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Bahn bremst die Feuerwehr aus

16.11.2011 | 18:04 Uhr
Bahn bremst die Feuerwehr aus

Am Niederrhein.   Betuwe-Linie: Beim Thema Sicherheit will sich das Unternehmen nicht mit Sicherheitsexperten an einen Tisch setzen.

Manfred Flore, Sprecher der Oberhausener Bürgerinitiative „Betuwe - so nicht“, brachte es auf den Punkt: „Stellen Sie sich vor, ein Zug brennt, die Feuerwehr steht vor einer Lärmschutzwand und kann nicht helfen. Das wird einen Aufschrei der Empörung geben“, sagte der Feuerwehrmann am Mittwoch auf der Fachkonferenz Notfallsicherheit entlang der Betuwe-Linie.

Während Vertreter aller beteiligten Feuerwehren, des NRW-Innenministeriums, der Bezirksregierung Düsseldorf, drei Bundestagsabgeordnete und viele weitere Experten an dieser Konferenz teilnahmen, glänzte die Deutsche Bahn AG trotz Einladung und nachdrücklicher Bitten der beteiligten Bundestagsabgeordneten um Teilnahme durch Abwesenheit. „Wir bedauern es sehr, dass die Bahn heute nicht kommen will“, betonen die Abgeordneten Mike Groschek (SPD) und Sabine Weiss (CDU) unisono.

Überraschend war die Absage der Deutschen Bahn allerdings nicht, sondern eher passend zum bisherigen Verhalten gegenüber den Sicherheitskräften. „Es war deprimierend. Wir wurden behandelt wie dumme Jungs“, berichtet Gerd Auschrat, Sprecher der Feuerwehren entlang der Betuwelinie über ein erstes Gespräch bei der Bahn im Juli. Auch ein Folgetermin Anfang Oktober brachte lediglich atmosphärische Verbesserungen. In der Sache bewegte sich die Deutsche Bahn kaum. Im Gegenteil: Zugesagte Dokumente wurden bis heute nicht geliefert.

Wehren fordern fünf Komplexe

Im Wesentlichen sind es fünf Komplexe, die die Wehren entlang der Betuwe aus Sicherheitsgründen von der Deutschen Bahn fordern:

Alle 200 Meter soll in die Lärmschutzwände eine Sicherheitstür eingebaut werden, damit die Sicherheitskräfte schnell an jeden Einsatzort gelangen können. Eine Richtlinie des Eisenbahnbundesamtes, die aber noch nicht um gesetzt worden ist, sieht lediglich vor, die Lärmschutzwände alle 1000 Meter zu öffnen.

Die Feuerwehr will flächendeckend Wasseranschlüsse, die eine Entnahme von 6000 Liter Wasser pro Minute zulassen. Darauf will sich die Bahn nicht einlassen.

Die Sicherheitsexperten fordern, dass die Bahn die Oberleitungen schneller stromlos schalten kann und mehr Einrichtungen zur Erdung des Reststroms baut. Die Bahn lehnt das aus Kostengründen ab.

Bevor Feuerwehrleute die Gleise zu Rettungsarbeiten betreten dürfen, muss der Notfallmanager der Deutschen Bahn die Strecke freigegeben haben. Bis die Bahn-Angestellten mit Dienstsitz in Duisburg und Wohnsitz in Emmerich und Voerde am Unfallort sind, vergehen rund 30 Minuten. Diese Reaktionszeit muss aus Sicht der Feuerwehr verkürzt werden.

Der Zugang zu den Gleisen muss erleichtert werden: Deshalb soll die Deutsche Bahn die Baustraßen, die zu den Gleisen führen, erhalten. Hier zeichnet sich eine Einigung ab. Allerdings zu Lasten der Kommunen, die diese Wege in ihren Bestand übernehmen und unterhalten müssen.

