redigiert. Ganz im Gegensatz zu vielen berühmten Krimiautoren, die nur Textfragmente abliefern und deren Bücher im Wesentlichen von Lektoren geschrieben werden. Hiltrud Leenders sagt, dass ihre Sprache arm an Adjektiven sei, aber diesen geraden, schnörkellosen Stil würden viele Leser mögen. Der Erfolg gibt ihr Recht.
Die wilden 70er
Kesseltreiben ist ein echter Niederrhein-Klassiker geworden. Leenders-Bay-Leenders beschreiben „die wilden 70er Jahre” auf dem Land, die in der Anti-AKW-Bewegung in Kalkar ihren Höhepunkt finden. „Eigentlich waren die Jugendlichen damals ja völlig unpolitisch. Das waren Landkinder, die gegen Kalkar demonstriert haben”, erzählt Hiltrud Leenders, die selbst nie in einer Studenten-WG gewohnt hat. Damals habe es viele alternative Wohnformen auf den Dörfern gegeben. In Keeken, Kranenburg oder Kessel hätten sie sich auf den Bauernhöfen verschanzt. Die Hauptfigur des Romans, Sabine Maas, ist so ein braves Mädchen, das nach dem Tod seiner Eltern eine WG gegründet hat – als kleine Revolte gegen die konservative Nachbarschaft. Doch mit Gründung der Clique zieht sie sich den Zorn des gesamten Dorfes auf sich. Das Kesseltreiben beginnt.
Sabine Maas ist eine tragische Figur. Die junge Frau wird von drei Männern aus dem Dorf vergewaltigt und wird schwanger. Ihren Sohn Sebastian wird sie trotzdem abgöttisch lieben und ihre Peiniger wird sie nie verraten. Auch der ihr zur Last gelegte Mord an einem Kind kann sie nicht entkräften – und wird sie für Jahre hinter Gitter bringen. Erst durch spätere Recherchen zum Mord an ihren Sohn Sebastian wird die Kripo Kleve die ganze Wahrheit ans Licht bringen.
Leenders, Bay, Leenders: Kesseltreiben, 253 Seiten. Erschienen im Rowohlt Taschenbuch Verlag ; 8,95 Euro
0mitdiskutieren