Das „größte Schiff der Welt“

Am 8. Januar kam die „Pieter Schelte“, das größte Arbeitsschiff der Welt, im Hafen von Rotterdam an.
Am 8. Januar kam die „Pieter Schelte“, das größte Arbeitsschiff der Welt, im Hafen von Rotterdam an.
Foto: WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
Bereits vor 27 Jahren entwarf Edward Heerema, Gründer des Unternehmens Allseas S. A., das erste Konzept für den Bau der „Pieter Schelte“. Am vergangenen Donnerstag erreichte das „größte Schiff der Welt“ den Hafen von Rotterdam.

Rotterdam..  Trotz kräftigem Wind und strömendem Regen haben sich am Donnerstagnachmittag am Hafen entlang hunderte Schaulustige eingefunden um die „Pieter Schelte“, das größte Arbeitsschiff der Welt, bei ihrer Ankunft im Hafen von Rotterdam zu begrüßen. Allard Castelein, Generaldirektor des Hafenbetriebs, und der Hafenkapitän René de Vries gehen zwei Stunden vorher an Bord eines vergleichsweise winzigen Schleppers, der von den hohen Wellen hin und her gestoßen wird. Sie wollen den Koloss schon vor der Küste Rotterdams in Empfang nehmen.

Das Warten hat ein Ende

Schließlich haben sie alle auch lange genug warten müssen. 27 Jahre ist es bereits her, dass Edward Heerema, Gründer des Unternehmens Allseas S. A., das erste Konzept und Pläne für den Bau der „Pieter Schelte“ entwarf. Ursprünglich sollten zwei alte Supertanker miteinander verbunden werden, doch vor zehn Jahren wurden die Pläne überarbeitet. Und trotzdem: Von vorne sieht es fast so aus, als bestünde die „Pieter Schelte“ aus zwei Teilen, die von einem riesigen Mittelstück mit Kran und Turm zusammengehalten werden.

Mit einer Länge von 382 Metern und einer Breite von 124 Metern ist „Pieter Schelte“ laut Pressemit­teilung das derzeit größte Schiff der Welt. Die Gesamtkosten liegen bei etwa drei Milliarden US-Dollar. „Es gab zwar schon längere Schiffe“, erklärt René de Vries, „aber die Breite ist schon etwas Besonderes.“ Der Hafen schätzt den Profit, den der gesamte Bau der niederländischen Wirtschaft bringen wird, auf rund 700 Millionen Euro. 440 verschiedene niederländische Unternehmen sind davon betroffen. Vor sieben Wochen, am 17. November 2014, verließ die „Pieter Schelte“ die Bauwerft Daewoo Shipbuilding and Marine Engineering (DSME) in Südkorea, die vor vier Jahren den Zuschlag für den Bau bekommen hatte. Von dort aus ging es mit Zwischenstopps in Singapur und Kapstadt Richtung Niederlande. Hier führen rund 1500 Arbeiter in den nächsten vier Monaten abschließende Montagearbeiten auf dem Binnensee der zweiten Maasvlakte durch. Unter anderem be­festigen sie 65 Meter lange Trag­arme am Schiff. Im April ist die „Pieter Schelte“ dann bereit für ihren Einsatz auf hoher See.

Entwickelt wurde „das größte Schiff der Welt“ vom nieder­ländisch-schweizerischen Offshore-Unternehmen Allseas S.A. mit Hauptsitz in Châtel-Saint-Denis, um große Bauteile in der Offshore-Industrie zu installieren und zu demontieren.

48 000 Tonnen Hubkapazität

Bis zu 48 000 Tonnen kann der Kran mit Kippvorrichtung heben und so die integrierten Decks von Bohrinseln mit nur einer Bewegung in einem Stück deinstallieren. Doch die „Pieter Schelte“ arbeitet nicht nur schneller und günstiger als vergleichbare Arbeitsschiffe, sondern auch umweltfreundlicher. Bislang müssen die Bauteile der Bohrinseln auf hoher See noch in ihre Einzelteile zerlegt werden, um sie demontieren zu können, wobei das Risiko besteht, dass Ölreste aus Rohren austreten und ins Meer gelangen.

Drei integrierte Decks von Bohrinseln soll die „Pieter Schelte“ zukünftig pro Jahr deinstallieren. Dabei nimmt die Abnahme selbst nur noch einen Tag in Anspruch. Zwischen diesen Einsätzen soll das Schiff genutzt werden, um Rohrleitungen zu verlegen.

Schwieriges Einparkmanöver

Nach jahrzehntelanger Planung, vier Jahren Konstruktion und einer siebenwöchigen Reise war es am Donnerstagnachmittag gegen 16 Uhr endlich so weit: Die „Pieter Schelte“ erreichte den Hafen von Rotterdam. Bis das Schiff seinen endgültigen Platz im Alexandriahafen an der Maasvlakte 2 eingenommen hatte, verging jedoch eine weitere volle Stunde.

Dieses „Einparkmanöver“ haben Kapitän und Lotsen in den vergangenen Monaten an einem Simulator geübt. „Es wird kein Spaziergang, aber es ist definitiv machbar“, sagt René de Vries ­Hafenkapitän in Rotterdam. Trotz der enormen Größe sei die „Pieter Schelte“ gut zu manövrieren, eng werde es jedoch am letzten Teil des Hafenzugangs, denn dort lasse ­die Fahrrinne gerade einmal 20 Meter Platz an beiden Seiten des Schiffs bis zum Ufer. Dass das „größte Schiff der Welt“ nach Rotterdam gekommen ist, freut Allard Castelein, den Generaldirektor des Hafenbetriebs: „Wir zielen auf eine weitere Verstärkung Rotterdamer Offshore-Sektors ab.“

Daher passe es gut in das Konzept des Hafens. Mit 14 Knoten bewegt sich die „Pieter Schelte“ durch die Gewässer und bahnt sich ihren Weg sogar durch 40 Zentimeter starkes Eis, so dass sie auch am Nordpol eingesetzt werden kann. Doch den Titel „größtes Schiff der Welt“ wird die „Pieter Schelte“ wohl nicht lange behalten.

Denn das Unternehmen Allseas S. A. plant bereits ein zweites, noch breiteres Schiff, das bis zu 50 Prozent mehr Hubkapazität haben soll. ­Damit können dann auch die 13 Bohrinseln am Nordpol bearbeitet werden, für die selbst das derzeit größte Schiff der Welt noch etwas zu klein ist.