Dann wird Moers zur Schlafstadt

Moers..  In Zeiten knapper Kassen gerät die Kultur immer wieder in den Fokus. Fast jeder dritte Moerser kann sich seine Stadt ohne Moers Festival, fast jeder vierte ohne Schlosstheater vorstellen. Der frühere Bundesminister Dr. Jürgen Schmude als Mitbegründer des Freundeskreises des Schlosstheaters kann das nicht. Warum, sagt er im Interview.

Wie würden Sie sich eine Stadt vorstellen ohne freiwillige Leistungen wie Moers Festival und Schlosstheater?

Dr. Jürgen Schmude: Es gibt solche Städte, auch in etwa der Größenordnung von Moers. Diese lehnen sich mehr oder weniger an benachbarte Großstädte an nach der Devise: Wenn Ihr so etwas wollt, geht dahin. Bei uns gibt’s das nicht.

Geht doch alle nach Duisburg?

Dann wird Moers zur Schlafstadt. Mit einer Grundversorgung und keinem eigenen Profil. Dann ist eine Stadt nur noch ein Anhängsel. Und wie sich das auswirkt, etwa nach der kommunalen Neuordnung vor 40 Jahren, darf man in Homberg und Rheinhausen besichtigen. Und Rheinhausen war die größte Stadt im damaligen Kreis Moers.

Was hab’ ich davon, wenn ich ein eigenes Profil habe, aber kein Geld in der Tasche?

Als Prototypen, die kein Geld in der Tasche haben, werden uns zur Zeit im Zusammenhang mit der Grundsteuer B die Witwen mit ihren schmalen Witwenrenten genannt. Aber niemand macht den Vorschlag, für sie eine Sonderregelung zu treffen, die dann bei den anderen die Belastung bestehen lassen würde. Da will niemand so richtig ran.

Sind Sie es nicht müde, über die Moerser Kultur und die Ausgaben dafür zu reden?

Nein, ich bin schon daran gewöhnt. Es wiederholt sich. Schon kurz nach der Gründung des Schlosstheaters ging es los damit. Es gab schon in den 80er Jahren einen Antrag im Rat, den die CDU-Fraktion gestellt hat, die Mittel für das Schlosstheater gänzlich zu streichen. Originell ist daran, dass der damals unterschreibende Fraktionsvorsitzende, Dr. Hans-Albrecht Meyer-Stoll, später mit mir und anderen zusammen den Freundeskreis des Schlosstheaters gründete und ein überzeugter Anhänger des Theaters ist.

Haben Sie eine Lösung für das Finanz-Problem?

Es gibt keine Patentlösung. Wo immer man zugreift, trifft man Menschen, die auf etwas verzichten sollen. Das schließt es aus zu sagen: Sport ja, Kultur nein. Da heißt es, die wirklichen Kostenfaktoren ins Auge zu nehmen und daran zu arbeiten.

Uns werden als Kommunen große Lasten auferlegt. Die dafür gewährten Zuschüsse von Land und Bund sind durchweg unzureichend. An der Front muss weiter gekämpft werden. Und es müssen alle Ausgaben weiter geprüft werden: Muss das sein oder ist zum Beispiel ein Radweg, der Stein für Stein verlegt wird, Luxus?

Sehen Sie denn noch Sparpotenzial?

Man könnte die gesamte Kultur wegsparen, ohne dass sich die finanzielle Lage der Stadt wesentlich ändert. Beim Moers Festival ist schon drastisch gespart worden. Beim Schlosstheater geht auch nichts mehr. Sonst kommt die Kritik von der anderen Seite: Die bringen ja nichts zustande mit ihrem kleinen Format. Aber es gibt andere Vorschläge zum Sparen wie die Zusammenarbeit mit anderen Kommunen in der Beschaffung.

Können Sie nachvollziehen, warum solche Ergebnisse wie in unserem Bürgerbarometer zustande kommen?

Das ist das Schicksal einer Minderheitseinrichtung. Würde das Schlosstheater nur 100 000 Euro kosten, es wäre das gleiche. Bei Abstimmungen erwischt es die Schwächeren am ehesten. Erst wenn das Theater geschlossen wäre, würden viele begreifen, was sie verlieren.

Was sich im Theater mit seinen Sitzplätzen abspielt, ist ja nur ein Teil des Geschehens. An unendlich vielen Plätzen erlebt man das Ensemble, und das in vielen gesellschaftlichen Bereichen. Die Schauspielerinnen und Schauspieler sind bekannt und beliebt in der Stadt, sie gehören zu uns.