Dank, dem alten Degenhard
26.12.2008 | 19:13 Uhr 2008-12-26T19:13:00+0100
Was wäre nur aus Kevelaer geworden, hätte es Degenhard Bartram nicht gegeben? Man mag gar nicht darüber nachdenken. Aber zum Glück war der einstige Freiherr von Loe (1622 bis 1689) auf Schloss Wissen in Weeze ein gläubiger, treuer Katholik. Sonst wäre der Niederrhein, nein, das ganze Land und selbst
Denn – und bitte jetzt nicht vom Glauben abfallen – das Hagelkreuz, wo es einst die Marienerscheinung gegeben haben mag, steht auf Wissener Grund. „Die katholische Kirche soll das allerdings erst bemerkt haben, als die Wallfahrtsbewegung bereits in vollem Gange war”, sagt Dieter Kastner, Archivar und Historiker der Archivberatungsstelle des Landschaftsverbandes Rheinland (LVR).
Und das ist belegt anhand von Papieren und Schriftwechseln zwischen Bischof und Schlossherrn. Die hat Kastner in den vergangenen zehn Jahren aus dem Archivboden von Schloss Wissen gekramt. Rund 3 500 Urkunden aus dem 13. bis Ende des 18. Jahrhunderts stellet der Historiker zusammen.
Sie entstammen dem Familienarchiv auf Schloss Wissen, das zu „einem der bedeutendsten und umfangreisten Privatarchive am unteren Niederrhein zählt”, bestätigt der heutige Schlossherr Raphael von Loe. Die zusammengefassten, übersetzten und interpretierten Urkunden wurden nun in einem vierten und letzten Band der „Urkunden des Gräflich von Loeschen Archivs von Schloss Wissen” veröffentlicht. Er umfasst die Zeitzeugnisse aus dem 17. und 18. Jahrhundert. „In diesem letzten Band beschäftigen wir uns vor allem mit den Leuten, die auf Schloss Wissen gelebt haben”, erklärt Archivar Kastner.
Wer sie waren, was sie, wann gemacht haben, stehe im Vordergrund. Nur so sei Geschichte lebendig und auch für junge Menschen interessant. Mit den Urkundenregesten konnte der Archivar neue, historisch wichtige Verknüpfungen zwischen Personen und Orten aufgedecken. Wie die vom Kevelaerer Kapellchen, das auf Wissener Grund steht, beispielsweise.
Aus den alten Dokumenten geht hierzu übrigens auch hervor, dass Degenhard Bartram von Loe der katholischen Kirche das Grundstück überließ. Allerdings unter bestimmten Bedingungen: „Sollte das Gelände irgendwann nicht mehr für die Wallfahrt genutzt werden oder Protestanten versuchen den Boden zu erwerben, fällt der Grund mit allen darauf befindlichen Gebäuden an die Herren von Wissen zurück”, fasst Archivar Kastner den Schriftwechsel zusammen. „Dieses Recht gilt auf immer und ewig”.
Etwas für die Ewigkeit hat auch die zweite zentrale Figur des neuen Regestenbandes hinterlassen: Wessel von Loes (1566 bis 1625) urkundlich belegte Spuren führen heute sogar noch bis nach Bonn. Der hoch gebildete Herr von Wissen interessierte sich besonders für die Römer. Er unterstützte seinerzeit die archäologischen Arbeiten in der Colonia Ulpia Traiana in Xanten.
Und so konnte ein historisch sehr bedeutender Stein – der einzige, der noch an die Varusschlacht erinnert – ausgegraben und erstmals von Wessel von Loe auf Schloss Wissen ausgestellt werden. Danach begann eine lange Reise des Relikts durch mehrere Jahrhunderte und Museen bis nach Bonn. „Heute ist der Stein Kern der Ausstellung im Rheinischen Landesmuseum”, berichtet Kastner.
Viele wissenswerteund vergessene Geschichten über die Menschen aus allen Schichten, die damals in der Region lebten oder auch weiter entfernt in Städten wie Aachen und Düsseldorf oder sogar über die Grenze hinaus bis in die Niederlande hinein, entdeckte Dieter Kastner in den alten Urkunden. Jetzt sind sie für jedermann nachzulesen.
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