Der Mann sucht den Dialog der Religionen

Ali Onat ist als erster Muslim in Kamp-Lintfort mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet worden.
Ali Onat ist als erster Muslim in Kamp-Lintfort mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet worden.
Foto: Ulla Michels
Was wir bereits wissen
Ali Onat ist Muslim, lebt in Kamp-Lintfort am Niederrhein und ist mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet worden. Weil er sich für den Dialog der Religionen und Kulturen einsetzt.

Kamp-Lintfort..  Es war das Telefonat, das Ali Onat in seinem Leben nie mehr vergessen wird. Er habe es nicht glauben können, als Landrat Dr. Ansgar Müller anrief, um ihm mitzuteilen, dass er den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland verliehen bekommen werde.

Damit wurde Onat zum ersten Muslim in Kamp-Lintfort, der das Bundesverdienstkreuz erhielt. Für seine Verdienste um die Verständigung der Völker, für seine unermütliche Integrationsarbeit. Dinge, die in Zeiten hoher Flüchtlingszahlen gefragter sind denn je.

Wann haben Sie entschieden, sich für ihre Mitmenschen und die Gesellschaft zu engagieren?

Ich war erst der dritte junge Mann aus meinem Heimatdorf, der in die Stadt gehen durfte, um die Schule zu besuchen. Ich habe Armut gesehen und weiß, wie wichtig Bildung ist.

Ich habe dieses Bedürfnis zu helfen von meinen Eltern geerbt. Als ich nach Deutschland kam und später stellvertretender Obersteiger auf der Zeche wurde, kamen Menschen zu mir und haben mir gesagt, ich solle Vorsitzender des Ausländerbeirates in Kamp-Lintfort werden. Und so begann es dann.

Sie haben sich gleich eine der schwierigsten Aufgaben überhaupt vorgenommen und schon 1996 den Theologenkreis gegründet und so Geistliche verschiedener Religionen in den Dialog gebracht.

Das war zu Beginn nicht einfach, aber mit Uwe Döring hatte ich einen tollen Geschäftsführer an meiner Seite, der unglaublich viel für unsere Anliegen geleistet hat. Wenn einer der Theologen anfangs einen Termin nicht wahrnehmen wollte, dann habe ich so lange bei ihm vorgesprochen, bis er doch gekommen ist. Man muss bei solchen Dingen viel Geduld haben. Wir alle müssen Geduld haben miteinander und kleine Rückschläge dürfen nicht dazu führen, dass wir aufgeben.

Haben Sie jemals ans Aufgeben gedacht?

Natürlich hatte ich Momente, in denen ich frustriert war. Aber oft hilft es, wenn man seinen Frust sacken lässt und dann kurz darauf einen neuen Versuch unternimmt. Ich habe die Unkultur des Wegsehens nie akzeptiert und werde das auch nie. Ich werde natürlich weitermachen.

Sie haben Jahrzehnte lang die Integrationsarbeit in Kamp-Lintfort begleitet und gestaltet. In diesen Zeiten kommen viele Flüchtlinge nach Deutschland. Wie kann es gelingen, sie alle in unserer Gesellschaft ankommen zu lassen?

Wir sollten sie nicht nur als Flüchtlinge sehen. Ich sehe Väter, Mütter, Großeltern, die ihre Familien beschützen wollen. Diese Menschen müssen wir herzlich willkommen heißen. Wir müssen hier mehr tun, um die Situation zu bewältigen. Wir sollten die Verwaltung bei ihren Arbeiten mehr unterstützen. Vielleicht hat jemand die Möglichkeit, Wohnraum für eine Familie anzubieten. Vielleicht können wir gemeinsame Feste und Treffen organisieren, um einander kennenzulernen und Vorurteile abzubauen. In Kamp-Lintfort haben wir eine ähnliche Situation schon einmal erlebt. Als in den 90er Jahren viele Menschen aus Bosnien flohen und zu uns kamen.

Wir haben das damals wunderbar geschafft, und wir werden das wieder schaffen.

Wo sehen Sie Probleme?

Es gibt keine Probleme, sondern nur zu erledigende Aufgaben. Es geht nicht alles von heute auf morgen. In jeder Stadt gibt es individuelle Aufgaben. Jeder Einzelne kann etwas tun. Ich darf nicht davon erzählen, ich muss es vorleben. Das ist wie mit allen Dingen des Lebens. Alles beginnt mit mir selbst. Wenn ich es schaffe, selbst etwas zu tun, kann ich Vorbild für andere sein, die dann auch etwas Gutes tun wollen.

Es gibt Menschen, die versuchen, die steigenden Flüchtlingszahlen als Bedrohung auszulegen und politisch Kapital daraus zu schlagen.

Menschen haben Angst vor Dingen, die sie nicht kennen. Um dagegen etwas zu tun, müssen wir viel mehr miteinander reden. Nicht übereinander. Und dabei beginnt alles mit der Sprache. Menschen, die hierher kommen, müssen die deutsche Sprache lernen. Ich bin schon lange hier und spreche sie noch immer nicht perfekt, aber wenn ich zeige, dass ich mir große Mühe gebe, dann wird das von meinem Gegenüber auch honoriert. Diese Gesellschaft muss die Flüchtlinge auch als Chance begreifen. Viele von den Menschen werden bei uns bleiben,und sie alle haben Potenziale, die uns weiterbringen können. Denn manchmal wird aus der Not auch etwas ganz Großes geboren.

Ali Onat wurde 1954 im Dorf Arapcesme in den Dardanellen geboren. Mit 15 Jahren kam er 1970 nach Deutschland, um auf der Zeche zu arbeiten. Er bildete sich zum Maschinenbauingenieur vor und war als Maschinensteiger auf dem Bergwerk in Lintfort beschäftigt. Über die Stadt sagt er heute voller Stolz, dass sie seine Heimat geworden ist. Eine Heimat, für die er gerne noch mehr tun möchte, um sie noch lebenswerter zu machen.