Der Bürger baut mit
15.02.2010 | 17:26 Uhr 2010-02-15T17:26:00+0100
Leiderdorp. Wie man über Großbaustellen informiert und Anwohner beteiligt, machen die Niederlande vor. Alle vier Wochen setzten sich die Verantwortlichen mit den Anwohnern an einen Tisch. Vielleicht sollte sich die Bahn bei der Betuweplanung mal ein Beispiel daran nehmen.
Probleme? „Ach Probleme. Wissen Sie, ich sehe das eher als Herausforderung.” Gerard van der Hoeven bleibt gelassen. Der Mann weiß, was ihn in den nächsten Wochen erwartet, aber das scheint ihn nicht sonderlich nervös zu machen: Gerard van der Hoeven steht vor einer heißen Phase, mit vielen endlosen Sitzungen mit Straßenbauunternehmern, vielen intensiven Gesprächen mit Anwohnern und zahlreichen Beschwichtigungen und Beruhigungen wütender Autofahrer. Das ganze Programm wartet auf Gerard van der Hoeven, der die ehrenvolle Aufgabe hat, in den kommenden fünf Jahren den sechsspurigen Ausbau der Autobahn A4 zwischen Amsterdam und Leiden zu begleiten – eines der wichtigsten und kompliziertesten Straßenbauvorhaben in den Niederlanden.
46 Jahre Diskussion
Gerard van der Hoeven ist für so etwas genau der richtige Mann: „Ich arbeite in dieser Region seit 14 Jahren, ich kenne hier viele Straßen und weiß, wovon die Leute reden”, sagt der Sprecher des niederländischen Straßenbauträgers Rijkswaterstaat. Diesmal kommt es für ihn allerdings besonders dicke: Die Autobahn A4 ist eine der meist befahrenen Straßen in Europa. 125 000 Autos nutzen die Bahn täglich, um zwischen Leiden und Amsterdam zu pendeln – oder besser gesagt im Stau zu stehen. Wer hier den Bagger ansetzt, dem klebt der Ärger schon an der Schaufel. 46 Jahre (!) wurde über den Ausbau der Autobahn diskutiert und gestritten. Und jetzt, im September 2009, rückten tatsächlich die ersten Straßenbaufirmen an, um das Millionen-Projekt in die Hand zu nehmen. Fünf Jahre wird man benötigen, um die 20 Kilometer lange Strecke zwischen Burgerveen und Leiden fertig zu stellen.
„Schneller geht es nun mal nicht”, sagt Gerard van der Hoeven. „Wir befinden uns hier in einem sehr dicht bevölkerten Gebiet. Da muss man Rücksicht nehmen. Wir verzichten darauf, nachts zu arbeiten und wir wollen auch, dass der Verkehr nach wie vor weiterfließen kann.”
Trotzdem wird es Ärger gehben, ganz sicher. Gerard van der Hoeven legt viel Wert darauf, dass man die Bürger von Beginn an beteiligt, um ihnen das Gefühl von Ohnmacht zu nehmen. Bei den Arbeiten sei der direkte Kontakt zu den Anwohnern enorm wichtig. Denn: Je besser die Leute informiert sind, desto weniger Ärger gibt es später.
Tipps vom Nachbarn
Seit einigen Jahren richtet Rijkswaterstaat bei großen Infrastrukturprojekten eine so genannte „Omgevingsgroep” ein, also eine Art zeitlich begrenzte Nachbarschaftvereinigung. In der Omgevingsgroep befinden sich Anwohner, Geschäftsleute, Vereine oder Vertreter einer Gemeinde. Alle vier Wochen setzten sie sich mit Gerard van der Hoeven von Rijkswaterstaat und den zuständigen Bauunternehmen an einen Tisch, um über die nächsten Bauabschnitte zu reden.
„Häufig ist es so, dass die Anwohner gute Tipps geben können, wie man etwa bei einer Straßensperrung den Verkehr am sinnvollsten umleiten kann. Wir diskutieren allerdings nicht über grundsätzliche Dinge. Dass die A4 ausgebaut wird, daran darf kein Zweifel bestehen”, so van der Hoeven, der beteuert, dass er ein gutes Verhältnis zu den Bürgern vor Ort habe. In Leiderdorp unterhält Rijkswaterstaat auch noch ein Besucherzentrum zum Ausbau der A4. (www.w4.nl oder www.rijkswegA4.nl)
Dass es Anwohner und Autofahrer gibt, die sich über den Ausbau der A4 aufregen, kann van der Hoeven nachvollziehen: „Wir reden hier natürlich über eine Dauerbaustelle für die kommenden fünf Jahre. Ich habe jedes Verständnis dafür, dass es viele Leute gibt, die das nervt. Wir sind hier richtig schwer zu Gange. Der meiste Bauverkehr wird über die Autobahn erfolgen – und damit sind natürlich Probleme verbunden. Wir baggern hier, rammen Pfähle in den Grund, das geht nicht ohne Lärm und Erschütterungen. Aber grundsätzlich denke ich, dass wir ja dem Autofahrer und dem Anwohner helfen wollen. Nach fünf Jahren wird der Verkehr zwischen Amsterdam und Leiden wieder schneller fließen können.”
Alles sei eine Sache der Kommunikation. „Man kann den Menschen auch dicke Kröten zumuten, wenn man sie denn nicht im Glauben lässt, dass 'die da oben' eh machen was sie wollen”, sagt van der Hoeven.
Wenn das Haus abgerissen wird
Auf sein pädagogisches Geschick kommt es in den nächsten Wochen an: Zwischen Burgerveen und Leiden gibt es 50 Brücken, Aquädukte und andere Bauwerke, die teils abgerissen, neu gebaut oder verbreitert werden müssen. Die Autobahn kreuzt den Ringvaart-Kanal bei Burgerveen, die Hochgeschwindigkeitsstrecke HSL-Zuid bei Leiderdorp und den Oude Rijn in der Nähe von Leiden. Für die Hochgeschwindigkeitsstrecke und den Oude Rijn muss die Autobahn bis zu 15 Meter tiefer gelegt werden. An einigen Stellen müssen Häuser abgerissen werden, die sich unmittelbar an der Autobahn befinden. „Da haben wir noch einige Aufklärungsarbeit vor uns”, sagt van der Hoeven. „Aber das schaffen wir schon.”
Hintergrund
Die A4 besteht bereits seit 50 Jahren, sie wurde immer mal wieder ausgebessert und erneuert. Aber es blieb bei den vier Spuren. „In den 50er Jahren sind hier vielleicht 5000 oder 6000 Autos am Tag gefahren, heute sind es 125.000 Autos.” Der Ausbau der A4 wird zirka 880 Millionen Euro kosten. Bis zum Jahr 2012 soll die erste Bauphase abgeschlossen und die Hälfte der Arbeiten fertig sein.
23:10
Wie man über Großbaustellen informiert und Anwohner beteiligt, machen uns Deutsche die Niederlande vor. Vielleicht sollte unsere Politiker und Verwaltungen sich mal an den Niederlanden ein Beispiel nehmen
Von den Nachbarn lernen - nicht nur wo es die nächste Tüte oder das billigste Päckchen Kaffee gibt.
22:16
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