Der Gran Torino vom Niederrhein

Jens Wibbelhoff unterwegs in seinem Liebling.
Jens Wibbelhoff unterwegs in seinem Liebling.
Foto: FUNKE Foto Services
Was wir bereits wissen
Jens Wibbelhoff aus Löhnen ist Oldtimer-Liebhaber und fährt den einzigen 72er Gran Torino in der Region – eine Spazierfahrt, vorbei an Kühen und Feldern

Am Niederrhein.. Wer auf dem Beifahrersitz neben Jens Wibbelhoff Platz nimmt, fühlt sich fast wie zuhause – auf dem Wohnzimmersofa. Überzogen mit gestreiftem Stoff im Seventies-Gartenstuhl-Look ist die Sitzbank weich und groß genug für Drei. Die Füße versinken im grasgrünen Teppich im Fußraum, ein Original aus dem Jahr 1972. Zurücklehnen, ausstrecken und los geht’s: Ein bisschen Hollywood-Feeling gehört natürlich dazu, wenn Jens Wibbelhoff mit seinem Gran Torino die Straßen am Niederrhein entlang röhrt. Nur das Popcorn fehlt...

Dabei sei der Oldtimer, Baujahr 1972, „so wie ich“, vielmehr das Traumauto seiner Frau, erzählt der 43-jährige Kfz-Mechaniker aus Voerde-Löhnen: Sie habe den Wagen vor zwei Jahren im Internet gesucht – und in Holland gefunden. Schuld ist natürlich Clint Eastwood: Seit der 2008 das Drama „Gran Torino“ in die Kinos brachte sei die Ford-Familienkutsche aus dem Amerika der 70er-Jahre auch in Deutschland „Massenware“ geworden, sagt Jens Wibbelhoff. Immerhin: 27 zugelassene 72er Gran Torinos gibt es deutschlandweit, die Wibbelhoffs fahren den einzigen am Niederrhein.

Aber bitte mit Motorengebrüll

Und da gucken alle, selbst die Kühe auf der Weide, wenn Jens Wibbelhoff in seinem metallic-grünen Schlitten an Wiesen und Kopfweidenalleen vorbeibraust. „Das bullige Erscheinungsbild, der Ami-V8-Sound – mir geht’s ums Cruisen, aber auch darum, mal richtig aufs Gas zu drücken und den Motor brüllen zu lassen.“ So wie die amerikanischen Jungs bei ihren legendären Straßenrennen in den 60er Jahren. „Die hatten keine Kohle für teure Autos.“ Also kauften sie alte und holten alles raus, was nicht drin bleiben musste, um die Autos schneller zu machen. Nach diesem Vorbild habe Ford später den Gran Torino gebaut: „mit spartanischer Ausstattung und einem großen, schnellen Motor.“

Durch die geöffneten Fenster rauscht zum Motorensound der Wind; das Radio – „Technik von vor 40 Jahren“ – hat der Autoschrauber ausgebaut. „Es gibt Oldtimer-Fans, bei denen muss jede Schraube und jedes Kabel original sein. Mir ist wichtig, dass technisch alles funktioniert.“ Der Soundtrack läuft stattdessen in Wibbelhoffs Kopf: AC/DC und Judas Priest. Oder „Racing in the Street“ von Bruce Springsteen: „Der Song sagt alles, was man wissen muss.“ Gran Torino fahren, das sei eben ein Lebensgefühl. Und auch gesehen zu werden gehöre dazu, sagt Wibbelhoff und lässt seinen bunt tätowierten Arm lässig aus dem Fenster baumeln. Der schwarzrote Nautilusstern darauf, ein Abbild der Kompassrose der Seefahrer, habe auch für ihn am Steuer eine besondere Bedeutung: „den frommen Wunsch, immer heil nach Hause zu kommen.“

Wenn der Tacho 55 Meilen zeigt, fliegen Felder, Bäume und Windräder nur so vorbei. „Bei 90 km/h laufen Autos wie der Gran Torino am besten“, weiß der 43-jährige Löhnener. Die Landstraße von Voerde über Wesel nach Hamminkeln ist seine Route 66. „Nach Amerika zieht mich nichts. Am Niederrhein kann man doch wunderbar fahren...“

Für Jens Wibbelhoff gab es schon wildere Zeiten auf den Straßen: „Eigentlich komme ich ja aus der Motorradszene.“ Mit einer Yamaha XT 500 fing damals, während der Ausbildung, alles an. „Die habe ich einem Bauern aus Hünxe abgekauft, der hat seine Kühe damit eingetrieben“, erinnert sich Wibbelhoff an seine erste große Liebe. „Himmelblau lackiert war die. Und von oben bis unten voll mit Kuhscheiße.“ Heute noch schraubt und bastelt er nachts in seiner Garage am liebsten an Motorrädern, um sie dann, nicht ohne Wehmut, zu verkaufen: „Seit wir Kinder haben, sind wir auf Autos umgesattelt.“ Erst auf einen Opel Commodore, dann einen Rekord. Und jetzt der Gran Torino.

Spazierfahrten? Nein, danke!

Anders als in Clint Eastwoods Film steht der nicht nur in Familie Wibbelhoffs Auffahrt und sieht gut aus: „Ich donner’ mit der Karre überall hin, zum Einkaufen und zur Arbeit. Die Sonntagnachmittags-Spazierfahrt gibt’s bei uns nicht.“ Vormachen müsse man sich aber nichts: „Klar ist es ein Problem, so ein Auto im Winter zu fahren“, sagt Wibbelhoff. „Dann wird’s nicht richtig warm und Streusalz will man dem Lack auch nicht antun. Das rostet wie Teufel.“ An solchen Tagen steigt der Oldtimer-Fan lieber in seinen giftgrünen, brandneuen Caddy. „Aber bis es wieder so weit ist, dauert es zum Glück noch eine Weile...“