Auf den Spuren der Walser
13.11.2012 | 17:36 Uhr 2012-11-13T17:36:00+0100
Niederrhein/Schweiz. Drei Generationen über vier Pässe - Familie Hümbs aus Kamp-Lintfort hat die Wanderstiefel geschnürt und ist in ein großes Abenteuer aufgebrochen. Eine Reisebericht - in Auszügen.
Wir sind gerne in den Bergen unterwegs. Dort, wo früher das Meer war, gibt es heute eine zerklüftete Berglandschaft, die uns herausfordert und die Natur erleben lässt. Meine Kinder, Simon (8 Jahre) und Jonas (14 Jahre) sind in den Ferien immer mit uns im Allgäu gewesen, Jahr für Jahr, im Sommer, Herbst und Winter. 2005 starteten meine Mutter Gisela und ich in Oberstdorf im Allgäu den Walserweg. Er geht quer durch die Schweiz auf den Spuren der ersten Siedler, den Walsern. Mein älterer Sohn drängte mich dieses Jahr, mitgehen zu dürfen mit den Worten: „Was eine fast siebzigjährige Oma schafft, das schaffe ich auch.“
Also machten wir uns zu viert auf den Weg - jeder mit seinem Rucksack „beschwert“ standen wir am 10. Juli 2012 am Duisburger Bahnhof: Gisela Hümbs (68), die Omi, hatte fast 20 kg Gepäck, Jonas mit Kameraausrüstung und Essen/Trinken ca. 8 kg, der kleine Simon ca. 6 kg und ich (47) mit „Notmatte“ und Schlafsack, Karten und Büchern, Kleidung, Nahrung und Digitalkamera wohlüberlegte 15 kg.
Eine Reise ins Ungewisse. Keine Übernachtung war ausgemacht, weil wir nicht wussten, wie weit wir es an einem Tag schaffen würden. Der Zug fuhr ein, wir suchten uns Plätze, die Kids packten ihren Gameboy bzw. ihre Playstation portable aus. Später würden sie die Geräte nur noch tragen müssen...
Schreck über das Schweizer Preisniveau
Wir rauschten dem Ziel Chur/Schweiz entgegen. Als wir dann noch mit der Rhätischen Bahn wie in einer Spielzeugwelt über sieben Brücken hinter den sieben Bergen nach Arosa fuhren, war der Gameboy weggepackt. Die erste Hotelsuche in Arosa zeigte uns gleich das Schweizer Preisniveau. Am nächsten Morgen ging es früh rauf zum Rot Tritt. Gott sei dank hatten wir die Bergschuhe am Niederrhein eingelaufen. Bis abends sollten wir die Hütte auf der Jochalp erreichen (2050m). Wir schauten runter auf Chur. Ein schweres Gewitter kam auf, der Blitz schlug in unserem Lager ein. Der Omi entwich ein Schrei. Tischtennisballgroße Hagelkörner fielen auf das Seitendach. Schrecken und Erstaunen wechselten sich ab.
Frühmorgens ging es weiter nach Vaz vor Thusis. Unterwegs fütterten wir Eichhörnchen aus der Hand. In Vaz, man hatte uns gewarnt, gab es kein Hotel und keine Pension. Doch die Omi besorgte uns ein herrliches Zimmer bei einem schwerhörigen Opa... Wir waren bei einem echten Walser angekommen. Sein Haus, war von 1801. Wir frühstückten Birnbrot aus getrockneten Früchten mit Milch.
Schnupfen und Muskelkater als Begleiter
Schnupfen und Muskelkater begleiteten uns. Der Walserweg ist als solcher nur abschnittweise ausgeschildert; wir suchten kleinere Etappenziele auf den Wegweisern. Als wir das gewachsene Walserdorf Thusis erreichen, gönnte Omi uns Ovomaltine. Ein Schweizer Malzpulver, das stärkt und schmeckt, hier sogar als Eis am Stiel. Der Stadtlärm von Thusis weckte uns früh. Regen verdeckte den Blick auf das Piz Beverin (2998m). Vom Güner Lückli ging es nach Duvin. Hier gab es „Übernachten im Stroh“. Die Bäuerin erfreute uns mit selbstgebackenem Brot und Milch. Ich hatte eine neue Karte gekauft und viele Vorräte. Damit ging es über den Pass Distrut zur legendären Greinaebene. Wir mussten uns sehr anstrengen, genossen aber auch die Weite der Landschaft. Ein Fluss mäandrierte durch eine unglaublich weite, Ebene, steinig, aber auch begrünt, die von Bergen umschlossen war. Die Terrihütte ließen wir rechts liegen, die am Abend erreichte Hütte Motteraccio war voll. Oh weh!
Wir marschierten weiter - kamen um 21 Uhr, nach 15 Stunden (!) doch noch in einem Ristorante an. Acquacalda, ein Naturschutzreservat, erreichten wir am nächsten Tag. Doch es war geschlossen. Dafür trafen wir auf einen Campingbus aus Duisburg-Rheinhausen (!). So klein ist die Welt. Den Passo Colombo schafften wir mit Mühe. Doch die Capanna Cadagno (AV) kurz danach hatte Platz für uns. Ich schlüpfte in die Plastikclogs, die als Hüttenschuhe bereitstanden. Sie kommen aus den Fabriken im Tal, wir kennen sie als Gartenclogs. In der Hütte war es heimelig und es gab Polenta.(...)
Am 25. Juli rasten wir mit dem Zug von Aerolo zurück nach Deutschland. Froh und glücklich. Die Kondition hat bei allen gereicht. Im nächsten Jahr werden wir dem Walserweg weiterfolgen - bis nach Zermatt.
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