Hinzu kommt, dass die unterschiedlichen Karten und Programme der Deutschen Bahn und der Feuerwehr nicht aufeinander abgestimmt sind. „Es passiert häufig, dass die Bahn einen Rettungswagen anfordert und statt auf eine Adresse auf ihre Streckenpläne verweist. Das muss wesentlich besser aufeinander abgestimmt werden“, betont Gerd Auschrat. Oberhausen hat übrigens die einzige Berufsfeuerwehr und muss im Ernstfall auch Unterstützung entlang der gesamten Strecke leisten. In allen anderen Städten und Gemeinden arbeiten Freiwillige Feuerwehren, die gegebenenfalls um hauptamtliche Kräfte ergänzt werden.

Die Bundestagsabgeordneten Mike Groschek (SPD), Sabine Weiss und Marie Luise Dött (CDU) wollen dafür sorgen, dass nun im Projektbeirat über das Notfallsicherheitskonzept der Feuerwehren diskutiert wird. Rechtlich ist das Schwert der Abgeordneten allerdings stumpf. Die Deutsche Bahn kann nach der geltenden Rechtslage, die noch aus dem 19. Jahrhundert stammt, selbst über ihr Sicherheitskonzept entscheiden.

Kommentar: Keine Privilegien

Das Verhalten der Deutschen Bahn, trotz Einladung nicht zur Fachkonferenz Notfallsicherheit der Feuerwehren entlang der Betuwe-Linie zu erscheinen, ist unglaublich instinktlos. Haben die Herren bei der Bahn denn aus dem Desaster Stuttgart 21 nichts gelernt? Oder warum glauben die Bahner, ohne Not auf die Kompetenzen der Feuerwehr verzichten zu können?

Bei den Sicherheitskräften handelt es sich noch nicht mal um aufgebrachte Wutbürger, sondern um hochprofessionelle Experten, denen es lediglich darum geht, ihren überlebenswichtigen Job erledigen zu können.

Ohnehin ist es an der Zeit, die zum Teil noch aus dem 19. Jahrhundert stammenden Privilegien der Deutschen Bahn abzuschaffen. Es darf nicht sein, dass sich im Jahr 2011 ein Unternehmen in einem beteiligungs- und bürgerrechtsfreien Raum bewegen darf.

Markus Peters

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Kommentare
18.11.2011
15:16
Sicherheit gibt`s nicht zum Nulltarif!
von KHJansen | #3

Sicherheit gibt’s nicht zum Nulltarif!
Das die „Sicherheit“ an der Trasse extrem bedenkenswert ist, hat nur einen einzigen Grund, die aktuelle Gesetzeslage. Im Grunde ist es nicht das Bundeseigenunternehmen was hier an den Pranger gehört, sondern ihr Eigentümer, DER BUND (Politik) die für die Gesetzeslage verantwortlich ist!
Das Fernbleiben der DB AG soll so aber keineswegs entschuldigt werden.
Eine Gesetzeslage die aus dem 19. Jahrhundert stammt, ist politisch beschämend!
Ein Beispiel: der Rettungsweg muss nur 80 cm breit sein. Warum? Dieses Gesetz stammt aus Dampflokzeiten. Bahndämme, welche durch die Dampfloks in Brand gesetzt wurden, konnten so von Feuerwehrmännern zu Fuß erreicht werden um diese Brände mit Löschdecken zu löschen.
2011 fahren tausende Tonnen Gefahrgüter über die Betuwe-Route, Tendenz steigend, immer schneller im Mischverkehr.
Bei Einsätzen an der Trasse stehen die Wehren vor enormen Problemen. Verbauung, Felder und Wiesen machen die Trasse unzugänglich. Selbst Allradfahrzeuge werden in Feldern und Wiesen versinken, hohe Bahndämme gestalten die Erreichbarkeit, die Brandbekämpfung und die Rettungsmaßnahmen äußerst schwierig. Abstimmungsprobleme zwischen den Verantwortlichen der Bahn und den Wehren sorgen immer wieder für zusätzliche Gefahren. Nach einer angeblichen Streckensperrung wegen starken Gasgeruchs an der Trasse, rauschte plötzlich ein ICE durch den gesperrten Raum.
Im Straßenverkehr sind die LKW Hersteller in den letzten Jahrzehnten sehr stark reglementiert worden. Mit dem Ergebnis, dass sich diese Branche in punkto Sicher- und Wirtschaftlichkeit immer weiter entwickelt hat, zum Vorteil aller Betroffenen.
Ich meine, dass die Deutsche Bahn durch fehlende Reglementierungen und falsche politische Entscheidungen (Streckenstilllegungen) den heutigen Bedingungen und Bedürfnissen im Güterverkehr und anderer Transportmittel weit hinterher hinkt, und leider viele Jahre noch hinterher hinken wird.
Damit sich was ändert, müssen die betroffenen Kommunen mit öffentlichen Protesten den Anfang machen. Solche Protestaktionen wie in Rheinland-Pfalz, Hessen, Baden Württemberg sucht man am rechten Niederrhein leider vergebens.
Ein dreigleisiger Ausbau ist meines Erachtens nur Flickwerk mit extremen technischen Problemen, welche nicht zu lösen sind, zudem würden die zu Recht geforderten Sicherheitsvorkehrungen den finanziellen Rahmen explodieren lassen.
Der internationale Güterverkehr muss, da wo es möglich ist, raus aus den Städten, so wie es uns das „kleine Holland“ vorgemacht hat.
MfG Karl-Heinz Jansen

