Bei Yfke und Nihl, Jamie und Jacco

Sprachforscher Dr. Georg Cornelissen im Kindergarten St. Martin in Kranenburg-Zyfflich.
Sprachforscher Dr. Georg Cornelissen im Kindergarten St. Martin in Kranenburg-Zyfflich.
Foto: Funke Foto Services
Was wir bereits wissen
Warum die KInder in Zyfflich alle wissen, wass ein „Lepel“ ist.

Zyfflich..  Wer denkt, ein Sprachforscher habe einen langweiligen Schreibtisch- und GuckindieBücher- und HörabdieKassette-Job, der täuscht sich. Aber hallo! Wir haben den Sprachforscher des LVR (Landschaftsverband Rheinland) Dr. Georg Cornelissen, auf seiner kleinen niederrheinischen Spracherkundung begleitet. Und wo haben wir ihn nicht überall entdeckt:

1.: Im Straelener Stadtarchiv – gut, das konnte man erwarten.

2.: Knierutschend vor den Bücherregalen in der nur selten öffentlichen Heimatstube in Winnekendonk – wenn das kein Forscher-Elan ist!

3.: auf dem Eltener Friedhof - beim Studium der Nachnamen auf den Grabsteinen...

Und nun 4., hockt der Wissenschaftler auf einem für ihn viel zu kleinen Stühlchen und singt mit den Kindern des Kindergartens St. Martin in Zyfflich das Lied von dem Kraken Nimmersatt! „Die meisten Niederrheiner sagen wahrscheinlich die Krake“, so der Kommentar des Wissenschaftlers.

Das alles ist kein Ausgleichs-Hobby für dröge Schreibtischarbeit sondern harte Feldforschung: Zyfflich ist wie Kranenburg, so der Wissenschaftler, „ein einzigartiges Sprachlabor“, ein wunderbares Forschungsfeld für eine zukünftige Sprachgeschichte Nordrhein-Westfalens. Was daran liegt, dass den Kindern von Zyfflich der Dialekt völlig abhanden gekommen ist.

Wo die Liebe hinfällt

Aber dafür wachsen die Kinder von Zyfflich zweisprachig auf: „Dreizehn unser 27 Kinder haben niederländische Eltern“, sagt Kindergartenleiterin Sabine Verhoeven. Der Sprachalltag in den Grenzorten ist also ein völlig anderer geworden – ob beim Plausch mit dem Nachbarn, beim Behördengang oder eben auch in Kindergarten und Schule, die zweisprachige Angebote machen.

„Das wäre vor einer Generation doch undenkbar gewesen“, sagt Georg Cornelissen. Dass Niederländer ihre Kinder in deutsche Kindergärten schicken – und umgekehrt. In den letzen Jahrzehnten sind sehr viele Niederländer in die deutschen Grenzorte gezogen. Und außerdem: Wo die Liebe hinfällt, es gibt so viele niederländisch-deutsche Ehen wie nie zuvor. Und so sprechen und singen die Erzieherinnen und ihre Schützlinge perfekt Deutsch und perfekt Niederländisch. Die Kleinen heißen Maarten und Yfke, Simon und Jacco, Jamie, Elayne und Nihl – raten Sie mal, was „deutsche“ Vornamen sind....? Jamie, Elayne und Nihl!

Es tut sich also eine ganze Menge im grenznahen Sprech- und Sprachraum. Simon ist selbstbewusste viereinhalb Jahre alt und wundert sich, dass der Mann mit der Brille, der Georg heißt, sich wundert, dass er, Simon, weiß, was auf Niederländisch Löffel heißt. „Lepel“ – weiß doch jeder, oder? Kerstin, die Erzieherin, kniet mit Johann auf dem Boden und bastelt Papierflugzeuge – man unterhält sich fließend Niederländisch. Frau Kerstin stammt aus Wyler und ist – ein Strich mehr in der Statistik-Recherche-Liste des Wissenschaftlers – mit einem Niederländer verheiratet. Für alle hauptsächlich Deutsch sprechenden Kinder gibt es einmal in der Woche kleine Niederländisch-Kurse. Und wenn Yfke und Johann sich in die Wolle kriegen, hat das nix mit deutsch-niederländischen Ressentiments zu tun, sondern liegt einfach daran, dass beide jetzt das Papierflugzeug starten wollen.

„Man darf gespannt sein, wie sich die Sprachwelt im grenznahen Raum entwickeln wird“, sagt Dr. Georg Cornelissen. Das bislang letzte niederländische Wort, dass den Sprung in den niederrheinischen Sprachgebrauch geschafft hat, ist fiets – für Fahrrad. Beim Wortgeschlecht sind sich die Niederrheiner nicht einig: „Die einen sagen die Fiets, die anderen: der Fiets“, so Cornelissen. „Deutsches Sprache, schweres Sprache!“

Er ist in Winnekendonk aufgewachsen und kennt die Sprach- und Sprechgewohnheiten der Niederrheiner wie kaum ein anderer: Dr. Georg Cornelissen.

Donnerstag, 11. Juni, 19-21 Uhr, wird er uns erklären, warum Menschen fiff sagen, wenn sie fünf meinen. Oder die Jansens in Kleve sich anders schreiben als die Janßens in Rheinberg.


Wir laden herzlich ein zu einem landeskundlichen Abend mit Quiz und Spaß und mit Dr. Georg Cornelissen.


Museum Kevelaer, Hauptstraße 18, 19-21 Uhr. Eintritt frei.