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Das Fünf-Gang-Pferd

01.09.2008 | 19:30 Uhr

REITEREI. Das Glück der Erde ist bei den Isländern ein bisschen tiefergelegt. Aber dafür gibt es die Sänfte gratis: Im Tölt.

Schluss mit dem Geschockel - diese hier legen den Sänften-Gang ein.

RHEURDT. Das "selbstgebraute Bier" läuft. Richtig schön sogar. Philipp, der Chef im Sattel, schwebt auf Wolke sieben. "Sieht gut aus", lobt Trainerin Sarah Dreesen den kleinen Reiter und sein Pferd. Dunkelbraunes Fell, weiße Mähne, da hatte Gambri seinen isländischen Namen schnell quitt.

Hjartanlega velkomin, herzlich willkommen auf dem Islandpferdehof in Rheurdt. Aus der zweiten Etage beobachtet Matthias Bender das Treiben im "Sandkasten". Erst vor knapp zwei Monaten ist die Reithalle fertig geworden. "Wir haben uns unseren Lebenstraum erfüllt", lächelt der 36-Jährige stolz. Mit seiner Frau Kerstin Seifert hat der Moerser hier am Bergdahlsweg ein kleines Paradies aus dem Ackerboden gestampft.

Kleine Pferde ganz groß

Mit Letti und einem Fohlen im Stall fing's an. Im Juni 2004 war das. Da schaute Nachbarstochter Jana vorbei und schwang sich als Erste etwas verwundert auf das Islandpferd. Eine Rasse, die mit einem Stockmaß von 1,35 bis 1,45 Meter wesentlich kleiner ist als ein Vollblüter. "Viele steigen vom Großpferd um", weiß Mattes Bender. Das Geheimnis der Erde liegt für viele auf dem Rücken genau dieser Pferde: Sie sind ruhig, freundlich, kooperativ, umgänglich. "Und saubequem zu reiten." Zwei zusätzliche Gänge neben Trab, Schritt und Galopp sind dafür verantwortlich: Der Pass und vor allem der Tölt. Das Pferd hat hierbei immer ein Bein auf dem Boden, der Rücken bleibt somit fast erschütterungsfrei.

Viele Monate schon waren der gelernte Elektriker, der erst mit 30 Jahren beruflich umsattelte, und die Diplom-Pferdewirtin und Agraringenieurin auf der Suche nach einem geeigneten Hof, waren im Saarland und Raum Jülich unterwegs. Der Entschluss, sich selbstständig zu machen, war längst gefasst. Auch wenn das Eigenkapital nicht gerade üppig war, das Ziel war nie im Weg. Mattes Bender machte Praktika, wälzte Fachliteratur, machte das Reitabzeichen und den "Goldenen Tölter". Die Homepage im Internet war vorsorglich schon reserviert, nun musste die Vision nur noch zur Realität werden.

Überraschend wurde das Paar dann fast vor der Haustür fündig, pachtete vor den Toren Rheurdts zunächst einen Stall und ein Stück Land der Geschwister Laars, übernachtete anfangs noch im Stall. Seit vergangenem Jahr wohnen die beiden Pferdenarren nun auf dem Hof, haben acht Hektar Land und die angrenzende Halle gepachtet. Und mächtigen Zulauf. 116 Reitschüler sind in der Kartei, die Ferienangebote für Kinder waren ausgebucht.

Glückliche Pferde erfreuen auch den Menschen. "Wir leben für unsere Tiere", betont Mattes Bender. Die Vierbeiner genießen eine offene Stallhaltung, können sich überall frei bewegen. Das Pferd in einer Box? Für die beiden Tierliebhaber keine artgerechte Haltung. "Wir wollen die Natur erleben mit ausgeglichenen Pferden, sind überzeugte Freizeitreiter." Auf der anderen Seite bedeutet das Knochenarbeit. Die 80-Stunden-Woche ist eine Selbstverständlichkeit. "Ein Job zum Glücklichwerden, nicht zum Geldverdienen", weiß Mattes Bender. "Ohne Idealismus geht's nicht."

Hier kann man die Seele baumeln lassen

Inzwischen ist der Pferdehof ein Schmuckstück. Töltbahn, Longierzirkel, Stutenstall und Halle sind fertig, da halfen die handwerklichen Fähigkeiten des Hofbesitzers. Und die Passbahn soll bald folgen. Ein Dutzend Schulpferde, daneben ein Deckhengst, stehen im Stall, eine Angestellte kümmert sich zusätzlich um die Tiere der Kunden. Wie um Sindri, den Funkensprühenden, das Pferd von Liane Helmig aus Straelen. "Ich fühle mich auf Großpferden einfach nicht wohl. Islandpferde erschrecken nicht so schnell, da kann man die Seele baumeln lassen. Genau das Richtige, um zu entspannen." Derweil biegt Philipp mit Gambri auf die Zielgerade ein. Eigentlich reitet er lieber auf Letti, der Leichtfüßigen: "Die töltet so schön."

Gut, dass der "Selbstgebraute" das nicht gehört hat...

CHRISTIAN SCHYMA

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