Der Ritter aus Rheinberg

Helm auf und rein ins Abenteuer Mittelalter. Besuch im Kontor von Uwe und Angela Schneevoigt-van Dyk in Rheinberg.
Helm auf und rein ins Abenteuer Mittelalter. Besuch im Kontor von Uwe und Angela Schneevoigt-van Dyk in Rheinberg.
Foto: Lars Fröhlich

Rheinberg..  Ganz schön altmodisch – das ist Uwe Schneevoigts Outfit im wahrsten Sinne des Wortes. Die Filzhose hat er in kniehohe, derbe Lederstiefel gesteckt; über seinem Leinenleibchen trägt er eine petrolfarbene Jacke aus gewaschener Wolle. Natürlich mit Zinnknöpfen, stilecht, wie es sich fürs späte
15. Jahrhundert gehört. „Ich laufe öfter in mittelalterlicher Gewandung rum, als in moderner, westlicher Kleidung“, sagt Schneevoigt.

Zulieferer für lebendige Geschichte

Für den 48-jährigen Budberger und seine Familie ist das nicht nur eine modische Frage. Uwe Schneevoigt und seine Frau Angela haben ihre Leidenschaft fürs Mittelalter zum Beruf gemacht: „Wir sind Zulieferer für lebende Geschichte“, sagt er. Was das bedeutet? Handgefertigte Ritterrüstungen, Schwerter und mittelalterliche Kleidung von der Unterwäsche bis zur Kopfbedeckung – das vertreiben die Schneevoigts aus Rheinberg an Mittelalterfans in ganz Europa, sogar bis nach Neuseeland.

Und das bis vor Kurzem von zuhause aus. Da saßen dann Kunden aus den Niederlanden und Belgien oder England zur Anprobe der Rüstung auf ihrer Wohnzimmercouch in Budberg. „Für die meisten ist das ein Hobby, für uns aber auch unser Job“, sagt Angela Schneevoigt van Dyck. Die Lösung: Ein Ladenlokal, direkt auf Rheinbergs Marktplatz.

Wer dort „Das Kontor“ besucht, betritt eine andere Welt: In der spätmittelalterlichen Stube, deren hohe Decken dicke Dachbalken stützen, duftet es nach Kaminfeuer. Der dunkle Holzboden ist mit Stroh bedeckt. Wasser gibt’s nicht im Glas, sondern aus einem mattsilbernen Kelch. In der Waffenschmiede im Hinterzimmer stapeln sich Helme und Schwerter – alles, was das Ritterherz begehrt. Das Muster für den Gambeson aus dem 14. Jahrhundert hat sich Angela Schneevoigt van Dyck aus dem Louvre abgeguckt. „Bei uns gab’s als Alternative nur Ommas Steppjacke.“ Die Jacke aus irischem Leinen trugen die Ritter unter der Rüstung, „nicht wegen der Wärme, sondern zum Polstern“, erklärt Uwe Schneevoigt. „Sonst hätten sie ja pures Blech auf dem Körper.“

Diese Faszination fürs Mittelalter, der 48-Jährige hatte sie schon als Kind. Über dem Bett des Sechsjährigen hing damals ein Poster von Albrecht Dürers düsterem Kupferstich „Ritter, Tod und Teufel“. „Genau wie dieser Ritter auf dem Pferd, so wollte ich sein.“

Erstmal wurde Schneevoigt aber Beleuchtungsinstallateur. Bis 2009 arbeitete er mit seiner Frau Angela, einer Diplomdesignerin, in einem Ingenieurbüro in Düsseldorf. Mit Projekten in Warschau und Moskau, Osaka und Paris. „Unser Leben war geprägt von ständiger Erreichbarkeit. Irgendwann waren wir den Wahnsinn der Großbaustellen satt“, erinnert er sich. „Wir haben uns Tag für Tag durch den Bildschirm gepixelt, hatten das digitale Büro immer dabei“, sagt Angela Schneevoigt van Dyck. „Aber am Ende des Tages hatte man nichts in der Hand.“

Für die Schneevoigts stand fest: „Back to the roots“, das ist es, was sie wollen. Zu erleben, wie es sich anfühlt, auf dem Feuer zu kochen, in Zelten zu leben, Kleidung zu tragen wie die Menschen im Mittelalter . „Für viele ist das auch eine Realitätsflucht“, sagt Uwe Schneevoigt. „Die mittelalterliche Welt ist überschaubarer, das Gegenteil zu unserer Highspeed-Gesellschaft.“

Dabei sei die heutige Sicht auf das Mittelalter vor allem eines: ein Klischee. „Wer sich ernsthaft mit dieser Zeit beschäftigt, der möchte sicher nicht im Mittelalter leben“, glaubt der 48-Jährige, der selbst an 40 Wochenenden im Jahr auf Mittelaltermärkten im Zelt schläft. „Ich bin Vater von zwei Söhnen, mehr als die Hälfte der Kinder ist damals nicht mal zehn Jahre alt geworden.“ Eine Blinddarmentzündung war im Mittelalter eine tödliche Krankheit. „Und die persönliche Freiheit war durch hoheitliche Willkür eingeschränkt.“

Uwe Schneevoigt erklärt seine Faszination auch mit „der männlichen Vorliebe für blanken Stahl, Waffen und den archaischen Kampf.“ Auf mittelalterlichen Veranstaltungen in ganz Europa zieht der Budberger als Hauptmann mit Schwert in die Schlacht. Ein nicht ganz ungefährliches Hobby, das den 48-Jährigen vor kurzem beide Schneidezähne gekostet hat. „Andere gehen Boxen“, sagt er. „Für mich ist der Kampf in der Schlacht mein Adrenalinkick.“

„Reenactment“ nennt sich so eine möglichst authentische Neuinszenierung historischer Ereignisse. „Das ist überall weiter verbreitet als in der kulturellen Ödnis Deutschlands“, findet Schneevoigt. Für ihn ein generelles Problem: „Schon im Geschichtsunterricht in der Schule galoppiert man nur so vom 5. bis zum 15. Jahrhundert.“ Danach komme nur noch das Dritte Reich. „Leider wird unsere Geschichte immer auf diese furchtbaren Jahre reduziert. Dass es ein großes geschichtliches Erbe in Deutschland gibt, ist völlig in den Hintergrund gerückt.“

Mittelaltercamping statt Kegeltour

Doch die Begeisterung für das Mittelalter, sie komme mehr und mehr in Deutschland, auch am Niederrhein an, glaubt Angela Schneevoigt van Dyck: „Vielen geht es um die Entschleunigung.“ Mittelaltercamping etwa löse langsam Kegelclubtouren ab. Auch in den Sozialen Netzwerken ist das Mittelalter längst angekommen: Die Kommunikation der Szene laufe über Facebook und Co., sagt Uwe Schneevoigt. „Absurder Weise wäre das heutige Mittelalter ohne Internet gar nicht möglich...“