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4. Teil: Das Angelus-Läuten im Dom zu Xanten

Der Gong Gottes

07.09.2012 | 23:00 Uhr
Der Gong Gottes
Ein Pfundskerl, dieser kleine Viktor von 1634. Mit ihm wird täglich der Angelus geläutet.Foto: Volker Herold

Xanten.   Jeden Tag muss der kleine Viktor ran. Mit der Glocke wird zum Angelusgebet geläutet.Im Xantener Dom ist das Alltag und Tradition, anderswo ein Problem.

Der kleine Viktor ist ein schwerer Junge. 250 Kilo bringt er auf die Waage. Zum Glück muss ihn Bruno Müller nicht von Hand schwingen, er setzt sich automatisch in Bewegung. Der Küster muss nur die Zeitschaltuhr einstellen, dann läutet die Glocke los. Dreimal täglich, um kurz nach sieben, zwölf und 18 Uhr – zum sogenannten Angelus, dem Engel des Herrn.

Wie, um sieben Uhr? Jaja, bestätigt Bruno Müller. „Irgendwann hat sich das bei uns um eine Stunde nach hinten verschoben. Die Leute wollen halt nicht mehr so früh geweckt werden“, erzählt er. Er selbst habe kein Problem damit, er steigt immer um fünf Uhr aus dem Bett. „Dann kann ich in Ruhe meinen Kaffee trinken und die Zeitung lesen.“ Und danach in aller Seelenruhe den Dom aufschließen.

Eigentlich findet er es „schade“, dass nun um sieben Uhr zum Angelus geläutet wird. Wieder so eine Tradition, mit der gebrochen wurde.

Das Angelusläuten ist seit dem 13. Jahrhundert bezeugt. Es geht zurück auf die Stundengebete des Franziskaner-Ordens im italienischen Pisa. Die Kirche übernahm diesen Brauch von den Mönchen.

Dreimal am Tag läutet die Glocke zum „Engel des Herrn“, jeweils morgens (Laudes), zur Mittagszeit (Sext) und am Abend (Vesper). Und dazu wird der Angelus gebetet. Das Gebet beginnt mit dem Gruß des Engels an Maria. Engel heißt auf Lateinisch Angelus, daher der Name. Das ganze Gebet ist im Gotteslob Nummer 2, Abschnitt 7, abgedruckt.

Das Angelusgebet und -geläut hat sowohl einen theologischen, als auch einen weltlichen Sinn.

Dreimal am Tag sollen Christen aus dem Alltag heraus über den Horizont blicken. Sie sollen daran erinnert werden, wie Gott in die Erdenzeit eintrat. Es ist die Geschichte von Maria, die vom Engel Gabriel die Nachricht erhielt, dass durch sie Gott Mensch werden will (Lukas Evangelium, Kapitel 1).

Andererseits war es in Zeiten, in denen es keine Armbanduhren oder Handys gab, eine wichtige Zeitangabe für die Menschen. Die Glocken läuteten zum Arbeitsbeginn, zur Mittagspause und zum Feierabend. Auf dem berühmten Gemälde des französischen Malers Jean-François Millet aus dem 19. Jahrhundert ist ein bäuerliches Paar zu sehen, das mitten auf dem Feld zum Gebet innehält. Später in der Kunstgeschichte wurde das Thema immer wieder aufgegriffen, unter anderem vom spanischen Maler Salvador Dalí.

Andere Zeiten, andere Sitten. Heutzutage ist das Angelusläuten mancherorts zu einem Streitpunkt geworden. Im August 2001 etwa wurde erst vor dem Amts-, dann vor dem Verwaltungsgericht in Trier darüber verhandelt. Der Kläger fühlte sich durch das frühmorgendliche Läuten um 6.15 Uhr belästigt – und wollte eine Verlegung auf sieben Uhr erreichen. Das Gericht wies die Klage ab. Zur Begründung hieß es unter anderem: Liturgisches Glockenläuten im herkömmlichen Sinne sei „keine erhebliche Belästigung, sondern eine zumutbare, sozialadäquate Einrichtung“ (Az.: 5 K 563/00).

In Xanten, so Bruno Müller, habe sich bisher noch nie jemand über das Angelusläuten beschwert. Hier wird, wie am Niederrhein bis ins Rheinland üblich, das Angelusläuten mit einer Schlagfolge eingeleitet. Diese besteht aus drei Pulsen mit je drei Schlägen, die jeweils durch eine Pause von zehn bis 20 Sekunden getrennt werden. In diesen Zwischenzeiten soll „Der Engel des Herrn“ gebetet werden. Die drei Schläge werden mit einem Hammer ausgeführt, der ganz kurz auf die Anna-und-Antonius-Glocke haut.

Und danach muss der kleine Viktor ran. Rund fünf Minuten lang läutet er nach.

Kurios wird es in Xanten übrigens zur Mittagszeit. Um Punkt 12 Uhr läutet natürlich auch die evangelische Kirche, die nur ein paar Meter Luftlinie vom Xantener Dom entfernt steht. „Die läuten uns immer dazwischen“, sagt Bruno Müller. Stören würde es ihn aber nicht. „Besser so, als dass überhaupt keine Glocken mehr läuten“, findet er. Ein Satz für die Ökumene.

Ingo Plaschke


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