1 Antwort
Ignoranten
von Pit01 | #3-1

Lieber Herr Jansen, Sie haben es richtig dargestellt. Der Bund, also unsere Politiker träumen in dieser Sache vor sich hin, oder nehmen die Gefahren nicht ernst. Auch bin ich wie Sie derselben Meinung, dass die betroffenen Bürger an der Betuwe zwischen Emmerich und Oberhausen, mit Verlaub " den Hintern nicht hochkriegen". Eine Mentalität, bei der der Hut hoch geht. Man könnte boshaft sagen, "geschieht Euch doch recht, wenn ihr Euch nicht wehrt".

18.11.2011
07:58
Das hat ja schon bei der Loveparade gut funktioniert!
von sirajolu | #2

Das ist wohl ein Zeichen sehr beschränkter Lernfähigekeit und immenser Ignoranz.
Schon bei der Loveparade wurden Bedenken der Rettungskräfte ignoriert. Hier sollte der Herr Minister Ramsauer mal den ganz spitzen Stiefel auspacken und damit motivierend auf die Zuständigen einwirken. Für so einen Blödsinn haben die sich einen kräftigen A....tritt redlich verdient.
Selbst auf jedem größeren Sommerfest auf der freien Wiese gibt es Notfallpläne etc. aber die Bahn darf alles ignorieren. In den Niederlanden wurde diesen Bedenken Rechnung getragen.
Warum nicht auch bei uns? Geld?
Die Bahn transportiert Menschenmassen und alle Arten von Gefahrgütern. Im Ernstfall steht die Feuerwehr hinter der Schallschutzwand und muss tatenlos zusehen wie die Leute dahinter verrecken oder die Gefahrgüter abfackeln.
Ganz tolle Idee!

17.11.2011
10:30
Ignoraten
von Pit01 | #1

Markus Peters hat völlig ins Schwarze getroffen. Die Privilegien der Bahn gehören dringend auf den Prüfstand. Es kann doch wohl nicht sein, dass das Sicherheitsbedürfnis Tausender Bahn-bzw. Betuwe-Anlieger mit Hinweis auf über 100 Jahre alte Bahngesetze ignoriert werden. Wir schreiben das Jahr 2011 !

1 Antwort
Wie vor 100 Jahren?
von scouti | #1-1

Warte mal, damals gab es keine überfüllten Züge, der Beförderungsfall war Kunde oder sogar König/Kaiser. Es gab Service.

Nachher macht die Bahn mit der neuen Strecke Gewinne, für das drumherum sollen die Kommunen usw. die Kosten und dann auch die lfd,. Aufwendungen tragen. Eine schöne Idee der Bahn.

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