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Der Fall der Pappeln

18.10.2009 | 20:27 Uhr
Der Fall der Pappeln

Am Niederrhein. Die Mitteilung, die der Niersverband vor einigen Tagen an die Presse schickte, umfasst zehn Zeilen, liest sich flüssig und ist betont sachlich und nüchtern gehalten.

 Doch schon die Überschrift lässt einen tief und fest verwurzelten Niederrheiner aufhorchen: „Pappelfällung an der Niers.”

Rrrrrrrrummmmms.

Wieder einmal verliert die Region ein paar Exemplare ihres Markenzeichens. Und das gleich reihenweise. Anders als die Kopfweide hat es die Pappel am Niederrhein zwar nirgends zu einem Wappensymbol geschafft, aber für die Tiefebene zwischen Rhein und Maas ist sie mindestens genauso sti(e)lprägend.

Jetzt werden Eschen und Eichen gepflanzt

Es gibt wohl keinen Bildband über den Niederrhein, in dem nicht ein spektakuläres Foto von einer Pappelreihe im Nebel zu bewundern ist. Auch und gerade die oft schnurgeraden Pappeln an der oft schnurgeraden Niers wurden schon oft auf Hochglanzpapier verewigt. Klischeehafte Bilder der Vergangenheit, der Fall des regionalen Symbols ist beschlossen Sache. Er ist beispielsweise im sogenannten Baumkonzept des Kreises Kleve festgehalten. Demnach werden mehr als 1000 Pappeln gefällt und müssen durch gleich viel Eichen und Eschen ersetzt werden.

Eben so, wie nun an der Niers. Zur Zeit lässt der Niersverband hier 38 und die Stadt Geldern zehn Pappeln abholzen. Keine Einzelfälle. Im Februar diesen Jahres ließ der Niersverband bereits in Mönchengladbach-Neuwerk und im vergangenen Jahr in Möncherngladbach-Odenkirchen sowie in Geldern und Kevelaer Pappeln vom Niersufer entfernen. „Alle Maßnahmen”, erklärt Margit Heinz, „sind mit dem Regionalforstamt Niederrhein abgestimmt.”

Begründet wird das Fällen der Pappeln mit der Holzwirtschaft und mit der Verkehrssicherheit. Erstens wurden nach dem Zweiten Weltkrieg viele der schnell wachsenden Pappeln nur gepflanzt, um das Holz später gewinnbringend verkaufen zu können. Die Pappel also ein Profitbaum. Zweitens ist die Pappel eine Weichholzart, deren Äste mit zunehmenden Alter abbrechen und auf den Boden fallen können, auch auch Auto- und Radfahrer oder Fußgänger. Die Pappel also ein Problembaum.

Im aktuellen Fall, so Margit Heinz, Pressesprecherin des Niersverbandes, „sind die Pappen von innen hohl. Manche von ihnen sind schon umgefallen, andere drohen umzufallen. Diese Gefahr wollen wir bannen.” Bisher sei eine Bank durch einen abgefallenden Ast zerstört worden.

„Minderwertige Bäume”

Bemerkenswert: Da es sich bei den Pappeln an der Niers um sogenannte Hybridpappeln handelt, die eigens für die Holzherstellung gezüchtet werden, weinen selbst Naturschützer diesen „minderwertigen Bäumen” kaum eine Träne nach. Die Mitarbeiter der Naturschutzstation in Kranenburg etwa konzentrieren sich lieber auf den Schutz der Schwarzpappeln.

Pappeln in Twisteden werden gefällt Foto: Heinz Holzbach

2006 wurde populus nigra, so der lateinische Name der Schwarzpappel, zum „Baum des Jahres” gekürt. Auch um auf ihre Gefährdung aufmerksam zu machen. Im selben Jahr wurden noch rund 3000 dieser Pappeln in Deutschland, rund 500 in Nordrhein-Westfalen und etwa 100 im Kreis Wesel gezählt.

Der Niederrhein wird mit zum ursprünglichen Verbreitungsgebiet der Schwarzpappel gerechnet. Sie stehen oft nah am Wasser, etwa in Auen oder an Ufern. Und bäumen sich gerne ein halbes Jahrhundert lang in den Himmel auf. Dicht an dicht reihen sie sich nebeneinander auf, recken ihre hölzernen Hälse 30 Meter und mehr in windige Höhen – und ihre Blätter rauschen so beruhigend im Ohr.

Der Verlust dieser Bäume hat sich bis ins Landesumweltministerium in Düsseldorf herumgesprochen. Der Chef des Hauses, Eckhard Uhlenberg (CDU) hatte vor drei Jahren mal in Rees-Empel eine Schwarzpappel gepflanzt. Eine politische Symbolhandlung, die zumindest vereinzelt Nachahmer findet.

An der Niers in Kevelaer hingegen lässt der Niersverband Erlen und Eschen als Ersatz für die gefällten Hybridpappeln pflanzen. Ob die auch so schön anzuschauen sind, werden vielleicht die kommenden Bildbände über den Niederrhein zeigen.

Ingo Plaschke

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